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Die »jüdische Nakba« (Teil 2): Geschichte der muslimischen Judenfeindschaft

Der Überlieferung zufolge soll Mohammed den jüdischen Stamm der Banu Qaynuqa im Jahr 624 aus Medina vertrieben haben.
Der Überlieferung zufolge soll Mohammed den jüdischen Stamm der Banu Qaynuqa im Jahr 624 aus Medina vertrieben haben. (© Imago Images / UIG)

Die Gründung Israels im Jahr 1948 war der Anlass, aber nicht der Grund für die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt.

Die »jüdische Nakba«, die Flucht der Juden aus arabischen Ländern, geschah in zeitlichem Zusammenhang mit der Gründung Israels im Jahr 1948. Das ist sicherlich unbestritten, doch ihre Verfolgung geschah nicht bloß wegen der Etablierung des jüdischen Staates, denn der muslimische Antisemitismus hat eine lange Vorgeschichte. 

Umgekehrt hatten Juden nun endlich ein Land, in das sie vor Diskriminierung und Verfolgung flüchten konnten. Der Zionismus war nicht die Ursache der Judenfeindschaft, sondern eine Reaktion darauf – und ein Anlass und eine Ausrede, um nicht über Jahrhunderte der Judenfeindschaft sprechen zu müssen.

Der Islam und die Juden

In der Spätantike gelangte monotheistisches, vom Judentum und Christentum beeinflusstes Gedankengut auf die Arabische Halbinsel und auch nach Mekka, die Heimatstadt Mohammeds, des späteren Propheten des Islams. Die koranische Überlieferung ist ursprünglich stark von biblischen Traditionen beeinflusst, mit denen Mohammed sich gegen das herrschende polytheistische Religionsverständnis Mekkas stellte.

Nach seiner Flucht aus Mekka nach Medina kam es jedoch zunehmend zu Auseinandersetzungen mit den Juden Medinas und jüdischen Stämmen, die besiegt wurden. Ähnlich wie im Neuen Testament findet man in weiterer Folge im Koran nach Auseinandersetzungen Mohammeds mit den Juden antisemitische Motive wie Verrat und Verschwörung. 

Man findet daher in zeitlich früh anzusiedelnden Koranstellen positive, ja, nahezu zionistische Aussagen über die Juden

»Und als Musa (Moses) zu seinem Volk sagte: ›Oh mein Volk, gedenkt der Gunst Allahs an euch, als Er unter euch Propheten einsetzte und euch zu Königen machte und euch gab, was Er niemandem (anderen) der Weltenbewohner gegeben hat. Oh mein Volk, tretet in das geheiligte Land ein, das Allah für euch bestimmt hat, und kehrt nicht den Rücken, denn dann werdet ihr als Verlierer zurückkehren.« (Sure 5 /20-21)

»Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Saabier und die Christen, – (alle) die, die an Allah und den jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist, brauchen (wegen des Gerichts) keine Angst zu haben, und sie werden (nach der Abrechnung am Jüngsten Tag) nicht traurig sein.« (Sure 5/69)

»Wir bereiteten fürwahr den Kindern Israels eine treffliche Wohnstatt und versorgten sie mit guten Dingen, und sie waren nicht eher uneins, als bis die Erkenntnis zu ihnen kam. Wahrlich, am Tage der Auferstehung wird dein Herr zwischen ihnen entscheiden über das, worüber sie uneins waren.« (Sure 10/93)

Späteren Datums finden sich im Koran dann negative und antisemitische Aussagen wie »Juden als die von Allah verfluchten« (Sure 4/46), »Juden als Söhne von Affen und Schweinen« (Sure 2/65–66, 5/60–61, 7/166–167), »Juden als allschlimmste Feinde der Gläubigen« (Sure 5/82), »Das Land der Juden wird den Muslimen gehören« (Sure 33/26–27), »Kämpfet gegen jene, bis sie erniedrigt sind und den Tribut errichten« (Sure 9/29–30) und »Sie sind der Feind, also hüte dich vor ihnen« (Sure 63/6–7).

Insgesamt finden sich im Koran über 50 Stellen, in denen Juden negativ dargestellt werden. Dazu gehören nicht nur jene Passagen, in denen explizit von Juden die Rede ist, sondern auch solche, in denen sie nicht genannt werden, die in der traditionellen Koranauslegung aber stets mit Juden identifiziert wurden.

Radikale Koraninterpretationen werden durch das Auslegungsprinzip erleichtert, nach dem bei Widersprüchen jüngere Koransuren, in denen antijüdische Einstellungen das Übergewicht haben, Vorrang vor älteren Suren genießen. 

