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Goebbels auf Arabisch (Teil I): Nazi-Radiopropaganda im Zweiten Weltkrieg

 

Von Matthias Küntzel

Schlüsselfigur der arabischen NS-Kollaboration: Amin el-Husseini. (Bundesarchiv, Bild 146-1978-070-04A / Mielke / CC-BY-SA 3.0)

Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen, während der letzten Augusttage 1939, mussten Nazi-Agenten in Ägypten dieses Land fluchtartig verlassen. Sie ließen dabei Schriftstücke in ihren Wohnungen zurück, die dem britischen Geheimdienst in die Hände fielen. Die spärlichen Dokumente waren von hoher Brisanz, machten sie doch klar, dass die Nazis mit der ägyptischen Muslimbruderschaft in einem weitaus engeren Verhältnis standen, als bis dahin angenommen. Ägypten war das wichtigste Land dieser Region. Hier wurde der spätere Hitlerstellvertreter Rudolf Heß, dessen Familie seit 1865 in Alexandria lebte, geboren. Hier hatte dessen Bruder Alfred Heß schon 1926 damit begonnen, die Landesgruppe Ägypten der NSDAP-Auslandsorganisation, die einige Hundert Mitglieder zählte, aufzubauen. Der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft war es zwischen 1936 und 1938 mittels ihrer antisemitischen Palästina-Kampagnen gelungen, ihre Mitgliederzahl von 800 auf 200.000 erhöhen. Bis 1945 entwickelten sie sich zur einflussreichsten Massenbewegung Ägyptens und zum wichtigsten Träger des islamischen Antisemitismus in der arabischen Welt.

Die Schriftstücke, die die Briten bei den Wohnungsdurchsuchungen entdeckten, bewiesen, dass die Muslimbruderschaft von Nazi-Stellen Gelder erhielt, „deren Summe beträchtlich höher lag als die Beträge, die anderen antibritischen Aktivisten angeboten wurden“, so der Islamwissenschaftler Brynjar Lia. „Dieser Geldtransfer scheint von Hadj Amin el-Husseini [dem Mufti von Jerusalem – MK] und einigen seiner palästinensischen Kontaktpersonen in Kairo […] koordiniert worden zu sein.“ Der 30-seitige Bericht Note on German Suspects – Egypt, den ich im britischen National Archive fand, enthüllt darüber hinaus, dass NS-Vertreter an Konferenzen der Muslimbruderschaft teilnahmen, dass deutsche Stellen „Palästina-Treffen“ mit den Muslimbrüdern durchführten und über dieses Thema auch unmittelbar mit Hassan al-Banna, dem Führer der Muslimbruderschaft, sprachen. Ein gewisser Dr. Walter Uppenkamp, seines Zeichens „Schulungsleiter“ der Ortsgruppe der Kairoer NSDAP, lud Ägypter und speziell die Mitglieder der Muslimbruderschaft zu Vorträgen über „die Judenfrage“ ein, während Ernst Engelen, der stellvertretende Vorsitzende dieser Ortsgruppe, in seinen Notizen über eine deutsch-ägyptische Zusammenarbeit bei der Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen in Palästina berichtet.

Ich erwähne die Wohnungsfunde von Ende August 1939, weil sie zeigen, dass die Nazis bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs mit arabischen Judenfeinden eng kooperierten und weil sie klar machen, dass der Krieg diesen Agenten die Möglichkeit unmittelbarer Einflussnahme entzog: Deutsche diplomatische Vertretungen wurden geschlossen und Nazi-Propagandisten, die sich nicht rechtzeitig aus dem Staub machten, inhaftiert oder des Landes verwiesen.

Krieg über den Äther

Allerdings war der Zweite Weltkrieg ein Krieg, in dem nicht nur zu Lande, Wasser und in der Luft, sondern – über alle Fronten hinweg – auch im Äther gekämpft wurde. Mehr noch: Seitdem alle anderen Einflussmöglichkeiten entzogen waren, avancierte die arabischsprachige Radio-Propaganda zum nunmehr wichtigsten Instrument, um den arabischen Massen die Nazi-Standpunkte und Mobilisierungsaufrufe nahezubringen.

Radiohören war damals eine öffentliche Angelegenheit. Man lauschte dem Empfänger in Kaffeehäusern oder auf dem Basar; mal wurde das Radio an einer Palme aufgehängt, um die sich die Informationshungrigen scharten, mal wurde der Empfänger im Garten des Bürgermeisters zum Sammelpunkt der Ältesten eines Dorfs. Was man hörte, wurde unvermittelt Gesprächsthema, sodass sich der Kreis der Empfänger vergrößerte.

