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Die »jüdische Nakba« (Teil 8): Die Flucht der Juden aus Algerien, Tunesien und Libyen

Die al-Ghriba-Synagoge in Djerba, Tunesien. (© imago images/VWPics)
Die al-Ghriba-Synagoge in Djerba, Tunesien. (© imago images/VWPics)

Die jahrtausendealten jüdischen Gemeinden von Algerien und Tunesien sind nur mehr ein Schatten ihrer selbst, jene in Libyen existiert nicht mehr.

Flucht und Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern im 20. Jahrhundert waren nahezu total und können nicht bloß mit der Entstehung des Staates Israel in Verbindung gebracht werden. Der sich in der »jüdischen Nakba« manifestierende Antisemitismus hatte seine Ursachen im Judenbild des Koran und dem Export des europäischen Antisemitismus. Die Errichtung des Staates Israel war damit der Anlass, aber nicht der Grund für die Auslöschung der jüdischen Gemeinden in der arabischen Welt.

Algerien

Juden haben in Algerien eine fast zweitausend Jahre zurückreichende Geschichte. Manche Theorien sprechen von einer Anwesenheit von Juden bereits in vorrömischer Zeit, doch gibt es dafür keine Belege. Aussagekräftige archäologische Funde gehen bis ins erste Jahrhundert u. Z. zurück, in dem sich infolge der Zerstörung des Tempels in Jerusalem viele Juden im nordafrikanischen Raum niederließen.

Zuwachs erhielten die jüdischen Gemeinden Algeriens durch Juden, die vor mehreren Verfolgungswellen aus Europa geflohen waren, darunter viele aus dem heutigen Spanien, in dem die christliche Rückeroberung des Landes von der muslimischen Herrschaft mit der Vertreibung der Juden einherging. Größere jüdische Gemeinden gab es in den Küstenstädten Algier, Oran und Bejaia, aber auch in einigen Orten im Landesinneren.

Wie die jüdischen Gemeinden im übrigen islamischen Reich hatten auch die Juden im späteren Algerien den Status von Dhimmis, waren also als Menschen zweiter Klasse systematisch schlechter gestellt als Muslime und mussten neben anderen Einschränkungen auch eine diskriminierende Kopfsteuer bezahlen.

Eine dramatische Änderung ihres rechtlichen Status erfuhren die Juden mit dem französischen Einmarsch im Jahr 1830 und der damit verbundenen Eroberung und Annexion Algeriens. Viele Juden begrüßten die Kolonisierung des Landes, die jüdischen Gemeinden nahmen rasch die französische Sprache und Kultur an.

In ersten Reformen wurden der Dhimmi-Status aufgehoben und Juden den muslimischen Algeriern gleichgestellt. Ab 1865 konnten Juden und Muslime um die französische Staatsbürgerschaft ansuchen, und mit dem Crémieux-Erlass erhielten schließlich die Juden – nicht aber die Muslime Algeriens – die französische Staatsbürgerschaft.

Dieser Schritt war aber nicht unumstritten. Unter den in Algerien lebenden Franzosen gab es einen stark ausgeprägten Antisemitismus, der beispielsweise im Jahr 1890 zu Forderungen nach der Rücknahme des Crémieux-Erlasses führte. Und auch der wachsende Antisemitismus im französischen Mutterland strahlte nach Nordafrika aus: Als sich in Paris Émile Zola im Zuge der Dreyfus-Affäre 1898 für seinen berühmten Artikel »J’accuse …!« vor Gericht verantworten musste, plünderten Antisemiten in Algier jüdische Geschäfte, setzten 158 davon in Brand und töteten zwei Juden. Im Jahr zuvor war es in Mostaganem und Oran schon zu Plünderungen in den jüdischen Vierteln gekommen.

Antisemitische Propaganda französischer Rechtsextremer fiel bei manchen Muslimen auf fruchtbaren Boden. Eine der Folgen war das Pogrom in Constantine im Jahr 1934, bei dem 25 Juden getötet wurden, ohne dass die Behörden einschritten. Eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen wurde zerstört.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Invasion Frankreichs durch Nazi-Deutschland geriet Algerien unter die Kontrolle des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes. Dieses führte 1940 neue Judengesetze ein und hob den Crémieux-Erlass auf. Auf einen Schlag verloren damit rund 110.000 Juden die französische Staatsbürgerschaft – ein Schritt, der von vielen Muslimen begrüßt wurde. Juden mussten den gelben Stern tragen, und mit der Union Generale des Israelites wurde 1942 ein Art Judenrat geschaffen.

