Syrien: Wer das ruinierte Land heute wirklich beherrscht

Eine Analyse von Jonathan Spyer.

„Die Aufmerksamkeit der internationalen Medienöffentlichkeit hat sich längst vom syrischen Konflikt abgewendet. Den oft genannten Klischees von einem ‚Abflauen‘ des Konflikts und vom Überleben oder Sieg des Regimes steht jedoch eine komplexe Realität entgegen. (…)

Weit davon entfernt, in eine Phase des Wiederaufbaus unter einer erneuerten zentralisierten Regierung einzutreten, ist Syrien heute ein Flickenteppich aus Gebieten, die von verschiedenen Akteuren kontrolliert werden. Das Land steht unter dem Einfluss einer Vielzahl von regionalen und globalen Akteuren. Tatsächlich bildet Syrien heute einen faszinierenden Mikrokosmos des größeren Kalten Krieges, der in der Region ausgetragen wird. Es ist ein Ort, an dem alle wichtigen Akteure dieser Auseinandersetzung – der iranisch geführte Block, Russland, die USA und ihre Verbündeten sowie die Achse bestehend aus der Türkei, Katar und sunnitischen Islamisten – beteiligt sind.

Apologeten des Assad-Regimes versuchen seit langem, die Kriegssituation so zu präsentieren, als werde der Vorkriegszustand gerade wiederhergestellt. Dieses Bild entspricht nicht ganz der Realität. Assad kontrolliert zusammen mit dem Iran und Russland rund 60% des syrischen Territoriums. Das Gebiet östlich des Euphrats, das von den kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrolliert wird, macht etwa 30% des Landes aus. Das türkisch garantierte sunnitisch-islamistische Gebiet im Nordwesten deckt die restlichen 10% ab.

Die Bevölkerungsverteilung ist nur schwer genau anzugeben, aber in Syrien leben noch immer etwa 17 Millionen Menschen (von 23 Millionen Menschen vor dem Krieg). Rund 11-12 Millionen davon leben in den vom Regime kontrollierten Gebieten, 3-3,5 Millionen in der von der Türkei unterstützten Enklave und rund 2 Millionen im SDF-Gebiet östlich des Euphrats. (…)

Allgemein gesprochen besteht Syrien derzeit aus von verschiedenen Akteuren kontrollierten Bereichen mit relativ stabilen Grenzen und anhaltender interner Gewalt in jedem von ihnen (wobei der Nordwesten derzeit der einzige Bereich ist, in dem konventionelle Kämpfe stattfinden).

Die Situation ist wesentlich davon geprägt, dass die internationalen Unterstützer der verschiedenen Enklaven ein größeres Mitspracherecht auf die Entwicklung der Ereignisse haben als ihre jeweiligen syrischen Klienten.

Interessant ist dabei, dass jede der Allianzen jenes strategischen Wettbewerbs, der aktuell in der Region stattfindet, einen Teil Syriens dominiert. Die Iraner und ihre Verbündeten sind die Schlüsselkräfte im regimekontrollierten Gebiet, in teilweisem Bündnis mit Russland. Die Amerikaner, zusammen mit einer begrenzten europäischen Präsenz und der stillschweigenden Unterstützung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate, sichern die kurdische Enklave im Osten. Die Türken (mit Katar an ihrer Seite) sind die Garanten des Nordwestens. Israel verfolgt unterdessen einen anhaltenden Luftkrieg, um die Bemühungen des Iran um den Bau einer militärischen Infrastruktur auf syrischem Boden zu durchkreuzen, die gegen den jüdischen Staat gerichtet ist. (…)

Die direkten Spannungen zwischen den USA und dem Iran nehmen zu. Im Mittelpunkt steht die Wasserstraße des Golfes. Der Irak ist ein sekundärer Reibungspunkt.

Syrien, wo sich in den letzten Jahren eine Art Stellvertreterkonflikt zwischen den USA, dem Iran und anderen Kräften abgespielt hat, steht vorerst nicht mehr im Vordergrund. Das ruinierte Land ist zwischen den konkurrierenden regionalen Blöcken aufgeteilt, wobei jeder auf lokale Akteure setzt. Lange Zeit die zentrale Bühne der Auseinandersetzung, ist es jetzt zu einem Nebenschauplatz geworden.“ (Jonathan Spyer in der Jerusalem Post: „The Syrian Sideshow“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login