Mena-Exklusiv

Deutschland: Mit jüdischer Kunst gegen Hass auf Juden

 

Von Stefan Frank

Die Jüdische Kultur-Initiative (JKI) ist ein Verein in Gründung, der Boykottaufrufen gegen jüdische Künstler etwas Positives entgegensetzen will – jüdische Kunst. Am 15. September feiert er in der Bochumer Christuskirche seine musikalische Auftaktveranstaltung: ein Benefizfestival für die Freiheit der Künste. Der Erlös geht an durch Terrorangriffe traumatisierte Kinder in Israel. Zu den musikalischen Darbietungen gehören Klassik, Klezmer sowie israelische und schottische Musik.

„Israelbezogener Antisemitismus ist – leider – mehr als nur salonfähig geworden“, sagt die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die sich am Sonntag mit einer Ansprache an die Gäste des Benefizfestivals wenden wird, gegenüber Mena Watch. „Über diese Form des Antisemitismus müssen wir noch viel besser aufklären. Denn Politik, Kultur und Religion werden durch israelbezogenen Antisemitismus vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts in unzulässiger Weise vermischt. Das gefährdet den sozialen Frieden und Zusammenhalt auch hier in Deutschland.“ Die Jüdische Kultur-Initiative zu unterstützen, sei ihr deshalb sehr wichtig: „Die JKI setzt sich gegen Kulturboykott und für eine differenzierte Sicht auf den Nahostkonflikt ein.“

Der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der ebenfalls zu den Rednern gehören wird, sagte Mena Watch: „In Bochum zeigen wir Flagge für Kunstfreiheit und somit gegen [die Israelboykott-Bewegung] BDS. Wir setzen mit Kultur ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern des antiisraelischen Terrors. Letztes Jahr gerierte sich die Ruhrtriennale als Israelhassversteherin. Vielleicht geht ja dort auch jemandem ein Kronleuchter auf, dass Kunstfreiheit und die BDS-Boykott-Kampagne nicht zusammenpassen, sondern BDS gefährliche Räume schafft, in denen Antisemitismus gedeihen kann.“

Beck bezog sich mit seinen Aussagen auf die umstrittene Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, die letztes Jahr einen monatelangen Skandal provoziert hatte, weil sie aktive Befürworter eines Boykotts gegen israelische Juden eingeladen und „BDS“ verharmlost, verklärt und legitimiert hatte. Als sie ihr Handeln erklären wollte, machte sie alles noch schlimmer: In einer offiziellen Stellungnahme behauptete Carp damals grob wahrheitswidrig, der Israelboykott wende sich ja lediglich „gegen die derzeitige Politik der Regierung des israelischen Staates“ und setze sich „für die Rechte der Palästinenser“ ein.

Kunstboykott, auch in Deutschland

Zwar gibt es in Deutschland nur wenige BDS-Aktivisten, doch wie überall auf der Welt versuchen sie auch hier, ein Klima der Einschüchterung zu schaffen. In den letzten Jahren machten sie etwa Schlagzeilen, als sie zum Boykott des „Pop-Kultur Berlin Festivals“ aufriefen (weil dort Israelis mitspielen), israelische Filmveranstaltungen störten und an der Berliner Humboldt-Universität gewaltsam eine Diskussion mit der Holocaustüberlebenden Dvora Weinstein unterbrachen. Am Samstag stürmten Aktivisten eine Diskussionsveranstaltung des deutsch-israelischen Film- und Fernsehfestivals Seret International und forderten die Anwesenden zum Verlassen des Kinos auf.

Die BDS-Bewegung ist die Fortsetzung des Judenboykotts, den die Arabischen Liga im März 1945 auf ihrem Gründungstreffens ausrief. In BDS verbindet sich der Kampf für die Zerstörung Israels mit gewalttätigen Angriffen auf Juden und Drohungen gegen alle, die den Boykott nicht unterstützen. So ist etwa das Israel Philharmonic Orchestra (IPO), das 1935 von Bronisław Huberman als Palestine Philharmonic Orchestra gegründet wurde und viele jüdische Musiker vor den Todeslagern in Europa rettete, heutzutage bei internationalen Auftritten immer wieder Opfer von Störungen und hasserfüllten Demonstrationen, so erst Anfang des Jahres in New York. Ähnlich ergeht es israelischen Tanzgruppen und Musikern in vielen Ländern – auch in Deutschland.