Die antisemitischen Gesetze wurden in Algerien strenger und schärfer umgesetzt als in Frankreich selbst. Neben einem eigenen Verwaltungsdepartment »für die Kontrolle des jüdischen Problems« wurde ein Büro für die Arisierung der Wirtschaft gegründet, wodurch Juden von vielen Wirtschaftsbereichen ausgeschlossen, jüdische Betriebe konfisziert und an nichtjüdische »Treuhänder« übergeben wurden. Rund 2.000 Juden wurden in Arbeits- und Konzentrationslager gesperrt, von denen viele durch die brutale Behandlung der Wachmannschaften, an Krankheiten oder an Hunger starben.

Das Ende dieses Schreckens kam für die Juden Algeriens mit der alliierten Befreiung des Landes im November 1942, auch wenn es bis zum Sommer 1943 dauerte, bis alle antijüdischen Gesetze und Bestimmungen abgeschafft wurden und die Juden die französische Staatsbürgerschaft zurückerhielten.

Die Nachkriegsgeschichte Algeriens unterscheidet sich deutlich von anderen in dieser Serie bisher besprochenen Staaten, da das Land weiterhin unter französischer Kontrolle blieb. Deshalb kam es 1948 nicht zu Flucht und Vertreibung der Juden, wie es in anderen arabischen Ländern rund um die israelische Staatsgründung der Fall war.

Im Krieg zwischen der Algerischen Befreiungsfront (FLN) und Frankreich unterstützten viele der algerischen Juden Frankreich. Der Krieg wurde von antisemitischen Attacken begleitet, darunter Angriffe auf jüdische Einrichtungen im November 1956, ein Angriff auf die Hauptsynagoge von Algier im Jahr 1960 und die Schändung des Friedhofs von Oran 1961.

Mit der Unabhängigkeit Algeriens 1962 verließen rund 130.000 Juden das Land. Die meisten gingen nach Frankreich, rund 25.000 nach Israel. Das unabhängige Algerien entzog mit dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1936 allen Nichtmuslimen die Staatsbürgerschaft. Bis zum Jahr 1969 waren von den rund 140.000 nach dem Zweiten Weltkrieg in Algerien lebenden Juden noch rund tausend übriggeblieben; heute sind es an die zweihundert.

Tunesien

Auch die jüdische Gemeinde in Tunesien hatte eine mehrtausendjährige Geschichte, die von manchen Experten auf die Zeit nach der Zerstörung des Salomonischen Tempels durch den babylonischen König Nebukadnezar 587/586 v. u. Z. zurückgeführt wird. Sicher ist, dass sie, wie auch jene in Algerien, nach der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem und dann infolge von Fluchtbewegungen vor antijüdischer Verfolgung in Europa stark angewachsen ist.

Unter der muslimischen Herrschaft galten Tunesiens Juden als Dhimmis und waren den entsprechenden Regeln und Auflagen unterworfen, allerdings wurden die Regeln anfänglich meist weniger streng umgesetzt als in anderen Teilen der islamischen Welt, was zu einer Blüte des jüdischen Lebens in Tunesien insbesondere zwischen dem neunten und elften Jahrhundert führte. Die jüdische Gemeinde von Kairouan war zeitweise eine der bedeutendsten der Welt.

Auf diese Blütephase folgten allerdings auch Zeiten massiver Unterdrückung, wie im 14. und 15. Jahrhundert, in denen die Stellung der Juden schlechter war als irgendwo sonst im Maghreb. Eine Verbesserung begann erst im 18. Jahrhundert, in dem europäische Mächte immer mehr an Einfluss gewannen. Allerdings kam es ab dieser Zeit auch vermehrt zu Gewalttaten gegen Juden, so 1869, als in Tunis mehrere Juden getötet und auf der Insel Djerba jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen geplündert wurden.

