Wochenbericht, 15. 9. bis 21. 9. 2014

In dieser Ausgabe:

I. Allgemeiner Überblick
II. Bilder von IS-Verbrechen: Zeigen oder nicht zeigen?

I. Allgemeiner Überblick

In der vergangenen Woche erschienen in den von MENA systematisch ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen 326 Beiträge (zuletzt: 330) mit Bezügen zum Nahen Osten und zu Nordafrika:

Folgende Länder wurden in der Berichterstattung am häufigsten erwähnt:

In den insgesamt 140 relevanten Beiträgen in den wichtigsten Fernseh- und Radionachrichtensendungen des ORF standen folgende Länder am häufigsten im Zentrum des medialen Interesses:

II. Bilder von IS-Verbrechen: Zeigen oder nicht zeigen?

In den vergangenen Monaten entzündete sich bei mehreren Anlässen eine Debatte darüber, wie Medien mit Bildern von Kriegs- und anderen Gewaltopfern umgehen sollen. Bilder von Zerstörungen und Opfern im Gazastreifen erwiesen sich als die vielleicht stärkste Waffe der islamistischen Terrorgruppe in einem Krieg, in dem sie auf militärischem Gebiet alleine gegen Israel niemals eine Chance hatte. Hatten die Medien früher eine Art Quasi-Monopol auf Bilder aus Kriegsgebieten, so verbreiten sich diese in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter heutzutage in Windeseile und erreichen ein Publikum von einer Größenordnung, von der traditionelle Medien nur träumen können. Eine Prüfung der oftmals grauenhaften Aufnahmen ist deren Konsumenten in aller Regel nicht möglich. So wurden beispielsweise während des Gaza-Kriegs unter dem Hashtag „#GazaUnderAttack“ Bilder angeblicher israelischer Gräueltaten millionenfach verbreitet, bevor sich herausstellte, dass auf den Aufnahmen in Wahrheit Bluttaten aus Syrien oder dem Irak zu sehen waren.

Die Bilderflut im virtuellen Raum hat Auswirkungen auf die Berichterstattung traditioneller Medien. Im profil war Mitte August von einer „unausgesprochene(n) Übereinkunft“ zu lesen, die darüber bestanden habe, wie Medienkonsumenten mit dem Thema Krieg konfrontiert werden sollten: „nicht allzu schockierend, weitgehend ohne den Anblick unverhüllter Leichen, und mit möglichst indirekter Darstellung von Gewalt und Grauen.“ Krieg sollte „gespiegelt in verstörten Gesichtern und zerbombten Gebäuden“ und nicht durch Bilder von Blut und zerfetzten Leichen gezeigt werden. Doch im Laufe des Sommers 2014 habe sich das geändert: „Die Diskrepanz zwischen den Bildern, die von den Schauplätzen gesandt werden, und dem Bild vom Krieg, wie es die Medien vermitteln, wächst.“ profil entschied sich, eine Fotostrecke mit acht grauenvollen Bilder aus Syrien, der Ukraine, dem Irak und dem Gazastreifen zu veröffentlichen, zu deren Ansicht die betreffenden Seiten allerdings erst eigens aufgeschnitten werden mussten. Mit der Veröffentlichung der Bilder sollte ein „präzisere(s), wahrhaftigere(s) Bild“ des Krieges gezeigt werden (profil 34/2014), doch kann auch über einen anderen Grund gemutmaßt werden: Die Diskrepanz zwischen den Bildern von den Schauplätzen der Gewalt und der Darstellung von Kriegen in den Medien wurde wohl auch deshalb so groß, dass das profil seine „unausgesprochene Übereinkunft“ brach, weil derartige Bilder im Internet andauernd verbreitet werden und man ihnen sogar dann kaum gänzlich ausweichen kann, wenn man das eigentlich gerne würde. profil inszenierte die Abbildung von Gewalt als den reflektierten Bruch eines Tabus, das schon längst keines mehr ist.

