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Algeriens Regime: Nutznießer der Russlandkrise – oder Verlierer?

Algerischer Vertreter beim Forum gasexportierender Länder
Algerischer Vertreter beim Forum gasexportierender Länder (© Imago Images / Chahine Sebiaa)

Durch den russischen Einmarsch in die Ukraine kann Algerien seine Erdgaslieferungen nach Europa erhöhen, wegen der verteuerten Getreidepreise aber auch zu den Verlierern der Krise zählen.

Am 22. Februar 2019 zogen Millionen Algerier durch Algeriens Hauptstadt Algier und andere Städte, um gegen eine fünfte Amtszeit von Präsident Abdelaziz Bouteflika zu protestieren. Die Demonstranten traten jeden Freitag auf und wurden als Hirak (»Bewegung«) bekannt.

Im April 2019 trat Bouteflikas zurück. Doch die Hoffnung auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erfüllte sich nicht. Weil Hirak weiter für Reformen demonstrierte, begannen die Behörden, die vermeintlichen Anführer der informellen Bewegung zu verhaften.

Nach der Wahl von Abdelmadjid Tebboune zum Präsidenten im Dezember 2019 wurde die Repression verschärft, obwohl die Massendemonstrationen im März 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie eingestellt wurden. Das Regime fürchtete unabhängige Medien und kritische Meinungsäußerungen im Internet und ging mit scharfer Zensur dagegen vor.

Rund um den zweiten Jahrestag von Hirak, im Februar 2021, wurden die Proteste wieder aufgenommen, verloren aber drei Monate später wegen der Repressionen und einer Schwächung der Bewegung an Schwung. Demonstranten wurden verhaftet, Berichte über Folter und Vergewaltigungen auf Polizeirevieren und in Kasernen versetzten die Bevölkerung in Angst.

Nach Angaben des Nationalen Komitees für die Befreiung von Häftlingen (CNLD), das im August 2019 von Aktivisten und Anwälten gegründet wurde, um Verhaftungen und Gerichtsverfahren zu überwachen, sind derzeit mindestens 280 Personen inhaftiert, weil sie friedlich ihre Meinung geäußert haben, die meisten von ihnen in Bezug auf den Hirak.

Erdgasexporteur …

Als wichtiger Erdgaslieferant Europas scheint das Regime in Algerien der große Gewinner des Ukraine-Kriegs zu sein. Das Land ist der drittgrößte Gaslieferant der EU nach Russland und Norwegen. Es ist über mehrere Pipelines mit Spanien und Italien verbunden und besitzt zudem vier Tankschiffe zum Transport von verflüssigtem Erdgas (LNG).

Da Norwegen seine Lieferungen nicht erhöhen kann, hat Algerien nun alle Trümpfe in der Hand. Toufik Hakkar, Chef des nationalen Energiekonzerns Sonatrach, sagte in einem Interview, sein Unternehmen verfüge über ungenutzte Kapazitäten auf der Transmed-Gaspipeline, die für eine Erhöhung der Gasexporte nach Europa genutzt werden könnten.

Einschränkend fügte er hinzu, dass die Höhe überschüssiger Mengen von der »wachsenden Inlandsmarktnachfrage und den vertraglichen Verpflichtungen gegenüber seinen ausländischen Partnern« abhänge. »Sonatrach ist und bleibt ein verlässlicher Partner und Gaslieferant für den europäischen Markt und steht seinen langjährigen Partnern in schwierigen Situationen jederzeit zur Seite«, betonte er.

Das Regime in Algerien wird die europäische Erdgaskrise nicht nur nutzen, um sich als verlässlicher Lieferant zu präsentieren. Es wird auch versuchen, ambitionierte Pläne für eine Pipeline nach Nigeria voranzutreiben.

Derzeit gibt es zwei konkurrierende Projekte, um Erdgas aus West- nach Nordafrika und von dort weiter in die EU zu bringen:

  • Marokko plant eine mehr als 5.000 Kilometer lange Pipeline (Marokko-Nigeria-Pipeline), die ein bereits existierendes Pipelinenetz in Nigeria, Ghana, Benin und Togo mit der Pipeline zwischen Marokko und Spanien über die Meerenge von Gibraltar verbinden soll.
  • Algerien plant eine rund 4.000 Kilometer lange Pipeline (Trans-Sahara-Pipeline) von Nigeria über Niger nach Algerien.

Die Kosten für die Marokko-Nigeria-Pipeline werden auf 25 Mrd. US-Dollar geschätzt, jene für die Trans-Sahara-Pipeline auf 13 Mrd. (Angesichts der derzeitigen Inflation muss man wohl auf beide Summen mindestens 50 Prozent aufschlagen.)

Es erübrigt sich fast zu betonen, dass die Bauzeit in beiden Fällen viele Jahre betragen wird und keine der beiden Europas Energiebedarf im nächsten Winter sichern kann. Doch die Krise könnte Einfluss darauf haben, welche der Pipelines überhaupt gebaut werden wird.

Im Rennen um finanzielle Unterstützung aus Europa hat Algerien die besseren Karten: Nicht nur ist das Projekt billiger; Algerien kann auch damit locken – bzw. drohen –, dass es, anders als Marokko, schon jetzt ein wichtiger Erdgaslieferant der Europäer ist. Für eine Aufstockung seiner Lieferungen kann Algerien Bedingungen stellen.

… und Weizenimporteur

Das Land ist allerdings nicht nur Nutznießer der Krise. Die Investitionen in die Erdgasförderung kosten viel Geld. Acht bis zehn Mrd. US-Dollar will Sonatrach in den nächsten fünf Jahren investieren. Das sind keine unerhörten Summen für einen Energiekonzern dieser Größe – aber viel Geld für ein Land wie Algerien, dessen Bruttoinlandsprodukt 2019 laut Statistik bei nur 170 Mrd. US-Dollar lag.

Zudem ist Algerien einer der größten Weizenimporteure der Welt. Wegen der im Zuge des Ukraine-Kriegs stark gestiegenen Weizenpreise drohen dem Land jährliche Mehrausgaben in Milliardenhöhe.

Schon 2020 hatte das Regime die Bevölkerung dazu aufgerufen, weniger Weißbrot zu essen. Als Reaktion auf die drohende Nahrungsmittelknappheit hat es nun eine Liste von Lebensmitteln erstellt, die nicht mehr aus Algerien ausgeführt werden dürfen. Dazu zählen Nudeln, Zucker, Pflanzenöl, Hartweizengrieß, tiefgekühltes Fleisch und Weizenersatzprodukte wie etwa Kichererbsenmehl.

Denn das Regime weiß nur zu genau: Steigende Nahrungsmittelpreise können in arabischen Ländern schnell zu Massenprotesten führen, die ein schwaches Regime rasch in Gefahr bringen.

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