Wochenbericht, 14.7. bis 20.7.2014

In dieser Ausgabe:

I. Allgemeiner Überblick
II. Lügen, Verzerrungen, infame Vorwürfe: Das Übliche vom „Nahost-Experten“ Michael Lüders
III. Anders als bisher üblich: Antisemitismus und Terrorunterstützung ist nicht allein ein Problem Israels

I. Allgemeiner Überblick

In der vergangenen Woche erschienen in den von MENA systematisch ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen 332 Beiträge mit Bezügen zu den Regionen Naher Osten und Nordafrika:

Wie schon in der letzten Woche lag das Hauptaugenmerk der Berichterstattung auf dem Krieg zwischen der islamistischen Terrorgruppe Hamas und Israel. Das schlägt sich auch in der Grafik über die Länder nieder, die in den Medien am häufigsten erwähnt wurden:

Noch deutlicher zu sehen ist diese Schwerpunktsetzung anhand der insgesamt 159 relevanten Beiträge in den wichtigsten Radio- und Fernsehnachrichtensendungen des ORF:

II. Lügen, Verzerrungen, infame Vorwürfe: Das Übliche vom „Nahost-Experten“ Michael Lüders im ORF

Längere Zeit war er in ORF-Nachrichtensendungen nicht mehr zu sehen, jetzt feierte er in der ZiB 2 sein höchst entbehrliches Comeback: Nachdem der „Nahost-Experte“ Michael Lüders anlässlich des letzten Gaza-Krieges im November 2012 ein selbst für seine Maßstäbe  jenseitiges Interview gegeben hatte, schien selbst dem ORF – spät aber doch – aufgefallen zu sein, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt, und er ersparte seinem Publikum für geraume Zeit die unhaltbaren „Analysen“ dieses Günter Grass‘ der Politikwissenschaft. Das war eine weise Entscheidung, denn wie MENA damals feststellte, „gibt (es) in der großen Schar möglicher sachkundiger Interviewpartner kaum jemanden, der weniger zum unabhängigen Fachmann qualifiziert wäre, als Michael Lüders. Denn wenn er in seiner bisherigen ‚Karriere‘ etwas unter Beweis gestellt hat, dann sind dies seine ans Pathologische grenzende Abneigung gegen Israel, seine Besessenheit von der Vorstellung einer Unheil anrichtenden ‚Israel-Lobby‘ und sein nicht minder ausgeprägtes Bedürfnis, die fortdauernde Bedrohung des jüdischen Staates kleinzureden sowie dessen deklarierte Todfeinde in Schutz zu nehmen.“

Angesichts des aktuellen Gaza-Kriegs bot die ZiB2 Lüders jetzt (18. Juli 2014) allerdings wieder eine Bühne, um die Mischung aus groben Verzerrungen, blanken Lügen, unhaltbaren Behauptungen und infamen Vorwürfe vom Stapel zu lassen, für die er weniger berühmt als vielmehr berüchtigt ist. Die ZiB2-Moderatorin begann das Gespräch gleich mit einer Steilvorlage, indem sie die israelische Bodenoffensive als „relativ überraschend gestartet“ bezeichnete, „nicht wie sonst mit einem unmittelbaren Anlass. Warum ist es zu dieser neuen Eskalation gekommen?“ Dass über 100 pro Tag auf Israel abgefeuerte Raketen sowie die fortwährende Weigerung der Hamas, auch nur stundenweise ihre Terrorattacken auf den jüdischen Staat zu unterbrechen, keinen „unmittelbaren Anlass“ für eine israelische Bodenoffensive abgeben konnten, darüber waren Lou Lorenz-Dittlbacher und ihr aus Berlin zugeschalteter Interviewgast einer Meinung. Nur der „offiziellen Lesart“ zufolge, von der sich ein Lüders selbstverständlich nicht hinters Licht führen lässt, gehe es darum, die Raketenangriffe der Hamas zu stoppen. In Wahrheit stecke dahinter jedoch das Scheitern der Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern, für die die Regierung in Washington „sehr unmissverständlich die Regierung Netanjahu“ verantwortlich gemacht habe, so Lüders. Die Einheitsregierung von Hamas und Fatah sei „aus Sicht der israelischen Regierung inakzeptabel“ gewesen, weswegen Israel die Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher eiskalt für einen „Generalangriff im Westjordanland … mit sechs Toten auf palästinensischer Seite“ benutzt habe.

