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Gefahren einer Kooperation mit arabischen Medien – und was sich dagegen tun lässt

Die Redaktion des Auslandsrundfunks der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle"
Die Redaktion des Auslandsrundfunks der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle" (© Imago Images / Schöning)

Es muss Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Antisemitismus, Holocaust-Leugnung und Israelhass in der arabischen Welt – auch unter Journalisten – weit verbreitet sind.

Ben Cohen

Es war eine schlimme Woche für die vom Steuerzahler finanzierte Deutsche Welle (DW), die von gleich zwei Antisemitismus-Skandalen überschattet wurde, in die ihr arabischsprachiger Dienst und seine Partner im Nahen Osten verwickelt waren.

Wie die BBC, Voice of America, France24 und ähnliche Sender hat die DW die Aufgabe, internationale Angelegenheiten aus deutscher Sicht zu beleuchten, und sendet in mehr als 30 Sprachen.

Da die DW von der deutschen Öffentlichkeit mit jährlich rund 350 Millionen Euro finanziert wird, unterliegen ihre redaktionellen Praktiken einer gesetzlichen Regelung. Inhalte, die offen rassistische, antisemitische oder andere vorurteilsbehaftete Äußerungen verbreiten, werden nicht gebilligt.

Der grundlegende Standard, der erwartet wird, ist eine Berichterstattung, die ein Thema umfassend und ausgewogen behandelt, ohne das Publikum zu sehr in eine Richtung zu beeinflussen.

Das bedeutet im Wesentlichen, dass Reporter und Redakteure ihre eigenen Einstellungen und Urteile an der Garderobe lassen müssen, wenn sie ihren Job machen.

Aber die DW musste feststellen, dass die Einstellungen und Urteile einiger Mitarbeiter des arabischen Dienstes ihre Berichterstattung über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern vergiftet und den Sender mit dem Makel des Antisemitismus behaftet haben.

Offener Antisemitismus

Es war ein investigativer Artikel in der Süddeutschen Zeitung (SZ) Anfang Dezember, der die Missstände innerhalb des arabischen Dienstes der DW ans Licht brachte.

Mehrere Mitarbeiter und Auftragnehmer hatten offen antisemitische Äußerungen getätigt, die öffentlich bekannt waren. Andere hatten sogar Verbindungen zu antisemitischen Organisationen hatten, wie der Redakteur der Nachrichtenredaktion, der zuvor als Korrespondent für die Zeitung der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) gearbeitet hatte, einer von den Nazis inspirierten Organisation, deren Symbol eine Variante des Hakenkreuzes ist.

„Jeder, der mit den Israelis zu tun hat, ist ein Kollaborateur, und jeder Rekrut in den Reihen ihrer Armee ist ein Verräter und muss hingerichtet werden.“ Der Journalist, der hinter diesem Tweet steht, wurde 2019 zum Büroleiter der DW in Beirut ernannt.

„Juden kontrollieren die Gehirne der Menschen durch Kunst, Medien und Musik“, schrieb ein anderer DW-Redakteur. Dieselbe Person prahlte auf Facebook damit, wie er ein Gespräch mit einer Frau in einem Café abgebrochen hatte, nachdem er herausgefunden hatte, dass sie Jüdin ist, woraufhin er zu ihr sagte: „Wir haben eine Menge gegen Euch.“

In einem anderen Beitrag drei Wochen später, in dem er seine Trauer über den Tod des Holocaust-Leugners Ernst Zündel zum Ausdruck brachte, bezeichnete er den Holocaust als „künstliches Produkt“ – was nach deutschem Recht bekanntlich eine schwere Straftat darstellt.

Dann war da noch die Talkshow-Rechercheurin, die schrieb, sie könne ihren Frieden mit den islamistischen Terroristen von Da’esh (Islamischer Staat) machen, wenn diese ihre Waffen gegen Israel richten würden.

„Ich verkünde, wenn der Islamische Staat in Palästina für die Befreiung kämpfen würde, würde ich mein Urteil über ihn, seine Männer und seine Finanziers revidieren“, schrieb sie in der arabischen Zeitung Rai Alyoum. „Und wenn er die Israelis aus dem Heiligen Land rausschmeißt, dann würde ich in seinen Reihen sein.“

Untersuchung eingeleitet

Angesichts der unumstößlichen Beweise für die in ihrer arabischen Abteilung vorherrschenden Ansichten über Juden und Israel gab die DW eilig eine externe Untersuchung der Anschuldigungen in Auftrag und versprach, „sofort Maßnahmen zu ergreifen“, falls sich diese als wahr herausstellen sollten.

Die beiden Untersuchungsbeauftragten – Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eine ehemalige Bundesjustizministerin, und Ahmad Mansour, ein israelisch-arabischer Psychologe mit Wohnsitz in Berlin, der an Programmen zur Bekämpfung des Extremismus in der muslimischen Gemeinschaft arbeitet – werden wahrscheinlich Empfehlungen abgeben, wie Redaktionsmitarbeiter besser überprüft und geschult werden können.