„Kultur ist Verständigung und Koexistenz“

„Die Kunstfreiheit ist in Deutschland zwar im Grundgesetz verankert, trotzdem gibt es Bestrebungen, jüdische Künstler zu boykottieren“, sagt Gaby Spronz (63) – von Beruf Ingenieur –, der die Jüdische Kultur-Initiative zusammen mit der Freiburger Medienpädagogin Gabriela Schlesiger (63) gegründet hat. Beide leiten auch das Aktionsforum Israel, das auf Facebook über tausend Mitglieder hat. „Mit dem Benefiz-Festival haben wir uns entschlossen, neue Wege bei der Verteidigung unserer Rechte zu starten“, so Spronz. „Statt frontal gegen den BDS vorzugehen, wollen wir positiv für jüdische und israelische Künstler wirken und sie unterstützen.“

Gabriela Schlesiger führt persönliche Erlebnisse an, die sie dazu getrieben hätten, sich gegen die Boykotteure zu engagieren. So sei sie Ostern 2019 nach Israel gereist und habe dort „eine große kulturelle Vielfalt“ erlebt. Zurück in Deutschland sei sie von „BDS-Geschrei zum Boykottaufruf gegen Israel im kulturellen und akademischen Bereich“ regelrecht „überrollt“ worden. Das habe eine Antwort erfordert.

Sie und Spronz hätten dann im Gespräch die Idee zur Jüdischen Kultur-Initiative entwickelt. „Es gibt in den letzten Jahre Diskussionen darüber, wie Juden in Deutschland als solche in der Öffentlichkeit noch auftreten können“, erklärt Spronz. „Mit der Förderung jüdischer Kultur wollen wir jüdische Präsenz in Deutschland zeigen, die jüdische Kultur, die die westliche Kultur stark mitgeprägt hat, und so gegen Antisemitismus wirken.“ Jüdische Kultur sei „kein Fremdkörper“ in Deutschland, sondern „ein wesentlicher Bestandteil und eine der Säulen, auf der die deutsche Kultur“ stehe. „Auf diesem Weg wollen wir auch mentale Barrieren abbauen. Kultur ist Verständigung und Koexistenz.“

Für diese künstlerische Freiheit solle auch mit der Auftaktveranstaltung in Bochum am 15. September geworben werden, sagt Gabriele Schlesiger. „Deshalb der Untertitel: Benefiz-Festival für die Freiheit der Künste“. Der Reinerlös geht an die von Terror traumatisierten Kinder in Israel. Dazu sagt Spronz: „In Israel, in der Nähe des Gazastreifens, leben die Menschen unter fortlaufendem Terror. Sie werden mit Raketen und Mörsergranaten beschossen und von Drachen und Ballons aus mit Brenn- und Sprengsätzen eingedeckt. Die Zeit zwischen Alarm und Einschlag von Raketen und Mörsergranaten misst sich in Sekunden. Da ist nicht viel Zeit, sich in die Schutzräume zu begeben.“

Vor allem für Kinder und ältere Menschen bedeute dies eine enorme seelische Belastung. „Der Schutz durch [das Raketenabwehrsystem] Iron Dome ist nicht perfekt, und der Beschuss aus Gaza ist heftig, es kommen jährlich tausende Angriffe aus dem Gaza. Es gab Tote und Verletzte. Auch Kindergärten wurden getroffen.“

Laut Untersuchungen der Universität Tel Aviv litten über 80 Prozent der israelischen Kinder, die in der Nähe des Gazastreifens leben, unter schweren Traumata. „Dies beeinflusst natürlich stark ihr Leben. Die Auswirkungen reichen von Schlaf- und Konzentrationsstörungen bis zu körperlichen Leiden“, so Spronz.

Konkret wird mit den Einnahmen des Benefizfestivals die Israel Trauma Coalition (ITC) unterstützt, eine Organisation, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat und bei der Behandlung von Traumata weltweit führend ist. Die ITC hilft bei Katastrophen weltweit; auch in Deutschland unterstützt die Organisation Betroffene und betreuende Personen, etwa bei der Arbeit unter Flüchtlingen. „Wir spenden unseren Reinerlös aus dem Festival zu 100 Prozent an die ITC, um traumatisierten Kindern zu helfen. In Israel ist es selbstverständlich, dass man allen betroffenen Menschen hilft und sie behandelt, ungeachtet von Ethnie, Religion oder anderen Kriterien“, so Spronz.

