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Die Methode Omri Boehm (Teil 11): Pappkameraden aufbauen

Irgendwie für Menschenrechte und Selbstbestimmung: BDS-Demonstration in München
Irgendwie für Menschenrechte und Selbstbestimmung: BDS-Demonstration in München (© Imago Images / Leonhard Simon)

Omri Boehms Taktik ist es, Strohmänner zu basteln und umzuwerfen; Menschen, Freund wie Feind, Dinge zu unterstellen, die sie nie gesagt haben, Ziele, die sie nie verfolgt haben.

Viele westliche Kommentatoren, darunter Journalisten und Politiker, haben es sich zur Angewohnheit gemacht, in einer paternalistischen Weise über »die Palästinenser« zu reden und zu schreiben, die suggeriert, sie könnten in ihre Köpfe blicken und ihre Gedanken, ja sogar ihre Gefühle lesen. Mehr noch: Die Palästinenser seien eigentlich eine homogene Population, so dass man in einem einzigen Satz ausdrücken könne, was sie, »die Palästinenser«kollektiv denken und fühlen. Dabei kommen dann solche Sätze raus:

  • »Die Palästinenser wollen die Versöhnung« (Bettina Marx, Deutsche Welle, 2017).
  • »Die Palästinenser wollen die Gebiete für einen eigenen Staat Palästina – mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt«(Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2022).
  • »Die Palästinenser befürchten eine Eskalation in Ost-Jerusalem« (Maria Sterkl, Der Standard, 2022).
  • »Die Palästinenser hoffen …« (Suleiman Abu Dayyeh, Friedrich-Naumann-Stiftung Jerusalem, SRF, 2021).
  • »Die Palästinenser sind zornig …« (Zeit Online, 2012).
  • »Die Palästinenser sind wütend …« (Spiegel Online, 2022).
  • »Die Palästinenser sind müde …« (NTV, 2022).
  • »Die Palästinenser sind sauer …« (Neues Deutschland, 2022).

Es entsteht der Eindruck, man könne alle Palästinenser über einen Kamm scheren. Verschiedene Ansichten, Interessen und Emotionen gibt es unter ihnen scheinbar nicht. Es gibt keine Individuen, und der jeweilige Kommentator weiß, ohne je eine Meinungsumfrage durchgeführt zu haben, jederzeit, was das vermeintliche Kollektiv der Palästinenser will, denkt und fühlt. 

Projektionen statt Tatsachen

Es ist eine sehr bequeme Art des Journalismus, weil es der Mühe enthebt, wirkliche Menschen nach ihren Meinungen zu fragen. Der Journalist schaut einfach in sich selbst hinein, fragt sich, was er wohl fühlen würde, und projiziert sein Gefühl und seine Meinung auf eine Bevölkerung von fünf Millionen Menschen. Dazu gehört eine ziemliche Arroganz, aber die Praxis ist so weit verbreitet und eingeschliffen, dass sie keinen Anstoß erregt. 

Das wird übrigens fast nur bei den Palästinensern so gemacht. Sätze wie: »Die Israelis sind zornig …« oder »Die Dänen befürchten …« liest man so gut wie nie. Und was die Deutschen hoffen und wünschen, ist zwar von Zeit zu Zeit Nachrichtenthema, aber nur, wenn die Aussage tatsächlich durch eine entsprechende Umfrage – etwa zum Konsumklimaindex – gedeckt ist.

Dass deutsche Journalisten das zitieren, was Führer der Hamas oder der PLO wirklich sagen – nicht auf Englisch zu einer (internationalen) Nachrichtenagentur, sondern auf Arabisch zu den eigenen Leuten –, kommt so gut wie nie vor. Es scheint, als wollten sie das lieber gar nicht wissen, weil es einfacher ist, sich die angebliche Gefühlslage aller Palästinenser einfach auszudenken. Zudem braucht man diese dann auch nicht nach Fraktionen zu unterscheiden und kann über die notorisch übel gelaunten Herren der Hamas und des Islamischen Dschihad einfach die Kufiya des Schweigens legen. 