Am 25. April 1939 lief die erste arabischsprachige Nazi-Sendung über den Äther, am 26. April 1945 die letzte. Diese sechsjährige Dauerbeschallung erweist sich im Rückblick als Zäsur, die die Geschichte des Nahen Ostens in ein „vorher“ und ein „nachher“ teilt. Sie verankerte den islamischen Antisemitismus im Bewusstsein der ‚arabischen Straße‘ und beeinflusste, wie zu zeigen sein wird, selbst noch die Nachkriegszeit.

Radio Zeesen

Erscheint in Kürze: „Nazis und der Nahe Osten“ von Matthias Küntzel.

Die Machart und der Wortlaut der Hetze, die die Nazis während dieser Jahre in die arabische Welt sendeten, sind quellenmäßig gut belegt. So sind im Berliner Bundesarchiv  Kopien der deutschsprachigen Sendemanuskripte für die Zeit vom 8. Januar 1940 bis zum 31. August 1941 nahezu lückenlos vorhanden. Dem damaligen amerikanischen Botschafter in Ägypten, Alexander C. Kirk, ist es zu verdanken, dass auch die Inhalte der meisten nachfolgenden Sendungen überliefert sind. Für den Zeitraum zwischen September 1941 und April 1942 schickte Kirk regelmäßig zusammenfassende Berichte über die arabischsprachige Radiopropaganda der Nazis an seine Vorgesetzten in Washington. Für die Zeit zwischen April 1942 und Februar 1945 wurden die Sendungen aus Zeesen auszugsweise stenographiert und wörtlich übersetzt. Im Wochenrhythmus sendete Kirk eine Zusammenstellung dieser Mitschriften an das State Department, wo man diese Dokumente sammelte. Der Historiker Jeffrey Herf war der erste, der diesen Fundus im National Archive der USA entdeckte und in seiner bahnbrechenden Studie Nazi Propaganda in the Arab World auswertete. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir für die Publikation des Buches „Nazis und der Nahe Osten“ das Gros dieser Sendemanuskripte zur Verfügung stellte.

Die arabischsprachige Radiopropaganda wurde im Gebäude Kaiserdamm 77 in Berlin aufgenommen und anschließend über eine Art Telefonleitung nach Zeesen – einem kleinen Ort 40 km südlich von Berlin – transferiert. Hier befanden sich die Sendeeinrichtungen des Nazi-Auslandsrundfunks mit Richtstrahler-Anlagen, die zu den modernsten der Welt gehörten. 1938 bezeichnete der amerikanische Rundfunkexperte César Searchinger den „riesenhaften“ Kurzwellensenderkomplex im kleinen Ort Zeesen als die „größte und mächtigste Propagandamaschine der Welt“ und seine „äußerst schlaue Technik der Meinungsbeeinflussung“ als die „fürchterlichste Institution zur Ausbreitung einer politischen Doktrin, welche die Welt jemals gesehen hat“. Das war übertrieben und doch nicht ganz falsch. So gehörten zur „schlauen Technik der Meinungsbeeinflussung“ sogenannte Geheimsender, die man in Berlin unter der Tarnbezeichnung „Concordia A“ führte. Einer dieser Geheimsender nannte sich zum Beispiel „Saud El urubah Alhurrah“ – „Die Stimme der freien Araber“ – und gab sich den Anschein, der Sender einer ägyptischen panarabischen Freiheitsbewegung zu sein. Dass er von Berlin aus sendete, wurde vertuscht. „Die Stimme der freien Araber“ konnte besonders grob gestrickte Propaganda und jede noch so absurde Falschmeldung verbreiten, solange deren Redner nur darauf achteten, den ägyptischen Lokalkolorit peinlich genau zu wahren. Anschließend konnten deutsche Nachrichtenagenturen die Desinformation des Geheimsenders aufgreifen und als authentisch verbreiten.

