Erweiterte Suche

Streifzug durch Israels bewegte Jahrzehnte (Teil 1): Von 1948 bis 1998

Am Tag vor seiner Unabhägigkeitsfeier begeht Israel den Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer
Am Tag vor seiner Unabhägigkeitsfeier begeht Israel den Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer (© Imago Images / ZUMA Wire)

Morgen begeht Israel sein 75-jähriges Bestehen. Die verstrichenen Jahrzehnte waren von Ereignissen und Entwicklungen geprägt, die Land und Bürgern viel abverlangten, aber auch mit großen Errungenschaften gesegnet waren.

Von 1948 bis 1958

Das erste Jahrzehnt des Staates stand wie die Zeit vor der 1948 erfolgten Staatgründung im Zeichen des Aufbaus. Es fehlte an Infrastruktur wie Straßen, Kanalisation, fließendem Wasser, Schulen und Krankenhäusern. Und doch hatte sich etwas entscheidend verändert, denn mit dem Abzug der britischen Mandatsmacht stand das Land jüdischen Einwanderern offen. 

Damals saßen Hunderttausende Shoa-Überlebende in Europa fest, Juden in arabischen Ländern mussten sich vor der Israelfeindlichkeit ihrer Heimatländer retten. Bis 1951 nahmen die rund 800.000 Juden der vorstaatlichen Gemeinschaft (Jischuw) fast eine Viertelmillion Shoa-Überlebende auf, alleine aus dem Jemen und Iran rund 175.000.

Im Verlauf des ersten Jahrzehnts erreichte Israels Bevölkerung fast die Zwei-Millionen-Marke. Das junge Land war über das militärische Ringen um seine Existenz hinaus mit enormen Herausforderungen konfrontiert: Aufstockung aller Dienstleistungen, Bewältigung der Wohnungsnot, Schaffung von Arbeitsplätzen und Versorgung der Bevölkerung. Lebensmittel waren rationiert. Doch Staatsgründer David Ben-Gurion stellte unter Beweis: Not macht tatsächlich erfinderisch. Da für den Import von Reis Devisen fehlten, ordnete er an, etwas Reisähnliches aus Mehl zu erfinden. Die bis heute gerne verspeisten Ptitim sind nicht umsonst als Ben-Gurion-Reis bekannt. 

Und noch heute profitieren israelische Haushalte von einer weiteren Innovation, die Ben-Gurion in Auftrag gab: Wassertanks auf den Dächern mit Paneelen, die zu Vorreitern von Solarkollektoren wurden und Israel bereits in den 1950er Jahren halfen, die beschränkten Stromerzeugungskapazitäten trotz massiv wachsender Bevölkerung zu entlasten.

Von 1958 bis 1968

Auch das zweite Jahrzehnt war vom Zustrom von Juden aus aller Welt gezeichnet. Juden ließen sich nicht durch den Terror abschrecken, der mit der Gründung der PLO 1964 anschwoll. Als Israel im Sommer 1967 seine Existenz gefährdet glaubte und zum Präventivschlag gegen Ägypten und Syrien ausholte, meldeten sich Tausende Juden der Diaspora, um ihren israelischen Brüdern und Schwestern zur Seite zu springen. Elektrisiert vom erfolgreichen Kriegsausgang, der unter anderem die Eroberung der biblischen Regionen Judäa und Samaria brachte – die bis dahin Jordanien unterstehende Westbank –, wanderten nach dem Sechstagekrieg noch mehr Juden nach Israel ein.

Nur wenige Jahre zuvor prägte die mannigfaltige jüdisch-israelische Gesellschaft ein einschneidendes Ereignis: der Prozess gegen den aus Argentinien entführten NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann, nach dem sich Israels Gesellschaft intensiv mit diesem dunklen Kapitel der jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen begonnen hatte. 

Gegen Ende dieses Jahrzehnts änderte sich zudem das Leben der arabischen Einwohner. Zwar stand ihnen seit der Staatsgründung das aktive wie passive Wahlrecht zu und waren ab 1952 Staatsbürger geworden, doch erst 1966 wurde die viele andere Bürgerrechte einschränkende Militärverwaltung beendet.

