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20 Jahre zweite „Intifada“: Nicht von Israel provoziert, sondern von Arafat geplant

Nicht Ariel Sharon hat die zweite Intifada ausgelöst
Nicht Ariel Sharon hat die zweite Intifada ausgelöst (Quelle: YouTube)

Vor 20 Jahren begann die zweite „Intifada“, während der in zahllosen Terroranschlägen und Selbstmordattentaten auf jüdische Zivilisten in Cafés, Bussen, Restaurants, Diskotheken und weiteren öffentlichen Orten über tausend Israelis getötet wurden. Und anders, als es bis heute allzu oft zu lesen ist, war es keineswegs der Besuch von Ariel Sharon auf dem Tempelberg, der diese Gewalt spontan ausgelöst oder gar verursacht hat. Die „Intifada“ war vielmehr seit Monaten geplant.

Man geht sicherlich nicht fehl, wenn man konstatiert, dass die Spiegel-Geschichte zum 20. Jahrestag des Besuchs von Ariel Sharon auf dem Tempelberg in Jerusalem genau jenes Narrativ zu diesem Ereignis bedient, das nicht nur in Deutschland dominiert.

Das Narrativ – nicht nur – des „Spiegel“

Zwar „nicht die Ursache, aber der Auslöser für die zweite Intifada mit Tausenden Toten in den folgenden fünf Jahren“ sei der Auftritt gewesen, schreibt der Autor Christoph Gunkel. „Martialisch“ sei der damalige Oppositionsführer „auf den Tempelberg marschiert“, einen „Bulldozer“ habe „man“ – das heißt: nicht zuletzt der Spiegel selbst – ihn genannt, „wegen seiner draufgängerischen Politik“. Sharons Besuch habe bei den Palästinensern „den Frust in Gewalt umschlagen“ lassen und „palästinensischen Hardlinern die Steilvorlage [geliefert], um loszuschlagen“.

Jassir Arafat, der palästinensische Präsident, sei „politisch geschwächt“ gewesen und habe „nichts zur Eindämmung der Gewalt“ unternommen, so Gunkel weiter. Sharon habe provoziert, und das „fatalerweise in einer Zeit des politischen Stillstands“: „Nur Monate zuvor waren die weit fortgeschrittenen Friedensverhandlungen von Camp David zwischen Israels Premier Ehud Barak und Jassir Arafats Palästinensischer Autonomiebehörde gescheitert. Gegenseitige Schuldzuweisungen folgten.“

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Sharons wahlkampfbedingtes „Kalkül“ sei aufgegangen: Er habe „die Unterstützung der Ultrarechten“ gewonnen, „die Linke und die Friedensbewegung waren längst zu schwach“. Diese Sicht auf den Beginn der „Intifada“ ist symptomatisch für die mediale Darstellung der Geschehnisse ab dem Herbst des Jahres 2000: Sharon, der machtgierige, martialische Kriegstreiber; Arafat, der machtlose, angeschlagene Hoffnungsträger – und darüber hinaus: Israel als Aggressor und die Palästinenser als dessen Opfer.

Das abrupte Ende der vorangegangenen Verhandlungen wurde und wird medial häufig dahingehend kommentiert, dass „beide Seiten“ unfähig und unwillig zum Kompromiss gewesen seien und das jeweils andere Lager dafür verantwortlich gemacht hätten, dass es nicht zu einer Übereinkunft kam. Dabei hatte Barak in puncto Konzessionen gegenüber der palästinensischen Seite mehr angeboten als je zuvor ein israelischer Regierungschef, während Arafat nicht von seinen Maximalforderungen abgewichen war.

Sharons Besuch war mit den Palästinensern abgesprochen

Die Erzählung vom Trampeltier Sharon, der auf dem Tempelberg die „zweite Intifada“ losgetreten hat, und vom schwachen Arafat, dem die Dinge leider entglitten sind, funktioniert allerdings nur, wenn man wesentliche Tatsachen ausblendet.

