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Türkei: Frohe Botschaften fürs Volk – Kriegstrommel gegen die Griechen

Am 21. August verkündet Präsident Erdogan die größten Erdgasfunde in der türkischen Geschichte
Am 21. August verkündet Präsident Erdogan die größten Erdgasfunde in der türkischen Geschichte (© Imago Images / Xinhua)

Verzweifelt und schon fast manisch ist die türkische Führung auf der Suche nach Themen, die sie aus ihrer politischen Sackgasse führen könnten.

Miese Zahlungsbilanz, explodierende Auslandsverschuldung, steigende Arbeitslosigkeit, eine Inflation, die nicht sinken will und nicht in den Griff zu bekommen ist – alles Kardinalsymptome einer handfesten Wirtschaftskrise, für die bislang nur die wenigsten Türken die türkische Regierung verantwortlich machen wollen.

Im Geldbeutel sind die Folgen der Krise dabei schon längst deutlich spürbar. Es scheint jedoch eine Art Leichenstarre und weit eher eine Einstimmung in das unentrinnbare Schicksal zu geben. Und aus dieser Melange soll ausgerechnet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan – Sohn eines Seemanns – herausführen!

Und noch mehr: Im Vertrauen, der türkische Führer möge das Land und das Volk aus der Krise manövrieren, schaukelt das türkische Schiff auf hartem Wellengang beständig immer stärker hin und her und nimmt auch keine Rast in Anspruch, sondern geht stattdessen auf voller Fahrt auf Konfrontationskurs. Kaum überraschend, dass der türkische Präsident vergangenen Mittwoch ankündigte, eine frohe Botschaft an das Volk verkünden zu wollen. Damit war wieder einmal alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, in der Hoffnung, die Offenbarung möge endlich den Durchbruch bringen.

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Erdgas als Heilserwartung

Botschaften dieser Art – schon allein, wenn sie mit Vorankündigung erfolgen – sind vom türkischen Führer eher selten; sein Kampfstil ist eher impulsiv und wenig durchdacht. Und doch lag in dieser Inszenierung eine Spannungssteigerung, wie sie bislang nicht dargeboten wurde. So brodelte die Gerüchteküche, gerade unter denjenigen, die nicht warten wollten oder konnten. Auch an der Börse war die Anspannung deutlich spürbar, der Dollarkurs fiel innerhalb weniger Minuten von 7,37 auf 7,29 Lira.

Doch wer etwas angekündigt bekommt, ohne wirklich überzeugt zu sein, dass das vollmundige Versprechen eingehalten werden kann, dem schwant bereits Böses. Die Börse reagierte entsprechend verschnupft, wenig überzeugt von den Sensationsnachrichten, die Erdogan der Öffentlichkeit mitteilen wollte, dass im Schwarzen Meer in nicht geringer Menge Erdgas gefunden wurde.

Also kam es anders als vom türkischen Präsidenten erhofft: Am vergangenen Freitag bereits, kurz nach der Verkündigung des Gasfundes im Schwarzen Meer, verpufften an der türkischen Börse die Gewinne der Aktionäre. Auch der Dollar kehrte zu seinem alten Kurs zurück, inzwischen liegt er mit 7,41 Lira am Mittwochmorgen sogar leicht über dem Hoch der Vorwoche.

Dabei wären die Türken auf Erdgas dringend angewiesen. Die absolute Importabhängigkeit versetzt die türkische Wirtschaft in einen Dämmerzustand, und weil weder der Wechselkurs noch die Inflationsrate und schon gar nicht die Auslandsverschuldung in Höhe von 450 Milliarden Dollar sinken wollen, steigen die Importkosten. Heimisches Gas könnte Abhilfe schaffen.

Wer aber Gasressourcen findet, der muss sie auch befördern können. Er muss Milliarden investieren, um es an den Kunden zu bringen. Entsprechend rechnen Analysten nicht mit einer Förderung vor 2023, wie der türkische Präsident sie ankündigt hat. Realistisch seien vielmehr sieben bis zehn Jahre – und dann sei noch nicht einmal geklärt, ob das Gas auch qualitativ gut genug sei, um es nutzen zu können; oder ob es dann überhaupt zu einem deutlich günstigeren Preis auf den Markt zu bekommen sein wird als Importgas aus Aserbaidschan, Russland oder Iran.

Kriegstrommel gegen Griechen

Diese Erkenntnis scheint im Präsidentenpalast angekommen zu sein, und obwohl vergangene Woche eine gewisse Abkühlung im Kampf um die Ressourcen im Mittelmeer erfolgte, explodierte das türkische Draufgängertum Anfang dieser Woche bereits umso heftiger.

Ob der deutsche Außenminister Heiko Maas, der zu Vermittlungsgesprächen nach Griechenland und in die Türkei aufbrach, die Wogen glätten konnte, ist fraglich. Begrüßt wurde er von seinem türkischen Amtskollegen Mevlut Cavusoglu mit den Worten: „Wenn Ihr einen falschen Schritt macht, dann werden wir diesmal ohne Bedenken tun, was nötig ist“. Die Mühe des deutschen Außenministers gleicht also eher einer Mission Impossible angesichts der türkischen Aggressionsgelüste.