Gleich, aber anders

Während es im Zweiten Weltkrieg auch bei den übrigen Mächten üblich war, Geheimsender zu betreiben, zeichneten sich die Sendungen aus Zeesen durch einige Besonderheiten aus. Erstens sorgte die Grundüberholung der Sendeanlagen in Zeesen aus Anlass der Berliner Olympiade von 1936 für eine besonders gute Klangqualität auch in weit entfernten Regionen. Zweitens gelang es der Orient-Redaktion dieses Senders, Junis Bahri, den ehemaligen Sprecher des irakischen Rundfunks, als Ansager zu verpflichten. Mit seiner scharfen Stimme, seiner besonderen Fähigkeit, sein Stimmvolumen anschwellen zu lassen und seinen aggressiven Reden, die zuweilen ins Brüllen und Drohen übergingen, wurde seine Präsenz schnell zum Markenzeichen des Senders. Drittens zeichneten sich die Sendungen aus Zeesen durch einen derben, volkstümlichen Antisemitismus aus. Dieser Judenhass gehörte zum Kernbestand der nationalsozialistischen Überzeugung, er war zugleich aber auch Taktik, um Zuhörer an sich zu binden. Fakten spielten hierbei keine Rolle, auf die Stimmungsmache kam es an. Ein in Palästina am 13. Oktober 1939 angefertigter Bericht des britischen War Office über die Wirkung der deutschen Radiopropaganda trifft dessen Machart recht genau:

„Man kann ganz allgemein sagen, dass die mittlere und untere Klasse den arabischen Sendungen aus Berlin mit großem Vergnügen lauscht. Sie mögen das feurige, ,saftige‘ Zeug, was da rüberkommt; sie amüsieren sich über die verleumderischen und beleidigenden Angriffe auf britische Persönlichkeiten. Doch nicht mal der leichtgläubige Araber aus bescheidenen Verhältnissen kann all das schlucken, was die Deutschen über den Äther schicken. […] Was der durchschnittliche palästinensische Araber aber in sich aufnimmt, ist das Anti-Juden-Material. Das will er hören, daran will er glauben und er tut beides. In dieser Hinsicht ist die deutsche Propaganda definitiv erfolgreich.“

Islamismus aus Berlin

Das vierte Kennzeichen dieses Senders war seine islamische Ausrichtung. Radio Zeesen sprach seine Zuhörer nicht als Araber, sondern als Muslime an. So begann jede Nachrichtensendung mit der Rezitation von Versen aus dem Koran. Hierfür hatte sich Berlin eine Sondergenehmigung der Al-Azhar-Moschee in Kairo geholt. Man widmete den religiösen Feiertagen der Muslime (Opferfest; Geburtstag des Propheten; 1000. Geburtstag der Al-Azhar Moschee) viel Sendezeit. Zusätzlich wurde ein „religiöser Wochen-Talk“ institutionalisiert, der Themen wie „Der Islam, die Religion der Arbeit“ oder das „Verbot des Stolzes und der Selbstsucht“ behandelte. Bei all dem wurde die Rückkehr der Muslime zu ihren Wurzeln propagiert. Beispielhaft für diese Tendenz waren die Worte, die der Geheimsender „Die arabische Nation“ am 18. September 1942 um 18:00 Uhr sendete:

„Zwischen Demokratie und Islam gibt es keine Gemeinsamkeit. […] Die Araber und Muslime haben ihre eigenen Traditionen und Sitten. Es ist unsere Pflicht, diese Traditionen aufrechtzuerhalten, anstatt europäischen Sitten und Prinzipien zu folgen, die mit dem Islam nichts zu tun haben.“

Nachdem sich nicht nur Mustafa Kemal Atatürk, der Führer der Türkei, sondern auch sein iranischer Kollege Reza Schah von den Scharia-Vorgaben des Islam emanzipiert hatten, setzte sich Nazi-Deutschland also für die damals aufkeimende islamistische Bewegung, die „Rückwendung“ zu den islamischen Wurzeln, ein. Berlin wusste sich hier in Übereinstimmung mit der Position von Amin el-Husseini, dem Mufti von Jerusalem.

El-Husseini hielt sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Beirut auf. Schnell wurde ihm jedoch im Libanon, das unter französischem Einfluss stand, der Boden zu heiß. Er floh nach Bagdad, wo er sich Anfang April 1941 am pro-deutschen Putsch beteiligte. Nachdem Großbritannien Ende Mai 1941 diesen Putsch niedergeschlagen hatte, floh der Mufti in den Iran, der jedoch im August 1941 von britischen und sowjetischen Truppen besetzt wurde. Der Mufti musste unter abenteuerlichen Umständen erneut fliehen und landete im November 1941 schließlich in Berlin. Von nun an wurde der Antisemitismus der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda radikalisiert. Davon handelt der II. Teil.

Alle Quellenverweise finden Sie in Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin-Leipzig (Hentrich & Hentrich) Oktober 2019.

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