Während noch über Für und Wider der Veröffentlichung von Gräuelbilder aus Kriegen debattiert wurde (so von mehreren Prominenten aus dem Medienbetrieb in der Kleinen Zeitung, 24. Aug. 2014), erhielt die Diskussion durch eine Serie von Videos neue Nahrung, die von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) veröffentlicht wurden. Auf bisher drei verbreiteten Aufnahmen sind die Enthauptungen der Journalisten James Foley und Steven Sotloff sowie des Hilfsorganisationsmitarbeiters David Haines zu sehen; im letzten Video wurde zudem die Ermordung einer weiteren Geisel angekündigt, des Briten Alan Henning, der zum Zeitpunkt seiner Verschleppung ebenfalls für eine Hilfsorganisation in Syrien tätig war. Die Argumente, die für eine Veröffentlichung grauenhafter Kriegsbilder sprechen mögen, können auf Propagandavideos des IS kaum Anwendung finden, in denen unter Todesangst stehende Gefangene zuerst vorgefertigte Anklagen gegen den Westen vortragen müssen, bevor ihnen mit einem Messer der Kopf abgetrennt wird. Die Aufnahmen zeigen nicht das „präzisere“ und „wahrhaftigere Bild“ eines Krieges, sondern sind zu Propagandazwecken produzierte Videos einer barbarischen Terrorgruppe. Wie gingen österreichische Zeitungen mit diesen Bilden um?

Das Video von der Ermordung des amerikanischen Journalisten James Foley wurde am 19. August ins Netz gestellt, die ausführlichere Berichterstattung darüber setzte in österreichischen Zeitungen zwei Tage später ein. Die Mehrzahl der von MENA systematisch ausgewerteten Printmedien entschied sich von Anfang an gegen eine Veröffentlichung von Screenshots aus dem Hinrichtungsvideo. Der Kurier berichtete über die im Internet unter dem Hashtag „#ISISmediaBlackout“ erhobene Forderung, die Verbreitung der „bestialischen Bilder“ der Terroristen zu unterlassen, und erklärte: „Auch der KURIER hat sich dafür entschieden.“ Mit der Veröffentlichung der Bilder bediene man die „Propaganda-Maschinerie der Terrorgruppe“, die sich „ihren Weg nicht nur im Kampf, sondern auch mit viralen Strategien“ im Internet ebne. (Kurier, 21. Aug. 2014) Der Kurier veröffentlichte Fotos von Foley, aber keine dem Propagandavideo des IS entnommenen Bilder.

Die Presse sprach sich ebenfalls sehr entschieden gegen den Abdruck von Fotos aus dem Hinrichtungsvideo aus. „Nicht teilen, nicht retweeten, nicht drucken!“, lautete die Überschrift des diesbezüglichen Leitartikels von Bettina Steiner. „Für Bilder von Verbrechen wie dem an James Foley kann nur gelten: Wer sie verbreitet, macht sich zum Instrument von Propaganda.“ Steiner habe über den Inhalt des Videos gelesen, es aber nicht gesehen. „Es gibt keinen Grund, sich solch ein Erpresservideo anzuschauen. Es gibt erst recht keinen Grund, sich via Retweet-Button oder Teilt-Pfeil in den Dienst der IS-Propaganda zu stellen.“ Und es gebe die Bitte der Schwester des Ermordeten, der unbedingt zu entsprechen sei: „Ehrt James Foley und respektiert die Privatsphäre seiner Familie. Seht euch das Video nicht an! Teilt es nicht!“ Steiner zufolge solle man aber nicht bloß die Verbreitung von Aufnahmen unterlassen, die mit dem Zweck gedreht worden seien, Horror und Angst hervorzurufen, sondern auch bei „normalen“ Kriegsbildern mehr Vorsicht walten lassen. Manche Bilder aus dem Vietnamkrieg hätten die Welt bewegt und damit zu einem rascheren Ende des Krieges beigetragen, doch bestünden Gefahren: „Wir regen uns auf – statt uns zu informieren. Wir werden nicht hellhörig – sondern stumpfen ob der Masse der Bilder ab.“ Und es werde nicht bedacht, dass „diese Menschen vielleicht gar nicht damit einverstanden gewesen wären, nach ihrem Tod versehrt und halb entkleidet der Weltöffentlichkeit präsentiert zu werden – und ihre Familien auch nicht.“ Auch Steiner habe einzelne Screenshots aus dem Video gesehen, die von Nachrichtenagenturen verschickt worden waren, und zeigte sich „beklemmt“ über die Qualität der Aufnahmen, die aussähen, wie eine „Hochglanzwerbung“. So „inszeniert man Bilder für Zeitungen und Magazine des Westens. So inszeniert IS – für uns. Schauen wir diesmal nicht hin.“ Die Presse, so erklärte sie, habe sich entschlossen, die Bilder nicht zu drucken. (Presse, 21. Aug. 2014)