Von 1968 bis 1978

Im dritten Jahrzehnt fand die Euphorie infolge des Ausgangs des Sechstagekriegs durch den ägyptisch-syrischen Überraschungsangriff an Yom Kippur (Versöhnungstag) 1973 ein jähes Ende. Der Krieg hinterließ nicht nur schmerzliche Spuren auf den Schlachtfeldern, sondern fügte Israels Gesellschaft eine Narbe zu, die wenige Jahre später zu einem politischen Erdbeben beitrug: Nach dreißig Jahren an der Regierung unterlag die Arbeiterpartei1977 dem rechtskonservativen Likud unter der Leitung von Menachem Begin; ein Ereignis, auf das Israel bis heute zurückblickt

Dieses Jahrzehnt, das der israelischen Firma Netafim den Beginn des weltweiten Exports ihres Tropfenbewässerungssystems brachte, klang mit einem weiteren bewegenden Ereignis aus: dem Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat in Israel.

Von 1978 bis 1988

Dank des Camp-David-Abkommens von 1979 schweigen seither die Waffen zwischen Israel und Ägypten, dennoch sollte auch das vierte Jahrzehnt Israels von militärischen Aspekten gezeichnet sein. Zum einen führte Israel 1981 einen Präventivschlag gegen den irakischen Atomreaktor Osirak aus, und startete zum anderen ein Jahr später die Operation »Frieden für Galiläa«, Israels ersten Libanon-Krieg

Da sich parteipolitische Interessen in militärische Sicherheitserwägungen einschlichen und die israelischen Verluste auf libanesischem Boden immer massiver wurden, schwollen nicht nur die Proteste der Zivilisten an, sondern auch Soldaten, allen voran Offiziere, meldeten Zweifel an. Obwohl sich Israel noch vor Ablauf dieser Dekade aus weiten Teilen des Libanons zurückzog, sollte die im Südlibanon eingerichtete Sicherheitszone das Land bis zum Beginn des neuen Jahrtausends beschäftigen und auch belasten. 

Dieses vierte Jahrzehnt klang zudem mit einer schwerwiegenden Wirtschaftskrise aus. Nur knapp entging Israel dem Staatsbankrott. Kein Sektor der Wirtschaft hatte sich davon erholt, als man Ende 1987 vor der nächsten Herausforderung stand: die erste »Intifada«, dem palästinensischen Volksaufstand.

Von 1988 bis 1998

Im fünften Jahrzehnt seines Bestehens musste sich Israel diversen kritischen Themen widmen: Ökonomischer Wiederaufbau, eine Zivilbevölkerung, welche die Auswirkungen der ersten »Intifada« zu spüren bekam, und eine einsetzende Masseneinwanderung aus der untergehenden UdSSR sowie aufsehenerregende Rettungsaktionen der in Gefahr schwebenden Juden Äthiopiens. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die rund vier Millionen Einwohner zählende Bevölkerung um mehr als eine Million Neueinwanderer an. 

Das Jahr 1991 brachte überdies den Beschuss mit Scud-Raketen aus dem Irak, der die Israelis wegen der Befürchtung, unkonventionelle Kampfstoffe könnten zum Einsatz kommen, wochenlang mit Gasmasken in Griffbereitschaft ausharren ließ. 

Kaum war dies überstanden, stand die Gesellschaft vor zwei weiteren Einschnitten, die bis heute Schatten werfen: 1993 die Unterzeichnung der Osloer Verträge mit den Palästinensern, die Ausblick auf Frieden verhießen und dazu beitrugen, dass der jüdische Staat seinen zweiten Friedensvertrag mit einem arabischen Anrainer unterzeichnen konnte.

Lediglich ein gutes Jahr, nachdem Israels Premier Yitzhak Rabin den Friedensvertrag mit Jordanien unterzeichnet hatte, änderten schon wieder Schüsse das Geschick des Landes. Ein extremistischer jüdischer Israeli nahm Rabin mit drei Schüssen das Leben und stürzte die Gesellschaft in eine tiefe Krise, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. 

Doch auch eine technologische Innovation veränderte das Leben nicht nur in Israel, sondern in aller Welt, als Israels Jungunternehmen Mirabilis 1996 eiSoftware für den ersten Instant-Messaging-Dienst ICQ auf den Markt brachte.

Teil 2 finden Sie hier.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie einen unabhängigen Blick zu den Geschehnissen im Nahen Osten.
Bonus: Wöchentliches Editorial unseres Herausgebers!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!