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Rushdie-Attentäter hatte »direkten Kontakt« zu iranischen Revolutionsgarden

Salman Rushdie in einem amerikanischen Sarg: Exponat der 16. Internationalen Koranausstellung in der Imam Khomeini Moschee in Teheran
Rushdie in einem US-Sarg: 16. Internationale Koranausstellung in der Imam Khomeini Moschee in Teheran (© Imago Images / UPI Photo)

Nach Tagen des Schweigens äußerte sich das iranische Außenministerium zu dem Angriff auf Salman Rushdie – und gab dem Opfer die Schuld für den Anschlag auf sein Leben.

In einer Pressekonferenz am Montag erklärte der Sprecher des iranischen Außenministeriums Nasser Kanaani am Montag, dass Salman Rushdie und seine Unterstützer die einzigen und wahren Schuldigen seien, die für den Angriff auf den Schriftsteller am vergangenen Freitag verantwortlich zu machen seien. Meinungs- und Redefreiheit rechtfertige nicht jene Beleidigungen der Religion, die Rushdie in seinen Büchern vorgenommen habe, sagte Kanaani gegenüber der iranischen Presse.

Im Jahr 1989 hatte Irans Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini eine Fatwa (Rechtgutachten) erlassen, in dem die Muslime aufgefordert wurden, Rushdie wegen dessen ein Jahr zuvor erschienenen Buchs Die Satanischen Verse zu ermorden, da dieses blasphemische und den Islam und seinen Propheten Mohammed beleidigende Passagen enthalte. Khomeinis Fatwa wurde 2017 und 2019 vom Obersten Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, bestätigt, der darauf hinwies, das sich auf religiösen Quellen stützende Gutachten könne genauso wenig aufgehoben werden, wie die religiösen und damit von Gott stammenden Verse selbst.

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Staatliche iranische Medien wie die Zeitung Jam-e Jam begrüßten denn auch den Angriff auf Rushdie und titelten mit Schlagzeilen, in denen sie die »Blendung des Auges des Satans« – eine Anspielung auf die Erklärung von Rushdies Agent, der Autor könnte als Folge des Attentats ein Auge verlieren – feierten, der, wie Khorasan schrieb, nun »auf dem Weg zur Hölle« sei. Eine weitere Zeitung unter Kuratel Khameneis erklärte gar, man müsse »die Hand desjenigen küssen, der den Hals eines Feindes Gottes mit dem Messer zerfetzte«.

In ein ähnliches Horn stieß dann auch der Sprecher des iranischen Außenministeriums, als er erklärte, Salman Rushdie habe sich selbst »der öffentlichen Wut nicht nur der Muslime, sondern aller Religionen ausgesetzt«, indem »er islamische Heiligkeiten beleidigte und die roten Linien von 1,5 Milliarden Muslimen überschritt«. Bezüglich des Angriffs auf Rushdie betrachte der Iran daher »niemand anderen als ihn selbst und seine Unterstützer für tadelnswert und verurteilungswürdig«.

Niemand habe das Recht, im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Rushdie Beschuldigungen gegen den Iran zu erheben, fuhr Kanaani fort. Die Rede- und Meinungsfreiheit, auf die sich die »Literatur einiger Länder« berufe, können nicht als »«Rechtfertigung für die Beleidigung göttlicher Religionen« herhalten. »Wir glauben, dass die Verbreitung von Hass und die Beleidigung religiöser Heiligkeiten sowohl religiös als auch moralisch und gesetzlich zu verurteilen ist. Die Aktion das Angreifers [auf Rushdie] zu verurteilen, während man die beleidigenden Taten weißwäscht, zeugt von widersprüchlichem Verhalten.«

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Kontakte zu Revolutionsgarden

Der Iran, so schloss Außenministeriumssprecher Kanaani seine Ausführungen, wisse nichts über den Angreifer auf Rushdie und habe keine Informationen über ihn, »außer denen, die wir in den amerikanischen Medien zu hören bekommen haben«. Laut einem Bericht von VICE World News sei der 24-jährige Angreifer Hadi Matar, der vom Staatsanwalt eines »im Voraus geplanten Verbrechens« bezichtigt wird und einer Anklage wegen Überfalls, Tätlichkeit und versuchten Mordes entgegensieht, über die sozialen Medien jedoch »in direktem Kontakt« mit Mitgliedern des Korps Islamischen der Revolutionsgarden (IRGC) gestanden.

Unter Berufung auf einen Antiterror-Experten der NATO heißt es in dem Bericht, der Messerangriff weise alle Kennzeichen eines »gelenkten« Angriffs aus, bei dem ein Sicherheits- oder Geheimdienst einen Unterstützer zu einer Aktion überredet, ohne direkt in die den Angriff selbst verwickelt zu sein. Die Kommunikation von Matar mit IRGC-Funktionären müsse genau untersucht werden, sagte der anonym bleibende NATO-Beamte, um »weitere Informationen über die genaue Natur dieser Beziehungen« gewinnen zu können.

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass iranische Funktionäre an der Planung und Ausführung des Attentats auf Rushdie beteiligt waren. Auch sind noch keine näheren Angaben über die Art und den Inhalt der Social-Media-Kontakte zwischen Hatar und dem IRGC bekannt, ebenso wenig wie darüber, wie diese Kontakte zustande kamen und wer sie in die Wege geleitet hat. Allerdings sei »klar«, so ein Geheimdienstbeamter aus dem Nahen Osten, dass Matar zu einem Zeitpunkt vor seinem Anschlag mit Personen in Kontakt war, die »entweder direkt in die Revolutionsgarden involviert oder mit der [IRGC-Auslandseinheit] der Quds-Truppen verbunden sind«.