Die Anti-BDS-Kirche

Das Musikfestival findet in der Christuskirche Bochum statt, einer der größten Kulturkirchen bundesweit und bekannt als Ort für Kulturveranstaltungen, wo Israelboykott keinen Platz hat. Ihr Pfarrer Thomas Wessel (55) sieht die BDS-Bewegung gegen jüdische Künstler in einem Zusammenhang mit dem antisemitisch motivierten Massaker im Pariser Veranstaltungslokal „Bataclan“ vom 13. November 2015.

„Lange Zeit“, sagt er gegenüber Mena Watch, habe er „nicht ernst genommen, dass es wieder Leute gibt, die Kultur boykottieren“. „Ist ja auch eine komplett irre Idee: ‚Kunstverbot!’ Dann die Terrormorde im Bataclan, Paris, wo immer wieder mal Bands gespielt haben, die auch bei uns aufgetreten sind – da dachte ich zuerst, dass es offenbar diese Art Killertypen sei, die Kunst totschießen wollen. Als mir dann klar wurde, dass Hyper Cacher [das koschere Lebensmittelgeschäft in Paris, in dem der Dschihadist Amedy Coulibaly am 9. Januar 2015 vier Juden ermordete und zahlreiche Geiseln nahm; S.F.] nicht bloß irgendein Supermarkt war, sondern ein jüdischer Supermarkt, da dämmerte mir, worum es wirklich geht.“

Das Ziel der Christuskirche Bochum sei es, dass das Festival für die Freiheit der Kunst „die gesamte Spielzeit“ über laufe: „Immer wieder mal Künstler und Künstlerinnen aus Israel, aber mit größter Selbstverständlichkeit.“ So habe etwa erst kürzlich, am 1. September, die Band Kroke in der Christuskirche Bochum gespielt. „Kroke kommen aus Krakau, aber ihr Krakau liegt nicht weit von Israel entfernt. Es war ein geniales Konzert!“, so Pfarrer Wessel.

Auch auf die nächsten Konzerte freut er sich bereits: „Im Oktober spielt Itamar Erez bei uns, ein israelisch-kanadischer Gitarrist, vor allem aber: ein mega guter! Wir kennen die Pop-Szene in Berlin ganz gut, da gibt es einige fantastische Acts mit israelischem Background.“ Im Grunde, sagt Wessel, „machen wir, was BDS verhindern will, wir normalisieren. Und wenn BDS-fromme Acts so wie zuletzt Lisa Gerrard von Dead Can Dance, wenn sie sich entscheiden, ebenfalls bei uns zu spielen, sind auch sie willkommen: Sie müssen sich dann ja vor ihren eigenen Tribunalen verantworten.“

Den Entschluss, den Erlös der Musikveranstaltung für die Betreuung von Opfern des Terrorismus zu spenden, kommentiert Wessel so: „Wir sind viel zu schnell bereit, die Märchen der Terroristen nachzuerzählen, diese post-linke Suggestion, die Opfer des Terrors besäßen irgendeine Schuld. Hinterrücks produzieren wir alle solche pseudo-logischen Zusammenhänge: Twin Towers, Ku’damm, Paris je’taime … wer sich da aufhält, ist der nicht doch auch Teil einer weltweiten Apartheids-Apparatur usw. Solche vorpolitischen Zusammenhänge produzieren wir vermutlich deshalb, weil uns das Prinzip des Terrors unerträglich ist, es ist das Prinzip des Zufalls. Zufall ist das einzige Herrschaftsprinzip, das unbeherrschbar ist. Benefiz für Terror-Opfer heißt darum: Terror ächten. Terror ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Wer einem hilft, hilft ihr.“

Die Jüdische Kulturinitiative plant bereits weitere Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum, Lesungen, Vorträge und Konzerte.

Benefiz-Festival für Kunstfreiheit und gegen Kulturboykott
Klassik, Klezmer, israelische & schottische Musik.

Ort: Christuskirche Bochum, 15. September 2019 14-21 Uhr, Platz des europäischen Versprechens.
Veranstalter: Jüdische Kulturinitiative, Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen und bagrut e.V.
Reinerlös zugunsten durch Terrorangriffe traumatisierter Kinder in Israel

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