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Die Methode Ullstein: Nachtrag zu unserer Reihe »Die Methode Omri Boehm«

Der Stand des Ullstein-Verlags auf der Frankfurter Buchmesse
Der Stand des Ullstein-Verlags auf der Frankfurter Buchmesse (Quelle: Smalltown Boy / Copyrighted free use)

Die Reihe »Die Methode Omri Boehm« ist abgeschlossen. Nach nunmehr dreizehn Teilen, in denen wir einige falsche Behauptungen widerlegt haben, ist es Zeit für die Frage: Was sagt der Verlag, was sagt Ullstein dazu? 

Auf dem Klappentext von Boehms Buch Israel – eine Utopie wird »der israelische Philosoph Omri Boehm« als »Denker in der Spur Hannah Arendts« gefeiert, dessen »furchtlose Analysen« gar »nicht antizionistisch« seien, dem es vielmehr darum gehe, »den Grundstein für einen modernen und liberalen Zionismus« zu legen und dessen »Vision« definitiv bewirken werde, dass der Staat Israel »endlich eine Zukunft hat«.

Mehr noch: »Eine lebenswerte Zukunft für Israel«, steht in großen blauen Lettern auf weißem Grund auf der Umschlagrückseite. Die lebenswerte Zukunft ist wohl der Gegensatz zu der lebensunwerten Zukunft, auf die Israel zweifellos zusteuern würde, hätte Boehm sein Buch nicht geschrieben und bei Ullstein veröffentlicht (an eine hebräische Fassung wurde zunächst nicht gedacht, vielleicht, weil Boehm annimmt, dass über Israels Zukunft ohnehin in Deutschland entschieden werde). 

Das ist ziemlich viel Verantwortung, die da auf den Schultern eines einzelnen Philosophen lastet, egal, in welcher Spur dieser sich gerade befindet. Was, wenn ihm bei der Grundsteinlegung ein Fehler unterläuft, wackelt dann nicht das ganze Gebäude?

Leserbrief an Ullstein

Klar, dass man den Bauherren auf statische Probleme aufmerksam machen muss, bemerkt man solche. Als mir im Herbst 2020 – ja, so lange ist das schon her – aufgefallen war, dass da jemand dem Boehm einen Bären aufgebunden und dieser arglos ein gefälschtes Herzl-Zitat abgeschrieben hatte, wandte ich mich eiligst an den Ullstein Verlag in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät sei, den Grundstein des modernen und liberalen Zionismus geradezurücken. 

Sicherlich wären die Lektoren von Ullstein dankbar, so dachte ich mir, wenn man sie auf einen Lapsus aufmerksam macht, denn was wird ihnen wichtiger sein als die Wahrheit? Wie sehr müssen sie es hassen, wenn in ihren Büchern Dinge stehen, die nicht stimmen? Schließlich ist es ihre Pflicht, jede Behauptung zu prüfen. Wie geknickt müssen sie sein, wenn sie erfahren, dass in Israel – eine Utopie all ihrer gewissenhaften Bemühungen zum Trotz so viele Fehler sind wie Besucher im Berliner Zoo am ersten warmen Frühlingstag? 

Um die Kollegen bei Ullstein nicht zu sehr zu erschrecken, entschied ich, sie in homöopathischer Dosis auf den Missstand hinzuweisen, zunächst nur auf einen einzigen Fehler – einen, der offensichtlich ist und von dem sich jeder durch einen Gang in die Universitätsbibliothek überzeugen kann: eben das falsche Herzl-Zitat. Boehm behauptet:

»Der Gedanke einer Umsiedlung begleitete das zionistische Denken von Anfang an. Theodor Herzl schrieb in sein Tagebuch, die Palästinenser trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen‹, indem man ihnen ›jederlei Arbeit‹ verweigern werde.«

Nein, das schrieb Herzl nicht.