Wissenschaftlich ist eine solche Verfahrensweise freilich nicht, schon allein deshalb nicht, weil ein Satz wie »Die Palästinenser sind wütend …« oder »Die Palästinenser hoffen …« per se nicht überprüfbar ist; er lässt sich weder verifizieren noch falsifizieren. Omri Boehm benutzt an einer Stelle seines Buches Israel – eine Utopie eine ähnliche Form der Projektion, wenn er schreibt:

»Als die Israelis lernten, den Holocaust zur Grundlage ihres Nationalbewusstseins zu machen, bot es sich an, die Palästinenser in eine Reihe mit den Tätern zu stellen. Angeblich (sic!) bekämpfen sie den Zionismus nicht aus politischen Gründen – im Ringen um Land, Menschenrechte, Grenzen, Selbstbestimmung, religiöse Stätten –, sondern aus dem metaphysischen Wunsch heraus, die Juden zu vernichten.«

Boehm projiziert in einem ersten Schritt auf »die Palästinenser«, dass sie den Zionismus »aus politischen Gründen«, »im Ringen um Land, Menschenrechte, Grenzen, Selbstbestimmung, religiöse Stätten« bekämpften. In einem nächsten Schritt behauptet er dann über die Israelis, sie würden allen Palästinensern unterstellen, die Juden vernichten zu wollen. Das glaubt wohl kaum jemand. Und so kann Boehm es so aussehen lassen, als wäre schon die Ansicht, dass es überhaupt Palästinenser gibt, die die Juden vernichten wollen, eine Legende, die nur von indoktrinierten Israelis geglaubt werden könne. 

In Wahrheit hätten diejenigen, die den Zionismus bekämpfen – also den Staat Israel zerstören wollen – ja sehr plausible, rational nachvollziehbare Gründe, es gehe ihnen etwa um Menschenrechte. Wirklich? Lassen wir, statt uns auszudenken, was das fiktive Kollektiv der Palästinenser angeblich denkt, wirkliche Individuen sprechen:

  • »Der Aufstieg zum Himmel dieser Märtyrer ist schmerzhaft, aber sie sind Munition … Wenn wir über 2022 sprechen, stiegen etwa 170 Märtyrer zum Himmel auf … Dies ist eine Quelle der Ehre für die Fatah.«
    Muhammad Al-Lahham, Mitglied des Revolutionären Rats der Fatah, September 2022
  • »Jeder Blutstropfen, der in Jerusalem vergossen wird, ist rein, jeder Märtyrer wird das Paradies erreichen, und jede verletzte Person wird von Gott belohnt.«
    PA-Präsident Mahmud Abbas, 2015
  • »Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden so lange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!‹«
    Charta der Hamas, 1988
  • »Zuerst hegte ich Sympathien für Hitler, weil ich dachte, er sei ein Feind der Juden. … Ich werde Bomben aus den Atomen meines Körpers bauen, und ich werde ein neues Palästina aus dem Stoff meiner Seele weben. Mit meiner ganzen Macht und der Macht meiner Schwestern werden wir unsere Existenz in Bomben verwandeln und das Leben, die Küste, den Berg erlösen.«
    Flugzeugentführerin Leila Khaled, PFLP, 1971

Das ist nicht das, was »die Palästinenser« sagen – denn nur Individuen können reden und handeln –, aber es sind wirkliche Zitate einiger nicht unmaßgeblicher Akteure. 

Palästinenser kommen nicht vor

Omri Boehm schreibt ein ganzes Buch über den arabisch-israelischen Konflikt, in dem die Araber bzw. Palästinenser nicht als eine Konfliktpartei vorkommen, sondern nur als stumme, passive Opfer. Die Hamas? Sie wird genau einmal erwähnt: ebenfalls als Opfer der Israelis; dort, wo Boehm über den israelischen Politiker Benny Gantz schreibt, dieser habe sich »erfolgreicher Mordanschläge auf Hamas-Funktionäre« gebrüstet.

Die Hisbollah erwähnt Boehm kein einziges Mal, Jassir Arafat und die PLO ausschließlich im Zusammenhang mit, man glaubt es kaum: Friedensverhandlungen. Den Gipfel von Camp David, bei dem Arafat körperlich anwesend war, aber jegliche Verhandlung ablehnte, um anschließend den Befehl zur zweiten Intifada zu geben, erwähnt Boehm nicht. 