Und bereits jetzt haben sich Journalisten des arabischen Dienstes der DW anonym gegenüber der Süddeutschen Zeitung geäußert und die Befürchtung geäußert, dass Mansour wie ein „Inquisitor“ handeln und dabei „berechtigte Kritik an Israel“ zensieren wird.

Weit verbreitet

Und das ist in der Tat die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang: Was bedeutet eigentlich „vertretbare Kritik“ an Israel? Diese Frage ist besonders relevant, da die DW nur wenige Tage nach der Aufdeckung über ihren arabischen Dienst erneut von einem Antisemitismus-Skandal betroffen war.

Diesmal ging es um den jordanischen Sender Roya TV mit Sitz in Amman, der eine offizielle Partnerschaft mit der DW unterhält. Und wieder war es eine externe Medienorganisation, die die Beziehung aufdeckte, in diesem Fall die deutschsprachige Ausgabe von Vice.

Laut dem Vice-Artikel war der Social-Media-Feed von Roya TV voll von antisemitischer und antizionistischer Metaphorik. Der Sender selbst nennt etwa den Namen Israel nicht, sondern bezeichnet den Nachbarstaat Jordaniens bloß als „den Besatzer“.

Mit diesen Enthüllungen konfrontiert, antwortete die Deutsche Welle, ihre Verantwortlichen hätten keine Hinweise darauf gesehen, dass Roya TV antisemitisch oder israelfeindlich sei. Erst nach der Veröffentlichung des Vice-Beitrags setzte die DW die Verbindung zu Roya TV aus und drückte ihr Bedauern darüber aus, dass sie die Warnzeichen nicht früher beachtet habe.

Die beiden Skandale zeigen, dass die Berichterstattung, insbesondere bei fremdsprachigen Sendern, nur so zuverlässig und unparteiisch ist, wie das Team, das die Inhalte zusammenstellt, zu sein bereit ist.

Die DW hat sich bei der Einstellung ihres arabischen Teams nicht nur nicht an ihre eigenen Rekrutierungsrichtlinien gehalten, sondern auch nicht erkannt, dass viele Medien in der arabischen Welt größtenteils Propagandainstrumente sind, und dass journalistische Standards in der Region denen westlicher Länder deutlich hinterherhinken.

Auch hat die DW offenbar nicht erkannt, dass Antisemitismus in der arabischen Welt weit verbreitet ist; dass insbesondere die Leugnung des Holocausts weit verbreitet ist – etwas, das in erster Linie den Deutschen Sorge bereiten sollte – und dass Journalisten und Reporter vor diesem schädlichen Einfluss nicht gefeit sind.

Nicht die einzige

Die Deutsche Welle ist nicht die einzige internationale Rundfunkanstalt, deren Ruf durch ihren arabischen Dienst in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im September veröffentlichte der in London ansässige Jewish Chronicle einen Bericht über die Vorgänge bei BBC Arabic, wo während der Live-Übertragungen häufig antisemitische Beiträge aus arabischsprachigen sozialen Medien wiedergegeben wurden.

Einerseits ist dies nicht überraschend, da Antisemitismus ein offener und hartnäckiger Bestandteil des politischen Diskurses in der arabischen Welt ist.

Andererseits gelten Tweets wie „der zionistische Terrorismus, der die deutsche Regierung beherrscht“ – eines von vielen derartigen Postings, die von BBC-Arabic-Moderatoren in ihrer Berichterstattung über die Reaktionen im Nahen Ostens auf Berichte über Israel und die Palästinenser geteilt wurden – laut den redaktionellen Richtlinien der BBC nicht als legitime und sachdienliche Auffassung.

Was tun?

Nationale Rundfunkanstalten, die ihre eigenen arabischsprachigen Dienste aufbauen wollen, sollten diese Erfahrungen genau beobachten und ernstnehmen. So dürften Journalisten, die sich durch radikale rhetorische Angriffe auf Israel oder durch antisemitische Beleidigungen gegenüber Juden hervorgetan haben, nicht eingestellt werden.

Es müssen strenge Richtlinien für die Berichterstattung über beide Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts eingeführt werden. Und alle Mitarbeiter müssen darin geschult werden, sowohl Antisemitismus als auch Antizionismus, der sich gegen das Existenzrecht Israels richtet, zu erkennen, um diese Perspektiven aus ihrem Programm auszuschließen.

Die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) für Antisemitismus ist maßgeschneidert für Situationen wie diese, in denen Klarheit über die Frage erforderlich ist, was Bigotterie und was „berechtigte Kritik“ an Israel ist.

Da die deutsche Regierung, die die Deutsche Welle aus Steuergeldern finanziert, ein Befürworter der IHRA-Definition ist, kann sie den Sender vielleicht dazu ermutigen, die Erkenntnisse der International Holocaust Remembrance Alliance zu übernehmen.

Ben Cohen ist ein in New York City lebender Journalist und Autor, der eine wöchentliche Kolumne über jüdische und internationale Angelegenheiten für JNS schreibt. (Der ArtikelThe perils of broadcasting in Arabic“ ist zuerst beim Jewish News Syndicate erschienen. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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