Wohin wendet sich die Türkei?

Welche Faktoren stecken also hinter der Umorientierung der Türkei weg vom Westen und hin auf dessen Feinde und Gegner? Dies lässt sich aus drei Erwägungen heraus erklären: Mit Blick auf die (ihrer Ansicht nach) unmittelbaren Interessen der Türkei, mit Blick auf die Enttäuschung ihrer Hoffnungen für die Region in den vergangenen Jahren, und mit Blick auf die langfristige innenpolitische Entwicklung der türkischen Gesellschaft und Politik.

Mit blick auf den ersten Faktor, haben türkische Sorgen angesichts der wachsenden Macht der Kurden in Syrien zu einer Annäherung an die Agenda des Iran und zu einer weiteren Abkehr vom Westen geführt. Ankara hat im Laufe der vergangenen Jahre den Aufstieg der Partei der Demokratischen Union (PYD) im Norden Syriens mit großer Sorge beobachtet. (…) Die syrischen Kurden kontrollieren nun den Großteil der 911 Kilometer langen Grenze Syriens zur Türkei. Ohne die militärische Intervention der Türkei im August 2016 würden die Kurden wahrscheinlich den gesamten Grenzverlauf kontrollieren. Die Lage ist aus türkischer Sicht umso verstörender, als die syrischen Kurden heute im Rahmen des Kriegs gegen den Islamischen Staat in Syrien Teil eines gedeihenden Militärbündnisses mit den Vereinigten Staaten und der westlichen Koalition sind. (…)

Die revolutionäre Energie der Sunniten von 2010/12 hat sich inzwischen weitgehend verlaufen und es ist wenig dabei herausgekommen. Ägypten befindet sich wieder in den Händen der Armee. Tunesien wird von einer von Nicht-Islamisten dominierten Koalition regiert. Die Hamas bemüht sich darum, ihr Bündnis mit dem Iran wiederherzustellen. Katar sieht sich seiner Haltung wegen mit einer Gegenoffensive der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens konfrontiert. Die sunnitischen Aufständischen in Syrien können nicht mehr siegen und kämpfen um ihr Überleben. Angesichts all dieser Entwicklungen steht die Türkei als einer der großen Verlierer da.

Schließlich ist da noch die Innenpolitik. Erdogan ist dabei, das republikanische Gesellschaftsmodell in der Türkei weitgehend zu demontieren und baut an dessen Stelle eine islamistische Gesellschaft auf. (…) Diese neue islamische Türkei wird sich nur schwer in ein Bündnis mit den Vereinigten Staaten und dem Westen fügen, von Israel ganz zu schweigen. Insofern kann der radikale Umschwung in der regionalen und globalen Orientierung Ankaras kaum überraschen.

Die Türkei ist zu groß und zu sunnitisch, um jemals ein wesentliches Mitglied des iranisch-geführten regionalen Blocks zu werden. Mit Teheran bestehen weiterhin große Differenzen, wenn es um die Zukunft der sunnitischen Gemeinden in Syrien und im Irak geht. Aber all jene, die sich weiterhin an die Hoffnung klammern, de Türkei könnte zu seinem früheren Status als eines Bollwerks der westlichen Sicherheit im Nahen Osten zurückkehren, sollten ihre Einschätzung noch einmal überdenken. Alle Zeichen deuten in dieselbe Richtung. Die Zweite Türkische Republik ist im Entstehen begriffen — und ihr Antlitz wird dem Osten zugewandt sein.“ (Jonathan Spyer: „‚Second Turkish Republic’ looks east for new alliances“)

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