Um es dem Verlag leichter zu machen, den Fehler zu korrigieren, sann ich nach Mitteln, wie dies zu bewerkstelligen sei, ohne die ganze Auflage einzustampfen. Da mir selbst kein probates Mittel einfiel, fragte ich Menschen, deren Rat ich respektiere. Volker Beck, der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages und heutige Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, hatte einen Vorschlag:

»Ein Verlag, der ein Buch veröffentlicht, das Falschbehauptungen über Quellen enthält, hat die Verantwortung, dass seine Kunden, die Leser und Leserinnen, davon erfahren. Alles andere wäre verlegerische Fahrlässigkeit und postfaktisch. Das kann zum Beispiel durch einen Hinweis auf der Homepage und einen Beileger in den weiter im Verkauf sich befindlichen Büchern erfolgen.«

Eine ausgezeichnete Idee. So würde Ullstein das machen. Jetzt konnte ich den Verlag auf den Fehler hinweisen. Das tat ich am 15. Dezember 2020:

»Ich bin freier Journalist und schreibe u. a. für Mena-Watch – Der unabhängige Nahost-Thinktank (www.mena-watch.com) und die in Berlin erscheinende Jüdische Rundschau. Gerne würde ich von Ihnen wissen, ob der Ullstein Verlag das Buch ›Israel – eine Utopie‹ von Omri Boehm als ein wissenschaftliches Buch betrachtet, bei dem ein Lektorat die historischen Tatsachenbehauptungen geprüft hat, oder aber als Belletristik, wo eine solche Prüfung üblicherweise nicht stattfindet.

Kürzer gefragt: Steht der Ullstein Verlag für die Behauptungen ein, die Boehm über die Geschichte macht, etwa, dass Theodor Herzl in seinem Tagebuch geschrieben habe, er wolle ›die Palästinenser … unbemerkt über die Grenze schaffen‹? Wurden solche Behauptungen von jemandem nachgeprüft?

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Frank«

Korrespondenz mit Ullstein

Sechs Wochen später, am 1. Februar 2021, fragte ich nach, ob mein Hinweis auf den Fehler im Grundstein des modernen und liberalen Zionismus eingegangen sei. Mir antwortete nach zwei Tagen die Ullstein-Redakteurin Kristin Rotter:

»Sehr geehrter Herr Frank, 

haben Sie vielen Dank für Ihre interessierte Nachfrage, die Christine Heinrich mir als der zuständigen Programmleiterin weitergeleitet hat. Wie jedes unserer Bücher haben wir selbstverständlich auch Omri Boehms Buch vor Drucklegung lektoriert. Ob es sich bei Israel – Eine Utopie um ein Sachbuch oder einen belletristischen Text handelt, wird sich Ihnen bei der Lektüre gewiss erschließen, dessen bin ich mir sicher.

Mit freundlichen Grüßen,
Kristin Rotter«

Frau Rotter schien das Problem nicht ganz begriffen zu haben. Macht nichts, ich habe Geduld, wenn es darum geht, Ullstein dabei zu helfen, Israel eine Zukunft zu geben:

»Sehr geehrte Frau Rotter,

vielen Dank für die Antwort. Sie sagen, ein Lektorat habe stattgefunden – daran habe ich nicht gezweifelt, anderenfalls wären ja viel mehr Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler drin. Was ich gefragt habe, war, ob das Lektorat die historischen Tatsachenbehauptungen geprüft hat. Wurden zumindest die von Boehm angegebenen Quellen geprüft, ob dort auch wirklich das steht, was Boehm behauptet?

Ich habe Ihnen ja ein Beispiel gegeben, auf das Sie leider gar nicht eingehen. Boehm schreibt auf S. 102 f: ›Der Gedanke an eine Umsiedlung begleitete das zionistische Denken von Anfang an. Im Jahr 1895 schrieb Theodor Herzl in sein Tagebuch: Die arme palästinensische Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern.‹

Als Quelle angegeben hat Boehm: ›Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher, hrsg. von Alex Bein u. a., Bd. 2: Zionistisches Tagebuch, 1895–1899, Berlin/Frankfurt a. M./Wien 1983; S. 117 f. (12. Juni 1895).‹

Ich schlage also die von Boehm angegebene Quelle auf – und, finde ich dort das angebliche Zitat mit den Palästinensern? Nein. Das Wort ›Palästinenser›  gab es damals ja auch gar nicht, was einen Lektor hätte stutzig machen sollen. Stattdessen schreibt Herzl über seine Südamerika-Pläne. Einen Satzfetzen hat Boehm von Herzl übernommen, das mit der ›armen palästinensischen Bevölkerung‹ hat er sich einfach ausgedacht. Einem Lektor, der die Quelle geprüft hätte, wäre das aufgefallen und er hätte Boehm darauf aufmerksam gemacht, dass dort nicht das steht, was Boehm vorgibt.