Das muss der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidenten Fahrettin Altun geahnt haben, als er am 24. August, pünktlich zum Beginn der sogenannten „Siegeswoche“ auf Twitter das neueste Propagandavideo des Regimes hochgeladen hat.

„Für uns ist Kızıl Elma die große und mächtige Türkei. Es ist der heilige Marsch unseres Volkes – von Malazgirt bis zum 15. Juli. Kızıl Elma – das ist der Schatten einer Platane, unter dem der Unterdrückte sich erschöpft abkühlt. Von Gibraltar bis in den Hejaz [Region in Saudi-Arabien, in der Mekka und Medina liegen; Anm. Mena-Watch], vom Balkan bis nach Asien sehnt sich die ganze Menschheit nach Kızıl Elma“.

So leitete Altun das vierminütige Video ein, das expansionistische Aggression befürwortet und offen zur Gewalt anstiftet. Er führte abermals vor, wie in diesen Tagen die türkische Kriegstrommel zur Einstimmung des Volkes in einen potenziellen Krieg gegen Griechenland gerührt wird. Eingespannt in eine Historie von der Schlacht in Malazgirt 1071, die die türkische Landnahme in Anatolien einleitete, bis zum 15. Juli 2016, dem Tag des Putschversuchs, führt das Video vor Augen, in welcher Kontinuität die türkischen Kriegsgelüste von heute stehen.

Begleitet von Fanfaren, einer Kriegstrommel und einem Männerchor treten seldschukisch-türkische Reiterstaffeln, Kampfhubschrauber, Kriegsschiffe, Jagdgeschwader, die Forschungsschiffe Fatih und Oruc Reis, reitende junge Frauen, fahnenküssende Mädchen und salutierende junge Männer auf, und stimmen in Schlachtgesänge ein, die pathetisch und hohl klingen: Von „Auf Türkei, lasst uns wieder Geschichte schreiben“, über „Das Ziel lautet Kızıl Elma und es wird erreicht“ bis hin zu „In Malazgirt unter Alp Arslan fing alles an, unter Gazi Osman nahmen die Eroberungen ihren Lauf, und in Çanakkale, da kämpften gar Kinder für das Vaterland“.

Kein Wunder, dass im Video sodann der koranfeste Erdoğan eingespielt wird, nachdem die Helden des Videoclips in die nun zur Moschee umgewandelte Hagia Sophia einlaufen. Dass er aus der berüchtigten Sure 48 – „Der Erfolg“ – rezitiert, derweil eine sufistische Hymne klingt, überrascht nicht, heißt es in Vers eins und drei doch: „Wir haben dir einen offenkundigen Erfolg beschieden“. Und: „Und Gott wollte dir zu einem gewaltigen Sieg verhelfen“.

Kızıl Elma – ein imperialer Traum

Solche kriegstreiberische Rhetorik kokettiert nicht zufällig mit dem türkisch-faschistischen Mythos Kızıl Elma, auch „goldener Apfel“ genannt. Er symbolisiert Eroberungslust, imperiale Träume von Überlegenheit und Macht und ein türkisches Weltherrschaftsideal.

Nachdem die Türken den Islam übernommen haben, verknüpften sie dieses einst noch turanistische Ideal mit dem Ziel, die Herrschaft Allahs auf der gesamten Welt herzustellen. Stand der goldene Apfel noch zunächst dafür, ein Zelt des Feindes oder einen fremden Stamm zu erobern, so steht es nunmehr grundsätzlich für Ziele, welche die Türken erreichen wollen.

Kızıl Elma stand unter den Seldschuken und frühen Osmanen für konkrete Dinge wie Länder und Throne. Nach der Eroberung von Istanbul im Jahre 1453 wurde es für noch nicht eroberte Städte wie Wien und Rom verwendet. Heute steht es – wie im Video immer wieder hervorgehoben wird – für neue Ziele. Nach der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist das nächste Ziel – so wie das Video auch endet – die Befreiung Jerusalems und die Eroberung der al-Aqsa-Moschee.

Diese Ästhetisierung von Kriegspropaganda steht heute für das Ideal eines islamisierten Türkentums, wie sich Erdoğan und die Seinen auch selbst als dessen Erben und Vollzieher sehen. Der 26. August, und deswegen feiern die Türken diese Woche auch die „Siegeswoche“, ist ein Tag, den man besonders beachten sollte: Es ist der Jahrestag des Beginns einer Militäroffensive von 1922, die bereits nach vier Tagen zum Sieg der türkischen Armee gegen die griechischen Truppen in Anatolien führte, die Vertreibung der Griechen und die Rückeroberung der Stadt Izmir (Smyrna) einleitete.

Obwohl Erdoğan diese Woche Griechenland offen mit einem Krieg gedroht hat, scheint Ankaras bombastische Rhetorik jedoch bislang nicht zu fruchten, die gewünschte Reaktion Griechenlands und Zyperns blieb aus. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt und die türkischen Fanfaren wirkungslos bleiben.

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