Idlib-Offensive: Erdogan sieht Schwächung seiner Syrienpolitik entgegen

„Für die Türkei geht es in Idlib um mehr als den möglichen Zustrom tausender weiterer syrischer Flüchtlinge. Die Rückeroberung der letzten noch von den Aufständischen kontrollierten Provinz durch das Assad-Regime würde die Rolle der Türkei im Syrienkonflikt infrage stellen und ihre Präsenz in dem Land gefährden. Die Türkei kontrolliert weite Teil des Gebiets nördlich von Idlib. Ankara hat sich das Gebiet im Laufe der letzten Jahre unterwerfen können, indem es bei Verhandlungen mit Russland und dem Iran, den beiden entscheidenden Verbündeten Assads, seine guten Beziehungen zu den Aufständischen in die Waagschale warf. (…) Würden die Aufständischen in Idlib besiegt, verlöre die Türkei nicht nur einen Großteil ihres Einflusses. Zudem könnte das Assad-Regime sich bei seinem Bestreben, ‚jeden Zoll‘ Syriens zurückzuerobern, als nächstes den von der Türkei kontrollierten Gebieten zuwenden.

Die Präsidenten der Türkei, des Irans und Russlands hielten am Freitag eine gemeinsame Pressekonferenz in Teheran ab. Dabei wurde klar, dass sie sich mit Blick auf Idlib uneins sind. Einig waren die drei Männer sich nur in einer Hinsicht: In ihrer Kritik an der Präsenz US-amerikanischer Streitkräfte in Syrien und deren Unterstützung der Demokratischen Kräfte Syriens, einem Bündnis kurdischer und arabischer Milizen, das ungefähr ein Drittel des Landes kontrolliert. Eine Offensive des syrischen Regimes in Idlib würde die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland auf die Probe stellen. (…)

Einen Tag nach dem Gipfel in Teheran erklärte Präsident Erdogan, die Türkei werde nicht einfach zusehen, sollte Idlib angegriffen werden. Doch hat er nur wenige Optionen. Es wird davon ausgegangen, dass die Türkei sich zwar der Menschen, die zu Hunderttausenden vor einer Offensive in dem von der Türkei kontrollierten Teil Syriens fliehen würden, annehmen, ihnen den Grenzübertritt aber verwehren würde. Die Türkei hat bereits 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Eine türkische Quelle in Idlib erklärte, die dortigen Zivilisten, bei denen es sich überwiegend um sunnitische Araber handelt, und die Aufständischen könnten nach Afrin umgesiedelt werden. Dies käme dem Bestreben der Türkei entgegen, die Bevölkerungszusammensetzung in der mehrheitlich kurdischen Region zu verändern.

Die Türkei sorgt sich auch um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die sie Anfang des Jahres aus Afrin vertrieb. Die Türkei sieht in ihnen einen Arm der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), die in der Türkei für kurdische Autonomierechte kämpft. Führender Vertreter der Kurden in Syrien erklärten, ein politischer Wandel in Syrien könnte die Gelegenheit mit sich bringen, Afrin wieder einzunehmen. Manchen Berichten zufolge könnten die YPG sich an der Regierungsoffensive in Idlib beteiligen. Wahrscheinlicher dürfte allerdings sein, dass die YPG Afrin gleichzeitig mit dem Beginn der Regierungsoffensive in Idlib angreift. Der Status quo der letzten zwei Jahre in Idlib war für die Türkei extrem nützlich. Doch könnte ihr ein schwerer Rückschlag bevorstehen, ganz gleich, wie die Offensive in Idlib sich entwickelt.“ (Guney Yildiz: „Syria’s Idlib: High stakes for Turkey as offensive looms”)

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