Ich habe über diesen Fall ausführlich geschrieben: https://www.mena-watch.com/wollte-theodor-herzl-palaestinenser-aus-argentinien-vertreiben/. Wollen Sie sich dazu äußern, wie es kommen konnte, dass dem Lektor die Fälschung nicht aufgefallen ist? Oder wurden die ›Zitate‹ aus der Literatur doch nicht geprüft, so dass es gar nicht auffallen konnte? Ich werde demnächst auf Mena-Watch noch einmal über Boehms Quellenfälschung schreiben und dann weitere Beispiele präsentieren. Gerne würde ich eine Stellungnahme des Ullstein Verlags dazu zitieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Frank«

Keine Antwort. Sicher würde Frau Rotter sehr intensiv recherchieren, das war mir klar; vielleicht müsste sie eine Angelegenheit von solcher Tragweite mit dem Autor persönlich besprechen? Ob es vielleicht angeraten wäre, auch den Geschäftsführer Karsten Kredel zu informieren? Sollte ich diesem meine furchtlose Analyse von Boehms Buch schicken? Da ich von Herrn Kredel keine E-Mail-Adresse hatte, wandte ich mich doch erst noch einmal an Frau Rotter:

»Sie haben meine E-Mail vom 3. Februar leider nicht beantwortet. Ich versuche nun schon seit zwei Monaten vergeblich, vom Ullstein Verlag eine Stellungnahme zu dem gefälschten Theodor-Herzl-Zitat in dem Buch Israel – eine Utopie von Omri Boehm zu erhalten. Wenn Sie nicht antworten, werde ich noch einen letzten Versuch unternehmen und mich an Herrn Kredel wenden.«

Drei Tage später:

»Sehr geehrter Herr Frank, 

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir haben Ihre Thesen sorgfältig geprüft, einschließlich des Artikels, den Sie freundlicherweise mitgeschickt hatten. Omri Boehms Lesart des Zitats von Theodor Herzl, auf das Sie sich in Ihren Ausführungen beziehen, steht in einer wissenschaftlich begründeten Tradition: Neben Benny Morris hat zuletzt der Historiker Tom Segev die Worte Herzls in eben der Weise verstanden, wie unser Autor sie wiedergibt. 

Fragen der Auslegung historischer Texte sind immer wieder Thema legitimer wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Zu einem solchen faktenbasierten Austausch können wir Sie nur ermutigen. Aber wir weisen entschieden Ihre Aufforderung zurück, die Ullstein Buchverlage hätten sich in dieser Sache zu ›erklären‹. Ebenso möchten wir Sie auffordern, von der Verdachtsäußerung Abstand zu nehmen, unser Autor würde Fakten fälschen bzw. dies gar in ›böswilliger‹ Absicht tun. Bitte beachten Sie, dass wir in dieser Angelegenheit nicht weiter mit Ihnen kommunizieren werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Kristin Rotter«

Warum nicht in der englischen Ausgabe?

Nun begreife ich, was Volker Beck mit »postfaktisch« meinte. Das ist, wenn jemand sagt, eine falsche Behauptung sei »eine andere Lesart«. Wenn jemand meint, Lügen werden zur Wahrheit, wenn sie nur oft genug wiederholt und damit zu einer »Tradition« werden. 

Ich bin froh, dass Omri Boehm, in der Spur Hannah Arendts, nicht so tickt. In der sechs Monate später veröffentlichten englischen Fassung des Buches stand nicht, Theodor Herzl habe in seinem Tagebuch irgendetwas über Palästinenser geschrieben. Als ich sah, dass Boehm diesen Fehler berichtigt hatte, nachdem ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, war mein Impuls, Frau Rotter zu sagen, Ullstein möge sich daran ein Beispiel nehmen – von wegen faktenbasierten Austauschs und so.

Aber ich hatte ja zu beachten, dass sie in dieser Angelegenheit nicht weiter mit mir kommunizieren würde. Also schrieb ich einen Brief an den Ullstein-Boss, Herrn Kredel. Ich reichte auch den Vorschlag von Volker Beck an ihn weiter, wie man die Sache ohne große Kosten regeln könnte, mit einem Hinweis auf der Homepage und einem Beileger in den Büchern.