Lediglich das Ausmaß der Beteiligung sei unklar, sagte der ebenfalls anonym bleibende Beamte, »ob es ein direkt unterstützter Attentatsversuch war, oder ob es sich um eine Reihe von Vorschlägen und Hinweisen bei der Auswahl des Ziels handelte«. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass ein in den USA geborener 24-Jähriger von allein auf Salman Rushdie als Zielperson gekommen wäre, da »selbst ein eifriger Konsument iranischer Propaganda einige Schwierigkeiten hätte, Hinweise auf Rushdie zu finden, verglichen mit all den anderen zeitgenössischen Feinden, die vom Regime als solche eingestuft werden«.

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Revolutionsgarden erweitern Aktivitäten

Hadi Matars Familie stammt ursprünglich aus der südlibanesischen Stadt Yaroun, die in einer Gegend liegt, in der es breite Sympathie für die Hisbollah, die lokale Stellvertreterorganisation des Iran, gibt. Matars Mutter, die ihren auf »unschuldig« plädierenden Sohn als »als verantwortlich für seine Taten« bezeichnete, sagte gegenüber Medien, Hadi sei 2018 völlig verändert von einem Besuch bei seinem nach Yaroun zurückgekehrten Vater wiedergekommen. So habe er ihr Vorwürfe gemacht, ihn nicht streng muslimisch erzogen zu haben und sich mehr und mehr in einen »religiösen Eiferer« verwandelt.

Laut Aussagen des Bürgermeisters von Yaroun weigert sich Matars Vater »mit irgendjemanden [über seinen Sohn] zu sprechen«. Bislang liegen allerdings keine öffentlich gewordenen Hinweise vor, dass Matar sich der Terrororganisation Hisbollah angeschlossen oder bei einem seiner Besuche im Libanon eine militärische Ausbildung besucht hat. Auch die Hisbollah selbst bestreitet, vor seinem Angriff auf Rushdie Kenntnis von Matar gehabt zu haben: Zwar unterstützen die »meisten Familien in Yaroun den Widerstand«, erklärte ein Hisbollah-Kommandeur aus der Region, »aber dieser Junge hat nichts mit der Hisbollah zu tun. Wir kennen ihn nicht und wollen nicht in internationale Intrigen hineingezogen werden, die Leute betreffen, die wir nicht kennen«.

Ein hochrangiger libanesischer Sicherheitsbeamter sagte gegenüber VICE, die USA hätten zusätzliche Informationen über die Reisen Matars in den Libanon angefordert, um zu ermitteln, ob der Attentäter militärisches Training durch die Hisbollah erhalten haben könnte. »Die Amerikaner haben großes Interesse an diesem Jungen, und wir tun unser Bestes, ihnen jede Information zur Verfügung zu stellen, die ihnen bei ihrer Untersuchung helfen kann.« Allerdings gäbe es eine Grenze bei dieser Hilfe, da »die involvierten Gruppierungen« auf »eine lange Geschichte der Geheimhaltung« zurückblicken. Insofern sei es unrealistisch, damit zu rechnen, dass jemand aus dem Umfeld der infrage stehenden Akteure zugibt, Matar darin »trainiert zu haben, einen Anschlag auszuführen«.

Der bereits zitierte Geheimdienstbeamte aus dem Nahen Osten erklärte unterdessen, dass eine Handvoll Mitglieder der Quds-Einheit, die beschließen, jemanden zu einem solchen Angriff zu inspirieren und dabei zu leiten, für eine Aktion wie das Rushdie-Attentat ausreichen würde. Dazu würden sie auch keine offizielle Erlaubnis von hochrangigen Funktionären des Regimes benötigen, nicht zuletzt, da es im Regime selbst eine offene Rivalität zwischen den IRGC-Sicherheitsdiensten und jenen des Militärs sowie zwischen den politischen Fraktionen im Allgemeinen gebe.

»Es scheint einen Prozess zu geben, in dem individuelle Mitglieder verschiedener Geheimdienstabteilungen ihr eigenen Aktionen planen und starten«, sagte der Beamte unter Verweis auf den kürzlich bekannt gewordenen Plan eines Quds-Einheit-Mitglieds, einem mexikanischen Drogenkartell 300.000 Dollar für die Ermordung des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton zu zahlen.

Diese Kräfte innerhalb der Revolutionsgarden seien der Ansicht, dass seit dem Tod des auch für Auslandseinsätze zuständigen Hisbollah-Militärchefs Imad Mughniyeh im Jahr 2008 eine »gewisse Schludrigkeit« in den iranischen und Hisbollah-Aktivitäten eingetreten sei. Bezeichnenderweise trug der Rushdie-Attentäter Hadi Matar bei seiner Verhaftung einen gefälschten Führerschein bei sich, auf dem als seine Identität just der Nachname jenes Imad Mughniyeh eingetragen war.

Rushdie-Attentäter hatte »direkten Kontakt« zu iranischen Revolutionsgarden
Hadi Matars gefälschter Führerschein mit dem Nachnamen des ehemaligen Hisbollah-Militärchefs Imad Mughniyeh

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