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Warum die Algerier wegen Corona weniger Weißbrot essen sollen

Städtischer Angestellter desinfiziert wegen Corona Platz in Algier
Städtischer Angestellter desinfiziert wegen Corona Platz in Algier (© Imago Images / Xinhua)

In den Ländern Nordafrikas, die für die Ernährung der Bevölkerung auf Getreideimporte angewiesen sind, wächst angesichts des weltweiten Gesundheitsnotstands die Furcht vor Lieferengpässen bei Weizen.

Das Regime in Algerien – das bis zum Ausbruch der Covid-19-Epidemie mit wöchentlichen Massenprotesten konfrontiert war – ruft die Bürger darum dazu auf, weniger Weißbrot zu essen. Zu sorgen brauchten sie sich aber nicht: „Ich versichere den Verbrauchern, dass die Lagerbestände [an Getreide] voll sind und wir über strategische Reserven verfügen. Kein Grund zur Panik. Wir arbeiten an einer besseren Verteilung, um ein Monopol zu vermeiden“, sagte der Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Cherif Omari, in einem Interview des staatlichen Fernsehens.

Er lobte die Anstrengungen von „Landwirten, Viehzüchtern und Metzgern“ und sagte, die Behörden kontrollierten die Versorgung „auch in abgelegenen Dörfern“. Es seien „alle nötigen Maßnahmen“ ergriffen worden, um die Mühlen mit zusätzlichen Lieferungen lokalen Hartweizens aus der letzten Ernte zu versorgen und die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, insbesondere Gemüse, Obst und Milch, zu gewährleisten. Einige „Pseudohändler“ nutzten aber die Situation im Land, „um bestimmten Konsumgütern ein Monopol aufzuerlegen“, beklagte der Landwirtschaftsminister.

Omari kam darauf zu sprechen, dass Hartweizengrieß (Couscous und Bulgur) in letzter Zeit vielerorts in Algerien ausverkauft war. Er führte das auf ein „Versagen des Vertriebssystems dieses Produkts“ zurück. Andererseits glaube er, dass „die hohe Nachfrage nach Grieß von einer allmählichen Rückkehr zu unseren kulinarischen Traditionen herrührt“ – was aus seiner Sicht zu begrüßen sei.
Er versicherte, dass weiterer Grieß geliefert werde und Richtlinien erlassen worden seien, um mit dieser Spannung umzugehen, die immer mehr nachlasse. „Ich lade die Bürger ein, ruhig zu sein, nicht in Panik zu geraten, es gibt Grieß genug.“

Einfluss auf Essgewohnheiten nehmen

Schon vor der Corona-Krise versuchte Algeriens Regierung, Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu nehmen. „350 Millionen Dollar“ koste das Brot, das die Algerier jedes Jahr auf den Müll würfen, hieß es in einer vom Ministerrat im Januar 2020 veröffentlichten Erklärung. „Dieser kolossale Betrag könnte für die Realisierung von Projekten verwendet werden, die für die Bürger von Nutzen sind“, sagte der seit Dezember 2019 regierende Präsident Abdelmadjid Tebboune. Er gab Anweisung, den „Kampf gegen Abfall in all seinen Formen zu verstärken“.

Im November 2019 hatte der damalige Handelsminister Said Djellab erklärt, dass von den täglich 50 Millionen produzierten Baguettes zehn Millionen verschwendet würden. Während des Ramadan seien es täglich „13 Millionen Baguettes“, die auf dem Müll landeten, oder „390 Millionen pro Monat“. Das entspreche einer Million Tonnen importierten Weichweizens.

Algerien importiert mehr als sechs Millionen Tonnen Weichweizen im Wert von rund 1,6 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das Land produziert nur zehn Prozent seines Bedarfs an Weichweizen und ist einer der größten Importeure der Welt. Mehr als 60 Prozent des – vom Staat subventionierten – importierten Weichweizens sind für Bäckereien bestimmt.

Im November 2019 setzte die Regierung eine Kommission ein, um eine „nationale Kampagne“ gegen die Verschwendung von Brot zu starten, insbesondere in Restaurants, Schul- und Universitätskantinen und Krankenhäusern.

Erklärt politisches Ziel

Algerier wurden aufgerufen, nicht zu jeder Mahlzeit Brot zu essen. Gesundheitsminister Mohamed Miraoui erklärte, der Verzehr von Weißbrot rege den Appetit an und führe zu Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit und Bluthochdruck. Der Kampf gegen die „Brotverschwendung“ war schon damals mit dem erklärten politischen Ziel verknüpft, die Einfuhr von Weichweizen zu reduzieren, von 6,2 Millionen auf 4 Millionen Tonnen pro Jahr. Ein ambitioniertes Ziel, das sich nicht allein mit der Vermeidung von Verschwendung erreichen lässt.

Angesichts der derzeitigen Wirtschatskrise forderte Landwirtschaftsminister Omari die Algerier erneut auf, weniger Weichweizen (also Weißbrot) zu essen und mehr Hartweizen. Die jetzige Situation sei eine Gelegenheit, „die Dinge neu auszurichten und mehr Gewinn aus den Ressourcen des Landes zu ziehen, um seine Widerstandsfähigkeit gegen Naturgefahren und Wirtschafts- und sogar Gesundheitskrisen zu stärken“.

Was den Hartweizen betreffe, so habe Algerien zum ersten Mal in der Geschichte eine Selbstversorgung mit diesem „strategischen Getreide“ erreicht. Die Algerier sollten sich noch mehr „mit den gesunden Essgewohnheiten ihrer Vorfahren vertraut machen und gegen Verschwendung ankämpfen“, so der Minister.

Es werde immer noch zu viel Weichweizen konsumiert, während die Algerier in der Vergangenheit doch vor allem Hartweizen und Gerste gegessen hätten, deren Nährwerte von „Ernährungswissenschaftlern anerkannt“ seien. „Wir müssen die Menschen ermutigen, Vollkornbrot aus Gerste und Hartweizen zu essen und gegen die Abfälle zu kämpfen, die Algerien jährlich 350 Millionen Dollar kosten“, sagte er.

Steigende Preise eine Bedrohung

Für die Regimes Nordafrikas stellen steigende Lebensmittelpreise stets auch eine Bedrohung ihrer Herrschaft dar. Die politische Stabilität hängt maßgeblich davon ab, dass Lebensmittel – und insbesondere Brot – erschwinglich bleiben.

Algeriens Weizenkäufe sind Teil einer heiklen gesamtwirtschaftlichen Rechnung: Die Einnahmen, mit denen der OPEC-Staat seine Importe bezahlt, stammen zum großen Teil aus dem Öl- und Gasgeschäft. Der Ölpreis aber ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Zwar hat Algerien nach Regierungsangaben Devisenreserven in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar. Die aber verringerten sich laut der gleichen Statistik im letzten Jahr um rund eine Milliarde pro Monat – und da war der Ölpreis noch wesentlich höher als heute.

Im März wies Präsident Abdelmadjid Tebboune die Regierung an, den Staatshaushalt um 30 Prozent zu kürzen – ein gravierender Einschnitt, wie er wohl in keiner westlichen Demokratie vorstellbar wäre.

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