Zum Beispiel das Faktum, dass der Besuch des Plateaus, das die Araber „Haram al-Sharif“ nennen, zuvor mit palästinensischen Verantwortlichen abgesprochen worden war. In einem Telefonat zwischen dem israelischen Außenminister Shlomo Ben-Ami und dem Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde für das Westjordanland, Jibril Rajoub, hatte Letzterer gesagt: „Wenn Herr Sharon die Moscheen auf dem Tempelberg nicht betritt, gibt es kein Problem.“

Das tat Sharon dann auch nicht. Bei seinem 34-minütigen Aufenthalt am frühen Morgen des 28. September 2000 nahm er eine Route, die auch jedem nichtmuslimischen Touristen erlaubt ist. Die heiligen Stätten waren nicht dabei, zudem war der Autonomiebehörde vorher versichert worden, dass es während Sharons Besuch keinerlei Zugangsbeschränkungen zum Tempelberg für Muslime geben würde.

All dies entsprach der israelischen Politik seit 1967 – dass die Heiligtümer der Muslime an Ort und Stelle respektiert und nicht angetastet werden, ist eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem sprachen und sprechen die Palästinenser von der „Al-Aqsa-Intifada“, weil es wesentlich darum gegangen sei, die gleichnamige Moschee gegen Israel zu verteidigen.

Das jedoch ist nichts als Propaganda, denn es gab keinen israelischen Angriff auf den drittheiligsten Ort des Islam. Überhaupt war die „Intifada“ kein spontaner Gewaltausbruch als Antwort auf Ariel Sharons Tempelberg-Aufenthalt und andere vermeintliche Unzumutbarkeiten der israelischen Seite, sondern vielmehr seit Monaten geplant – und zwar „seit Arafats Rückkehr aus Camp David und seiner Ablehnung des Plans von US-Präsident Bill Clinton“, wie Arafats Kommunikationsminister Imad Falluji bald unumwunden zugab.

Arafats Witwe Suha bestätigte das: „Jassir traf unmittelbar nach dem Scheitern der Gespräche von Camp David die Entscheidung, die Intifada einzuleiten. Wir trafen uns in Paris, und er bat mich, dort zu bleiben. Als ich nach dem Grund fragte, sagte er: ‚Weil ich eine Intifada beginnen werde‘“ (siehe dazu auch dieses Video).

Die „Intifada“ war seit Monaten geplant

Viele weitere Äußerungen von führenden Funktionären der Fatah und der Autonomiebehörde weisen in die gleiche Richtung. Sakhr Habash etwa, über Jahrzehnte eine Schlüsselfigur in der Fatah, sprach von der „Intifada“ als „strategischer Entscheidung“ von Arafat und der Autonomiebehörde; Mamdouh Nofal, ein Berater des palästinensischen Präsidenten, sagte, die „Intifada“ sei „keine von der Autonomiebehörde getrennt zu sehende Massenbewegung oder etwas, das von selbst ausbrach“, sondern sie habe „auf der Grundlage einer Entscheidung von oben durch die Führung begonnen, bevor sie zu einer Volksaktivität wurde“.

Dass Arafat zu schwach gewesen ist, um die eliminatorische Gewalt einzudämmen, wie der Spiegel behauptet, ist schlicht falsch – er hat sie vielmehr gewollt, begonnen und angeheizt.

Nachdem in Camp David ein weitreichender Kompromissvorschlag auf dem Tisch lag, dessen Annahme zur Gründung eines lebensfähigen palästinensischen Staates neben Israel geführt hätte, entschied sich Arafat, an der Maximalforderung der „Befreiung ganz Palästinas“ festzuhalten – also am Ziel einer Kein-Staat-Israel-Lösung – und auf die militärische respektive terroristische Karte zu setzen. Nicht ohne die Palästinenser als Opfer zu präsentieren und die Israelis als Aggressoren, gegen die man sich nun zur Wehr setzen müsse.