Die islamistische Ideologie der Hamas, ihre terroristische Gewalt, ihr eliminatorischer Antisemitismus sowie ihre manifeste Vernichtungsabsicht gegenüber dem jüdischen Staat waren Lüders keine Erwähnung wert; warum Israel eine palästinensische Regierung unter Einbindung der Hamas für „inakzeptabel“ hält, ließ der „Experte“ deshalb völlig unerläutert. Stattdessen deutete er die verzweifelte Suche nach drei entführten israelischen Jugendlichen, deren Tod zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher war, in einen „Generalangriff“ nach deren erwiesener Ermordung um, ohne darauf hinzuweisen, dass die sechs von ihm angeführten Palästinenser nicht von einer rücksichtslos einmarschierenden Armee auf einem Rachefeldzug getötet worden waren, sondern weil sie die IDF attackiert hatten.

„Am 28. Juni hat dann die israelische Luftwaffe einen führenden Kommandanten der Hamas im Gazastreifen getötet. Von dem Moment an hat die Hamas begonnen, Israel zu beschießen – und seither eskaliert die Lage.“ Lüders ließ einfach beiseite, dass die Suche nach den entführten Israelis schon vor dem 28. Juni vom Gazastreifen aus mit einem Hagel an Raketen und anderen Geschossen begleitet worden und der Angriff auf einen führenden Hamas-Mann die Reaktion darauf war. Das geschichtsklitternde Muster ist immer das gleiche: Lüders verschweigt palästinensische Attacken, stellt Israel als den wahren Aggressor und die palästinensische Gewalt als bloße Antwort dar.

„Das Ziel der israelischen Regierung ist ganz klar nicht allein die Zerstörung der, wie sie es nennt, terroristischen Infrastruktur, sondern vor allem auch die Schwächung der Hamas, die sie als politische Bewegung nicht akzeptiert.“ Die Hamas als Terroristen zu bezeichnen, das kommt Lüders einfach nicht über die Lippen. Stattdessen verniedlicht er eine der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt zu einer „politischen Bewegung“, die von Israel „nicht akzeptiert“ werde. Über zehntausend Raketen, die von Gaza aus in den letzten Jahren auf Israel abgefeuert wurden, sind für den „Experten“ Lüders völlig nebensächlich, denn in Wahrheit ginge es in dem Konflikt um die „Ultranationalisten in der Regierung in Jerusalem“, die keinen palästinensischen Staat zulassen wollten und deshalb das „Feindbild Hamas“ brauchten.

Schon in der Vergangenheit, so behauptete Lüders, habe es „immer wieder massive Angriffe auf den Gazastreifen“ gegeben. Eines muss man ihm lassen: Lüders ist wenigstens konsequent. Israelische Aktionen, die palästinensischem Terror Einhalt gebieten sollen, werden von ihm konsequent als „Angriffe“ diffamiert, während die unzähligen Attacken aus dem Gazastreifen in seiner Darstellung einfach nicht vorkommen. Hier biegt Lüders die Wirklichkeit im Dienste der Verleumdung Israels als ewigem Aggressor zurecht, indem er die palästinensische Gewalt unterschlägt. Aber seine unredliche Art der Darstellung beschränkt sich nicht auf tendenziöse Auslassungen, sondern beinhaltet auch glatte Lügen. „Es gibt keinen einzigen Bunker im Gazastreifen“, in dem die Zivilbevölkerung Schutz suchen könne, behauptet Lüders, obwohl er mit Sicherheit weiß, dass das falsch ist: Bunker gibt es sehr wohl, nur sind die für die Hamas reserviert – die Zivilbevölkerung soll nicht in Bunkern den Krieg überdauern, den ihre terroristischen Unterdrücker über sie gebracht haben, sondern hat sich gefälligst als menschliches Schutzschild und als Objekt für möglichst grausame Bilder zur Verfügung stellen, mit denen die internationale Öffentlichkeit manipuliert werden kann. Die Menschen „werden gewissermaßen in Geiselhaft genommen“, meint Lüders, womit er ausnahmsweise recht hätte, wenn er diesen Vorwurf an die Hamas richten würde, aber nichts scheint ihm ferner zu liegen als das.