Und Araber können keine Terroristen sein: An allen vier Stellen seines Buches, wo Boehm den Begriff »Terrorist«benutzt, münzt er ihn auf – Juden. Wenn Mitglieder der Hamas oder der Fatah sich in die Schlafzimmer jüdischer Familien schleichen, um Kinder zu ermorden und Babys zu enthaupten, tun sie das aus rationalen, nachvollziehbaren Gründen?  Weil sie um Land und Menschenrechte ringen? 

Boehm hat das Talent, Fakten so zu verdrehen (oder zu erfinden), dass sie in seine Argumentation passen. Etwa, wenn er allen Ernstes behauptet, Theodor Herzl habe Ende des 19. Jahrhunderts die Vertreibung von Palästinensern gefordert. Oder wenn er über die antisemitische Boykottbewegung BDS schreibt: »Zum Israel-Boykott zu greifen, wie es BDS tut, war eine Idee der frühen 2000er-Jahre, die auf die fürchterliche zweite Intifada reagierte und Widerstand ohne Blutvergießen gegen die israelische Besatzung leisten wollte.«

Schauen wir auf die Fakten. Geleitet wird die BDS-Kampagne vom Palästinensischen BDS-Nationalkomitee (BNC). Die größte und wichtigste Kraft in diesem Gremium ist der Rat der Nationalen und Islamischen Kräfte (PNIF). Zu ihm gehören fünf in Europa und den Vereinigten Staaten verbotene Terrororganisationen: die Hamas; die PFLP; die Populäre Front –Generalkommando (PFLP-GC); die Palästinensische Befreiungsfront sowie der Palästinensische Islamische Dschihad. Die Palästinenser hätten das »Recht auf Widerstand mit allen Mitteln, inklusive dem bewaffneten Widerstand«, sagt BDS-Führer Omar Barghouti. »Ohne Blutvergießen«? Das hat Boehm sich wohl eher ausgedacht. 

Man beachte, dass er über »die fürchterliche zweite Intifada« spricht, ohne Täter zu nennen. Wer hat die Morde verübt? Niemand. Niemand hat am Seder-Abend 2002 den Anschlag auf das Parkhotel in Netanya verübt. Niemand hat die Bombe in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro gezündet. Niemand ist für das Massaker in der Diskothek Delfinarium in Tel Aviv verantwortlich.

Die moralisch richtige Lehre, die die Welt aus diesen Massenmorden an jüdischen Männern, Frauen und Kindern ziehen muss, ist was? Der Judenboykott? Boehm redet ihn sich und seinen Lesern schön. Sicherlich wird es den BDS-Demagogen irgendwie um Menschenrechte und Selbstbestimmung gehen. Auch hier lautet die Devise wieder: Lieber nicht zitieren, was die BDS-Führer wirklich sagen.

Strohmänner

Boehms Taktik: Pappkameraden aufbauen. Menschen, Freund wie Feind, Dinge unterstellen, die sie nie gesagt haben, Ziele, die sie nie verfolgt haben. Über die Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestages schrieb Boehm einmal, es könne ja wohl »nicht antisemitisch sein«, »auf der schieren Gleichheit von Juden und Palästinensern zu bestehen«. Das hatte vor Boehm nie jemand behauptet, auch der Deutsche Bundestag nicht. 

Zeit Online hat den Text veröffentlicht. Vielleicht sagte man sich in der Redaktion: Hey, er ist Philosoph. Da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen!

Bisher erschienen:

Die Methode Omri Boehm (Teil 1): Juden als Täter
Die Methode Omri Boehm (Teil 2): Geschichtsklitterung
Die Methode Omri Boehm (Teil 3): Unsichtbarmachen arabischer Akteure
Die Methode Omri Boehm (Teil 4): Haifa 1948 und die Vertreibung der Araber, die es nicht gab

Die Methode Omri Boehm (Teil 5): Auslassen von Zusammenhängen, am Beispiel der Schlacht von Lydda 1948
Die Methode Omri Boehm (Teil 6): Die Erfindung eines Vertreibungsplans
Die Methode Omri Boehm (Teil 7): Feldzug gegen das Holocaust-Gedenken
Die Methode Omri Boehm (Teil 8): Yad Vashem als Schaltzentrale des Bösen
Die Methode Omri Boehm (Teil 9): Das Holocaust-Gedenken »mit der Wurzel ausreißen«
Die Methode Omri Boehm (Teil 10): Boehms »Weimar-Moment«

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