In der Kleinen Zeitung nahm Thomas Götz zwar nicht direkt auf das Hinrichtungsvideo Bezug, äußerte aber Zweifel an der These, dass Bilder von Gewalt Positives auslösen könnten. Er berief sich dabei auf einen Kriegsfotografen, der die Veröffentlichung von grauenhaften Bildern für „billiges Kalkül“ halte, das keinen pädagogischen Nutzen habe. Die Schrecken eines Krieges ließen sich auch ohne die Abbildung von Leichenteilen vermitteln, „unter Wahrung der Würde der Opfer“. (Kleine Zeitung, 24. Aug. 2014) Die Wahrung der Würde des Opfers dürfte auch der Grund sein, warum auch die Kleine Zeitung keine Bilder Foleys aus dem Hinrichtungsvideo brachte.

Entschieden sich also Presse, Kurier, Kleine Zeitung, und – ohne weitere Erläuterung dazu – der Standard gegen einen Abdruck von Screenshots Foleys, gingen andere österreichische Medien einen anderen Weg. Die Wochenzeitung profil veröffentlichte nur eine Woche nach ihrer Fotostrecke mit grauenhaften Kriegsbildern ein fast zwei Seiten breites Standbild aus dem Video, auf dem Foley im orangenen Sträflingsanzug neben seinem späteren Mörder kniend zu sehen war, einem schwarz gekleideten und vermummten Mann, der das Werkzeug für seine barbarische Bluttat schon in der Hand hielt. (profil 35/2014) Auch die Salzburger Nachrichten veröffentlichten ein Standbild (Salzburger Nachrichten, 21. Aug. 2014), die Kronen Zeitung sogar an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei verschiedene Aufnahmen aus dem Hinrichtungsvideo. (Kronen Zeitung, 21. Aug 2014 sowie 22. Aug. 2014)

Interessant war die weitere Entwicklung. Nachdem der IS am 2. September das Video von der Enthauptung des amerikanisch-israelischen Journalisten Steven Sotloff via Internet verbreitet hatte, fand sich in den Salzburger Nachrichten kein Foto mehr aus dem Hinrichtungsvideo; nur die Kronen Zeitung veröffentlichte erneut zwei Aufnahmen. (Kronen Zeitung, 3. Sept. 2014 sowie 4. Sept. 2014) Nach der Ermordung des für eine Hilfsorganisation in Syrien tätigen David Haines war es wieder der Krone vorbehalten, ein Standbild aus dem Hinrichtungsvideo zu veröffentlichen, auf dem das Opfer neben seinem Mörder zu sehen war, der drohend mit dem Messer hantierte. (Kronen Zeitung, 15. Sept. 2014)

Die Salzburger Nachrichten veröffentlichten dagegen zur Illustration eines Artikels ein Privatfoto von Haines, auf dem dieser mit seiner heute vierjährigen Tochter zu sehen war. In einem kurzen Kommentar daneben mit dem Titel „Die letzte Würde wahren“ schrieb Gudrun Doringer, die Bilder aus dem Enthauptungsvideo von Haines „schüren Angst. Sie erreichen das, was der Absender damit bezweckt.“ Der IS benutze die Bilder der Hinrichtungen als Propaganda. „Wer sie verbreitet, wird zum nützlichen Instrument. Deshalb findet kein Bild von David Haines‘ letzten Minuten Platz auf dieser Seite. Er wurde entwürdigt und entmenschlicht. Daran wollen sich die SN nicht beteiligen.“ (Salzburger Nachrichten, 15. Sept. 2014) Doringers Kommentar konnte als Ausdruck eines Reflexionsprozesses interpretiert werden, der in der SN-Redaktion in dem Monat seit der Veröffentlichung eines Standbildes aus dem Hinrichtungsvideo James Foleys stattgefunden hat.

Von allen Überlegungen über die Wahrung der Würde der vom IS Verschleppten und Hingerichteten unbeeindruckt ist weiterhin die Krone: Sie brachte in ihrer heutigen Ausgabe nicht nur ein offenbar auch aus einem IS-Video stammendes Bild des Engländers Alan Henning, dessen Ermordung bevorzustehen droht, sondern wählte eine Aufnahme aus, auf der Henning nur vom Hals aufwärts zu sehen ist, sodass sein angsterfüllter Gesichtsausdruck besonders gut zur Geltung kommt. (Kronen Zeitung, 22. Sept. 2014)


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