Darauf folgten einige der Standard-Behauptungen palästinensischer Propaganda, die zwar nicht stimmen, aber mittlerweile schon so oft wiederholt wurden, dass an deren vermeintlichem Wahrheitsgehalt kaum noch gezweifelt wird. „Der Gazastreifen ist einer der am dichtesten besiedelten Flecken der Welt überhaupt“, behauptete Lüders beispielsweise, obwohl jeder Mensch mit einer funktionierenden Internetverbindung binnen Minuten feststellen kann, wie absurd diese Behauptung ist. Die Realität sieht Wikipedia zufolge so aus: „Das Territorium hat mit rund 5000 Einwohnern pro Quadratkilometer die Bevölkerungsdichte eines städtischen Verdichtungsgebiets. Der Gazastreifen ist damit in Bezug auf die Bevölkerungsdichte mit den Städten München (4440 Ew/km²) und Berlin (3942 Ew/km²) vergleichbar, den beiden am dichtesten besiedelten Städten Deutschlands.“ Nur zum Vergleich einige andere Daten: Hongkong – 6396 Ew/km2; Singapur – 7126 Ew/km2;  Monaco – 17.889 Ew/km2. Die Behauptung, der Gazastreifen sei „einer der am dichtesten besiedelten Flecken der Welt überhaupt“, erweist sich schon bei oberflächlicher Überprüfung als reine Propaganda – selbst Wien (4256 Ew/km2) weist eine ähnliche Bevölkerungsdichte auf.

Die Menschen lebten im Gazastreifen wie „in einem riesigen Freiluftgefängnis“, behauptete Lüders ferner. Ohne Zweifel hat die Teilblockade des Gazastreifens nachteilige Auswirkungen auf die Bevölkerung. Diese Blockade ist freilich, wie Gil Yaron richtig bemerkt, nicht Ursache des Terrors durch Hamas und andere Gruppen, sondern dessen Folge: „Israels Räumung Gazas mit dem Abriss von 22 Siedlungen 2005 hätte … ein Neuanfang sein können: Es hätte das Singapur des Nahen Ostens werden können. Ideal gelegen zwischen Afrika, Europa und Asien, mit weißen Stränden und gebildeten Einwohnern, hätte Gaza an seine jahrtausendealte Tradition anknüpfen können.“ Doch statt die Möglichkeiten zu nutzen, hat die Hamas den Gazastreifen zu einer Terrorfestung für den permanenten Krieg gegen Israel ausgebaut. Und selbst unter der daraufhin von Israel und Ägypten verhängten Teilblockade ist es eine groteske Übertreibung, das Leben im Gazastreifen mit den Lebensumständen in einem Gefängnis gleichzusetzen. Um diesen Punkt zu verdeutlichen, reicht es, sich die folgenden Aufnahmen anzusehen, die Palästinenser mit einem Mini-Helikopter von Gaza gemacht haben – das soll ein „Freiluftgefängnis“ sein?

Schließlich machte Lüders Israel irgendwie sogar noch für das Scheitern „gemäßigter Kräfte“ in der gesamten Region verantwortlich, weil diese durch die israelischen Aktionen „immer weniger Chance (haben), Gehör zu finden“. Dass die „gemäßigten“ Kräfte in der Region in Wahrheit zum Teil insgeheim, zum Teil ganz offen Israel im Kampf gegen die Hamas unterstützen (Salzburger Nachrichten, 16. Juli 2014) und mehrheitlich diese für die Eskalation verantwortlich machen (Kurier, 20. Juli 2014), das weiß der „Experte“ vermutlich zwar, verschweigt er aber lieber, weil damit seine mühsam zurechtgebogene Darstellung in sich zusammenbrechen würde.

Noch deutlicher wurde Lüders in einem Interview mit dem heute journal des ZDF. Darin behauptete er allen Ernstes: „Dieser Krieg ist der Versuch, die palästinensische Nationalbewegung entscheidend militärisch zu schwächen.“ Wie so viele andere auch, die jetzt der Hamas zur Seite springen und sich über einen angeblichen „Krieg gegen die Palästinenser“ echauffieren, ist Lüders offenbar der Meinung, die islamistische Terrorgruppe Hamas sei der adäquate Ausdruck der „palästinensischen Nationalbewegung“. Was wohl die „gemäßigten Kräfte“, um die er sich im ORF noch Sorgen machte, davon halten, dass Lüders den Alleinvertretungsanspruch der Hamas so vorbehaltlos akzeptiert? Sodann verniedlichte er die „überwiegend“ in „Eigenproduktion“ hergestellten Raketen zu Waffen, die „natürlich wenig Schaden bewirken“, attestierte der israelischen Gesellschaft eine zunehmende Tendenz zum „Ultranationalismus“ sowie ein Bedürfnis nach „Rache“, das dazu führe, dass viele Israelis „keine Probleme“ damit hätten, dass „sehr, sehr viele Zivilisten auf palästinensischer Seite sterben“. „Das Ganze“, also der israelische „Ultranationalismus“ und das Rachebedürfnis, „führt zu einer Verrohung, einer menschlichen Verrohung auf beiden Seiten“, womit Lüders es geschafft hat, Israel auch noch für die Verbrechen seiner Feinde verantwortlich zu machen. „Israel stellt sich gerne in der internationalen Berichterstattung als Opfer dar“, doch könne man nicht behaupten, dass Israel „mit einer gesunden Verhältnismäßigkeit“ agiere. „Es ist ein Krieg gegen Zivilisten, der hier geführt wird“. Die israelische Regierung nehme „die vielen Toten auf der zivilen Seite der Palästinenser bewusst in Kauf“. (heutejournal, 20. Juli 2014)