In seinem vorzüglichen Buch „Israels Existenzkampf“ schrieb der israelische Historiker Yaacov Lozowick zu den Gründen für diese Entscheidung:

„Auf dem Verhandlungswege war [für die Palästinenser] nichts mehr herauszuholen, und es war an der Zeit, sich das zu nehmen, was bei den Verhandlungen erzielt worden war, und zur Gewalt zurückzukehren, um das zu bekommen, worüber nicht verhandelt wurde – nicht die letzten paar Prozent der Westbank, sondern das uneingeschränkte Recht auf Rückkehr und die Befreiung Jerusalems aus jüdischer Hand.“ (S. 285)

Es ging nur um den Anlass zum Losschlagen

Marwan Barghouti, damals Kommandeur der Tanzim-Milizien im Westjordanland und einer der militärischen Anführer beider „Intifadas“, machte einmal deutlich, dass es letztlich nur darum ging, welchen Anlass man zum Losschlagen nutzen sollte. Schließlich entschied man sich für Sharons angekündigten Besuch auf dem Tempelberg.

Während des Aufenthalts des Likud-Vorsitzenden gab es Proteste palästinensischer Jugendlicher, die vereinzelt auch Steine warfen; im weiteren Verlauf des Tages steigerte sich die Gewalt allmählich, bevor sie am Folgetag nach den Freitagsgebeten eskalierte. Drei Monate später gab es den ersten Selbstmordanschlag. Man konnte Ariel Sharon gewiss vorhalten, einen unnötigen Vorwand geliefert zu haben; gegeben hätte es die „Intifada“ allerdings auch ohne ihn – die palästinensische Führung hätte dann ohne jeden Zweifel einen anderen Anlass gesucht und gefunden.

Zur Wahrheit gehört außerdem dies: Konnte man es auch für ein unnötiges, provokatives, wahlkampftaktisch motiviertes Manöver von Sharon halten, in Zeiten von spürbaren Spannungen auf dem Tempelberg demonstrativ Präsenz zu zeigen, so sollte nicht unterschlagen werden, dass die Palästinenser ein grundsätzliches Problem mit jüdischer Souveränität und der Tatsache haben, dass der Tempelberg auch Juden heilig ist, wie auch Yaacov Lozowick schreibt.

„Da die Juden in ihren Augen keinerlei legitime Ansprüche auf den Tempelberg haben, war jede jüdische Aktion, die eine andere Ansicht erkennen ließ, ein casus belli, auf den man mit Verachtung, Zorn und Gewalt antworten musste. Das waren die Leute, von denen wir glaubten, wir könnten Frieden mit ihnen schließen.“ (S. 282)

Weitgehender Kompromissvorschlag, maximaler Terror

Der in Gewalt umgeschlagene „Frust“ der Palästinenser, wie es Christoph Gunkel im Spiegel formuliert, war dann letztlich auch keiner über gescheiterte Verhandlungen, eine ausgebliebene Staatsgründung oder konkrete israelische Maßnahmen zum Nachteil der palästinensischen Bevölkerung, selbst wenn es anfangs vielleicht so aussah. Sondern es war einer über die Existenz des jüdischen Staates.

„Die Gewalt vom Herbst 2000 hätte noch als extreme Verhandlungstaktik für die letzten wenigen Gebiete verstanden werden können, die Barak noch nicht zur Räumung angeboten hatte“, heißt es bei Lozowick. „Am Ende jedoch wurden die Selbstmordattentate gegenüber der Zivilbevölkerung zum Selbstläufer. Diese Form von Terror war ein brutaler Versuch, Israel in die Knie zu zwingen.“ (S. 295) Und nicht etwa ein zwar zu weit gehender, aber irgendwo doch verständlicher Ausdruck von Verzweiflung.

Auf ein überaus weitgehendes Angebot der israelischen Seite – das einige Monate später in Taba sogar noch einmal verbessert, aber erneut abgelehnt wurde – reagierte die palästinensische also mit maximalem Terror. Die Selbstmordattentäter durchliefen ein entsprechendes Training, bevor sie in Bussen, Cafés, Restaurants, Diskotheken und sogar auf einer Pessach-Feier ihren Körper als Waffe einsetzten und damit wahllos Juden töteten.

Das hat Sharons Besuch auf dem Tempelberg weder verursacht noch ausgelöst, so kritisch man ihn auch sehen mag. Es war die fatale Entscheidung der palästinensischen Seite unter der Führung von Jassir Arafat.

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