Wie auch in Algerien brachte die Zeit der französischen Kolonisierung eine Verbesserung der Lage der Juden, doch obwohl sie ab 1881 in einem französischen Protektorat lebten, blieben sie doch Untertanen muslimischer Herrscher. Radikale Schritte wie der Crémieux-Erlass blieben deshalb aus. Erst ab dem Jahr 1910 konnten einzelne Juden die französische Staatsbürgerschaft erlangen.

Auch für Tunesiens Juden war die Eroberung Frankreichs durch Nazi-Deutschland ein einschneidendes Erlebnis. Das Land gehörte, wie Algerien auch, zum Kollaborationsregime von Vichy, dessen antijüdische Gesetze 1940 eingeführt, aber weniger scharf umgesetzt wurden. Das änderte sich freilich im November 1942, als das Tragen des Judensterns zur Vorschrift und jüdisches Eigentum konfisziert wurde, wobei die Nazis den Juden darüber hinaus enorme Beträge an »Bußgeldern« abpressten. Es gab Verhaftungswellen und willkürliche Hinrichtungen; rund 5.000 Juden wurden in Zwangsarbeitslagern interniert, 160 in die Vernichtungslager in Europa deportiert. Die Befreiung Tunesiens durch die Alliierten 1943 verhinderte noch schlimmere Verfolgung.

Durch die Rückkehr der französischen Protektoratsmacht kam es vorerst zu keiner massenhaften Flucht und Vertreibung der Juden aus Tunesien rund um die israelische Staatsgründung, aber die Unabhängigkeit des Landes, die 1956 erreicht wurde, war nur eine Frage der Zeit, und antijüdische Angriffe wie im Jahr 1952 bewirkten eine erste Fluchtwelle.

Im unabhängigen Tunesien verfolgte Präsident Habib Bourguiba zwar eine vergleichsweise liberale Politik gegenüber den Juden des Landes, gleichzeitig kam es aber immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf jüdische Gemeinden und Einrichtungen, bei denen Synagogen, Friedhöfe und jüdische Viertel attackiert wurden. Zwischen 1956 und dem Sechstagekrieg 1967 verließen rund 40.000 Juden vor allem in Richtung Israel und Frankreich Tunesien.

Nach Beginn des Sechstagekriegs und antisemitischen Gewalttaten wurde, wie Nathan Weinstock schreibt, »die Emigration zum Exodus«. Mit Eisenstangen und Benzinkanistern bewaffnete Randalierer zogen plündernd und brandschatzend durch das jüdische Viertel in Tunis, und bei der Stürmung der großen Synagoge wurden vierzig Torah-Rollen zerstört.

1946 hatte es in Tunesien noch rund 71.000 Juden gegeben; 1968 waren es nur mehr sieben- bis achttausend, von denen viele nach weiteren antisemitischen Gewalttaten wie dem tödlichen Anschlag auf die al-Ghriba-Synagoge in Djerba, bei dem 19 Touristen getötet wurden, aus dem Land flohen. Heute sollen in Tunesien noch rund 1.500 Juden leben.

Libyen

Die Geschichte der Juden im heutigen Libyen begann vor rund 2.500 Jahren mit der Ansiedlung von Juden aus Alexandria in der griechischen Kolonie Kyrenaika. Die Herrschaft über das Land wechselte im Laufe der Jahrhunderte von Römern über Berber und Vandalen bis zur Eroberung Nordafrikas durch Araber. Für die Juden begann damit das Leben unter dem Dhimmi-Status. Mit der Reconquista, der christlichen Rückeroberung Spaniens, wurde Tripolitanien zu einem wichtigen Zufluchtsort für Juden, die von der iberischen Halbinsel geflüchtet waren oder vertrieben wurden.

Nach wechselnden lokalen Dynastien übernahm 1835 die Hohe Pforte in Konstantinopel die Macht im Libyen, bevor 1911 die Kolonisierung des Landes durch Italien begann. Die Lage der Juden verschlechterte sich nach einer anfänglich recht guten Zeit mit dem Aufstieg des Faschismus unter Benito Mussolini. Die Verabschiedung antisemitischer Gesetze in Italien unter dem Druck Deutschlands im Jahr 1938 wirkte sich auch auf Libyen aus, dramatisch wurde die Lage der Juden allerdings mit dem direkten deutschen Engagement in Nordafrika.