Wie infam dieser Vorwurf ist, verdeutlichte ein Beitrag von Gil Yaron in den SN über die Juristen der Abteilung für Internationales Recht der israelischen Armee. Um dem Vorwurf zu entgehen, im Kampf gegen die Hamas Kriegsverbrechen zu begehen, „müssen die Geheimdienstler und Armeeplaner inzwischen bei jedem Ziel, das sie bombardieren wollen, einem Juristen ihre Beweise vorlegen und Beweggründe ausbreiten.“ Das gelte sogar „in der Hektik der aktuellen Kriegsführung“. Die israelische Armee ist vermutlich die einzige Armee der Welt, die sich selbst eine derartige Vorgehensweise auferlegt hat. (Salzburger Nachrichten, 17. Juli 2014)

In der Parallelwelt eines Michael Lüders gibt es das alles natürlich nicht. Hier gibt es keine palästinensischen Terroristen, die sich hinter der Zivilbevölkerung verstecken und mit ihren wahllos abgefeuerten Raketen so viele Juden wie möglich töten wollen, im Gegensatz dazu aber Israel, das zwar wie kein anderes Land der Welt unter vergleichbaren Umständen um die Vermeidung ziviler Opfer bemüht ist, dem aber trotzdem der Vorwurf gemacht wird, einen Krieg gegen Zivilisten zu führen und für die „Verrohung“ auf beiden Seiten verantwortlich zu sein.
 

III. Anders als bisher üblich: Antisemitismus und Terrorunterstützung ist nicht allein ein Problem Israels

Zumindest was den letzten Punkt betrifft, hatte Lüders hierzulande eine Mitstreiterin. Im Unterschied zu diesem kritisierte Gudrun Harrer im Standard zwar „die üblichen widerlichen antisemischen Ausbrüche“ auf der palästinensischen Seite, attestierte andererseits aber der israelischen Seite analog zu Lüders‘ Verrohungsvorwurf  „die übliche totale Abwesenheit von jeglicher Empathie für die Menschen im Gazastreifen“. (Standard, 19./20. Juli 2014) Nun wäre es eine Sache gewesen, den Israelis vorzuhalten, inmitten des Krieges und unter dauerndem Raketenbeschuss nicht ausreichend Mitgefühl für die palästinensischen Opfer im Gazastreifen zu entwickeln. Doch Harrers pauschaler Vorwurf einer „totalen Abwesenheit von jeglicher Empathie“, die ausgerechnet in Israel noch dazu „üblich“ sein soll, ist eine dermaßen haltlose Übertreibung, dass man sie gerade noch einem Lüders zugetraut hätte.

Doch auch wenn es an der Berichterstattung der Medien über den Gaza-Krieg jede Menge zu kritisieren gibt – die MENA-Homepage vermittelt davon einen unvollständigen Eindruck –, ist auch hierzulande zumindest in Ansätzen zu beobachten, was Tom Wilson in den USA aufgefallen ist: Vielleicht gerade wegen all der verzerrten Darstellungen, der ungerechtfertigten Vorwürfe gegen Israel und der erschreckenden und teilweise gewalttätigen antisemitischen Massenaufmärsche in Europa melden sich vermehrt Stimmen zu Wort, die in die bei früheren Anlässen sehr viel weiter verbreitete Verurteilung des jüdischen Staats und die objektive Parteinahme für islamistische Terroristen nicht einstimmen wollen: „One senses that a growing number of commentators and observers are seeing Israel’s detractors with new eyes. Both Hamas and its apologists are coming under real criticism unlike during either of the previous Gaza conflicts. It is possible that those who demonize Israel are beginning to expose themselves for what they are“.