Neben dem Koran finden sich auch in den Hadith-Kollektionen, den Sammlungen von Berichten aus dem Leben des Propheten, etliche ausdrücklich judenfeindliche Passagen. Juden werden darin als hinterhältig, verlogen und betrügerisch porträtiert. Sie seien zu lax in der Bestrafung sexueller Vergehen, hätten heiligen Schriften verfälscht, mehrere Propheten ermordet und schließlich auch Mohammed verwünscht, ihn zu töten versucht und am Ende gar vergiftet.

Die grundlegenden Schriften des Islam sind also voll von anti-jüdischen Invektiven. Der einzige Vorwand, der sich darin nicht findet, ist der christliche Vorwurf des Gottesmordes – und das nur, weil der Islam Jesus nicht als Sohn Gottes sieht.

Besser als in Europa, aber dennoch verfolgt

Die Situation der Juden im Mittelalter war dennoch im islamischen Herrschaftsbereich eine bessere als im christlichen Europa der Kreuzzüge, Vertreibungen und Inquisition. Allerdings gelten auch dort die Juden gleich den Christen zwar als »Ahl al-Kitab« – Völker des Buches – und damit als höherwertig als Heiden; jedoch nicht als gleichberechtigte Untertanen, sondern als geduldete Dhimmis, die als Menschen zweiter Klasse systematisch schlechter gestellt waren als Muslime. Sie wurden etlichen diskriminierenden Vorschriften und Beschränkungen unterworfen, zu denen u.a. Entrichtung einer Sondersteuer gehörte. .

Diese Maßnahmen hatten immer auch eine besondere symbolische Komponente: Bei der Entrichtung der Kopfsteuer ging es etwa nicht nur um die damit einhergehende wirtschaftliche Belastung, sondern sie sollte auch in einer erniedrigenden Form eingehoben werden, die die prinzipielle Inferiorität der Ungläubigen inszenieren sollte. Der Historiker Bernard Lewis hob in seiner Untersuchung Die Juden in der islamischen Welt hervor, dass die Vorschriften dazu dienten, »die soziale Inferiorität der dimmis aufrechtzuerhalten, sie zu versinnbildlichen und dadurch gleichzeitig die Überlegenheit der Muslime hervorzuheben. Die Symbole der Inferiorität waren manchmal wichtiger als die Realität«. 

Doch auch Verfolgungen gab es im islamischen Raum, etwa nach der Eroberung der Arabischen Halbinsel im Frühislam oder im maurischen Spanien. Beispielhaft zu nennen wären hier Cordoba im Jahr 1011 und Granada im Jahr 1066, das marokkanische Fes im Jahr 1465, der Jemen im 18. Jahrhundert, und im 19. Jahrhundert dann vermehrt in Nordafrika, dem Nahen Osten und Persien. 1941 kam es schließlich im Rahmen des Versuchs der Machtergreifung prodeutscher Kreise im Irak zu einem großen Pogrom in Bagdad, dem »Farhud«.

Im Islamismus bzw. politischen Islam werden die einschlägigen Suren verbunden mit dem europäischen Antisemitismus des christlichen Klerus im Orient und später des Nationalsozialismus zu einem islamischen Antisemitismus. Bewegungen wie die 1928 in Ägypten gegründete Moslembruderschaft oder die in den 1970er Jahren in der Türkei entstandene Milli Görüs übertragen einschlägige Korantexte und importierten Antisemitismus auf die heutigen Juden.

In der Reihe erschienen:

Die »jüdische Nakba« wird verschwiegen
Die »jüdische Nakba« (Teil 2): Geschichte der muslimischen Judenfeindschaft
Die »jüdische Nakba« (Teil 3): Die Vertreibung aus Ägypten 
Die »jüdische Nakba« (Teil 4): Das Ende der jüdischen Gemeinde im Irak 
Die »jüdische Nakba« (Teil 5): Das Verschwinden der jüdischen Gemeinde in Marokko
Die »jüdische Nakba« (Teil 6): Der Libanon, Syrien und die Ritualmordlegende zwischen 1840 und heute
Die »jüdische Nakba« (Teil 7): Die Juden des Jemen
Die »jüdische Nakba« (Teil 8): Die Flucht der Juden aus Algerien, Tunesien und Libyen
Die »jüdische Nakba« (Teil 9): Die Verfolgung der Juden im Iran
Die »jüdische Nakba« (Teil 10): Abschließende Zusammenfassung

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