Man kann den Rest der Geschichte sehr kurz wiedergeben: Herr Kredel hat nicht geantwortet, obwohl ich ihm neben meiner Postadresse auch meine E-Mail-Adresse angegeben hatte. Auch meine Telefonnummer hatte ich genannt, doch angerufen hat er auch nicht. Nein, auch nicht in meiner Abwesenheit: Seit zwei Jahren kontrolliere ich jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, das Telefon, ob ein Anruf aus Berlin eingegangen ist, von einem Ullstein-Geschäftsführer, der sich für den Hinweis bedanken möchte, aber nichts dergleichen ist passiert, ich schwör’s. 

Vielleicht ist mein Brief bei der Post verloren gegangen. So etwas kommt sehr häufig vor. Man soll sich dann bei der Bundesnetzagentur beschweren. Das werde ich wohl tun.

Sind Fakten überhaupt wichtig?

Vor wenigen Tagen, zwei Jahre nach der Korrespondenz mit diesem merkwürdigen Verlag, las ich, wie J. R. Moehringer, der Ghostwriter der Memoiren von Prinz Harry, darauf reagierte, dass ihm falsche Behauptungen nachgewiesen wurden. Da ist etwa die Behauptung, König Heinrich VI. sei der »Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater« von Prinz Harry. Stimmt das? Nein. Aus Anlass des Todes seiner Mutter, Lady Diana, will Prinz Harry eine X-Box geschenkt bekommen haben, obwohl Microsoft diese erst vier Jahre später auf den Markt brachte. Zudem trifft Prinz Harry eine falsche Aussage darüber, wo er war, als er vom Tod von Queen Mom erfuhr.

Darauf angesprochen, twitterte Moehringer ein Zitat aus dem Buch The Art of Memoir (Die Kunst des Gedächtnisses) von Mary Karr: »Die Grenze zwischen Erinnerung und Tatsache, zwischen Interpretation und Tatsache, ist verschwommen.« Dazu zitierte er, was Prinz Harry selbst zu den Vorwürfen sagt:

»Was auch immer der Grund ist, mein Gedächtnis ist mein Gedächtnis, es tut, was es tut, sammelt und wählt aus, wie es das für richtig hält, und in dem, woran ich mich erinnere und wie ich es erinnere, steckt genauso viel Wahrheit wie in sogenannten objektiven Fakten. Dinge wie Chronologie und Ursache und Wirkung sind oft nur Märchen, die wir uns über die Vergangenheit erzählen.«

Als ich das las, musste ich an den Ullstein Verlag und dessen Redakteurin Kristin Rotter denken. Vielleicht hat Prinz Harry recht: Sogenannte objektive Fakten, Dinge wie Chronologie und Ursache und Wirkung, werden überschätzt.

In der Reihe erschienen:

Die Methode Omri Boehm (Teil 1): Juden als Täter
Die Methode Omri Boehm (Teil 2): Geschichtsklitterung
Die Methode Omri Boehm (Teil 3): Unsichtbarmachen arabischer Akteure
Die Methode Omri Boehm (Teil 4): Haifa 1948 und die Vertreibung der Araber, die es nicht gab

Die Methode Omri Boehm (Teil 5): Auslassen von Zusammenhängen, am Beispiel der Schlacht von Lydda 1948
Die Methode Omri Boehm (Teil 6): Die Erfindung eines Vertreibungsplans
Die Methode Omri Boehm (Teil 7): Feldzug gegen das Holocaust-Gedenken
Die Methode Omri Boehm (Teil 8): Yad Vashem als Schaltzentrale des Bösen
Die Methode Omri Boehm (Teil 9): Das Holocaust-Gedenken »mit der Wurzel ausreißen«
Die Methode Omri Boehm (Teil 10): Boehms »Weimar-Moment«
Die Methode Omri Boehm (Teil 11): Pappkameraden aufbauen
Die Methode Omri Boehm (Teil 12): Gegen das »sakralisierte Holocaust-Gedenken«
Die Methode Omri Boehm (Teil 13): Des Großmuftis neue Kleider

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