Während die Wehrmacht Krieg gegen die Alliierten führte, deportierten die Deutschen rund 2.000 Juden aus dem jüdischen Viertel von Bengasi in die Wüste, wo Hunderte in Zwangsarbeitslagern ums Leben kamen. Die Italiener richteten südlich von Tripolis das Konzentrationslager Giado ein, wo die Juden der Kyrenaika unter grausamen Bedingungen interniert wurden. Bis das Lager Anfang 1943 von den Alliierten befreit wurde, starben Hunderte Juden vor allem aufgrund von Krankheiten, die Folge der katastrophalen hygienischen Verhältnisse waren.

Mit der Befreiung Libyens durch die Alliierten war das Leid der Juden allerdings nicht beendet. So kam es bei einem von arabischen Nationalisten initiierten Pogrom anlässlich des Jahrestags der Balfour-Deklaration Anfang November 1945 im britisch verwalteten Tripolitanien zu einem der schlimmsten antisemitischen Gewaltausbrüche in ganz Nordafrika. In Tripolis und anderen Städten wurden 140 Juden getötet, eine Vielzahl verletzt und etliche Synagogen zerstört. Bereits nach diesem Ereignis, also schon drei Jahre vor der Gründung Israels, begann der Exodus der Juden aus Libyen.

Rund um die Gründung Israels kam es erneut zu Attacken auf Juden, bei denen zwölf Juden ermordet und 280 jüdische Häuser zerstört wurden. Nur den entschlossenen Selbstschutzmaßnahmen der jüdischen Gemeinden war es zu verdanken, dass nicht noch mehr Tote zu beklagen waren.

Bis 1952 die Auswanderung von Juden verboten wurde, hatten von den ehemals rund 35.000 Juden Libyens bereits rund 30.000 das Land verlassen, die meisten von ihnen Richtung Israel. Die verbliebenen Juden waren weiteren diskriminierenden Maßnahmen und Gewaltakten ausgesetzt. Anlässlich des Sechstagekriegs wurde die verbliebene jüdische Gemeinde von Tripolis erneut zum Ziel eines Pogroms, bei dem zehn Juden ermordet wurden. König Idris I. erlaubte daraufhin vorübergehend die Ausreise von Juden, und mehr als 6.000 wurden von der italienischen Marine nach Italien evakuiert.

Als Muammar al-Gaddafi 1969 an die Macht kam, lebten nur mehr rund hundert Juden in Libyen. Gaddafi verfolgte eine streng antisemitische Politik, im Zuge derer er jüdisches Eigentum konfiszierte und u. a. Synagogen in Moscheen verwandelte. Obwohl die Auswanderung wieder verboten war, gelang es dem Großteil der verbliebenen Juden, das Land zu verlassen. Fünf Jahre nach Gaddafis Machtergreifung soll es nur mehr an die zwanzig Juden in Libyen gegeben haben.

Mit dem Tod von Esmeralda Meghnagi und der Ausreise der 80-jährigen Rina Debach ging im Jahr 2002 das jüdische Leben in Libyen zu Ende.

Empfohlene weitergehende Literatur:

In der Reihe erschienen:

Die »jüdische Nakba« wird verschwiegen
Die »jüdische Nakba« (Teil 2): Geschichte der muslimischen Judenfeindschaft
Die »jüdische Nakba« (Teil 3): Die Vertreibung aus Ägypten 
Die »jüdische Nakba« (Teil 4): Das Ende der jüdischen Gemeinde im Irak 
Die »jüdische Nakba« (Teil 5): Das Verschwinden der jüdischen Gemeinde in Marokko
Die »jüdische Nakba« (Teil 6): Der Libanon, Syrien und die Ritualmordlegende zwischen 1840 und heute
Die »jüdische Nakba« (Teil 7): Die Juden des Jemen
Die »jüdische Nakba« (Teil 8): Die Flucht der Juden aus Algerien, Tunesien und Libyen
Die »jüdische Nakba« (Teil 9): Die Verfolgung der Juden im Iran
Die »jüdische Nakba« (Teil 9): Die Verfolgung der Juden im Iran
Die »jüdische Nakba« (Teil 10): Abschließende Zusammenfassung

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