Seinen in Österreich prononciertesten Ausdruck fand diese Kritik in Andreas Kollers Kommentar: „Der ganz normale, schäbige Antisemitismus“ in den SN. Ausgehend von den erschreckenden Vorfällen im Zuge von Pro-Hamas-Demonstrationen – antisemitischen Sprechchören, Attacken auf vermeintliche Juden etc. – stellte Koller fest, dass die Grenze zwischen „berechtigter Kritik an Israel“ und „ganz normale(m) schäbige(m) Antisemitismus“ mitunter schwer festzumachen, bei vielen der Demonstranten der letzten Tage jedoch „locker überschritten“ worden sei. Faszinierende Koalitionen seien da zu beobachten: „Engagierte Linke, die Palästina fälschlicherweise für den Hort des Friedens und Fortschritts halten, gehen Hand in Hand mit alten und neuen Kellernazis, die ihrem Antisemitismus, Pardon: jetzt heißt er ja Antizionismus, endlich wieder freien Lauf lassen können. Islamische Fundis, deren Weltbild vom Koran und der Scharia verstellt ist, sind eines Sinnes mit christlichen Friedensbewegten, die den Konflikt am liebsten im Sesselkreis lösen würden. Die sozialen Medien quellen über mit Hassparolen.“ Und alle seien sich darin einig, einzig in Israel den Aggressor zu sehen. Sie schwiegen zu den Raketen, die auf Israel abgefeuert würden, und äußerten sich nicht zu den Vernichtungsdrohungen der Hamas gegen den jüdischen Staat. Still seien sie auch angesichts der Gotteskrieger in Syrien und dem Irak, „(s)ie gehen aber sofort auf die Straße, sobald Israel zur Waffe greift.“ Koller beschloss seinen Kommentar mit den Worten: „Man kommt um die Erkenntnis nicht herum: Das Problem ist nicht Israel. Das Problem sind seine Gegner.“ (Salzburger Nachrichten, 21. Juli 2014)

Ähnlich argumentierte Christian Ortner, der zuerst in Form einer fiktiven Ansprache eines österreichischen Politikers seine Überzeugung darlegte, dass es in einem Konflikt zwischen einem demokratischen Rechtsstaat wie Israel und einer Terrororganisation wie der Hamas keine Neutralität geben dürfe: „Mit gutem Grund waren wir nach den 9/11-Anschlägen nicht unparteiisch zwischen al-Qaida und den Vereinigten Staaten, und so wenig können und sollen wir das angesichts des Hamas-Terrors gegen den Judenstaat sein.“ Er sei noch heute froh darüber, dass die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht die viel bemühte Gewaltspirale zwischen sich und Nazi-Deutschland durchbrechen hatten wollen. „(U)nd ich bin außerordentlich froh darüber, dass die USA nicht etwa versucht haben, zwischen Hitler und Churchill zu vermitteln, sondern sich klar auf eine Seite gestellt haben: auf die richtige.“ Israel habe „jedes Recht der Welt, sich gegen diese Terrorangriffe auf seine Bevölkerung zu wehren“. (Presse, 18. Juli 2014)

In einem weiteren Kommentar in der Wiener Zeitung mit dem nicht unproblematischen, weil abwertenden Titel „Der Irrtum der Pali-Versteher“ gab Ortner seiner Verwunderung über die Unterstützung Ausdruck, die die palästinensische Seite unter Europas Linken genieße. „Ein palästinensischer Staat, in dem Hamas und Fatah das Sagen hätten, wäre in gesellschaftspolitischer Hinsicht ungefähr so liberal wie Saudi-Arabien. Schwule, die in Israel unbehelligt fröhliche Regenbogenparaden feiern, müssten dort um Leib und Leben zittern (wie schon jetzt in Gaza). Gleiches gilt für Frauenrechte, wie sie der europäischen Linken ein besonderes Anliegen waren und sind, und Minderheitenrechte aller Art.“ Es sei unverständlich, warum die Linke im so genannten Nahost-Konflikt ausgerechnet „Sympathie für jene zeigt, die sie am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen möchten, weil sie angeblich gegen irgendein göttliches Gebot verstoßen? Wie seriös ist es, in Europa mit genauso gutem Grunde für die Trennung von Kirche und Staat einzutreten – und im Nahostkonflikt die Partei jener zu ergreifen, die eine Art Gottesstaat errichten wollen? Und wie seriös ist es, hierzulande Selbstbestimmung einzumahnen, dort aber die Agenda jener zu unterstützen, die Individualismus für eine Perversion halten?“ Die amerikanischen Neokonservativen hätten den Fehler gemacht, daran zu glauben, dass im Irak eine liberale Demokratie westlichen Zuschnitts entstehen würde. „Glaubte Europas Linke wirklich, ein freier und unabhängiger Palästinenserstaat hätte mit ihren Werten irgendetwas am Hut, beginge sie den gleichen Fehler.“

Ebenfalls in der Wiener Zeitung meinte Reinhard Göweil, dass es „eine Menge richtiger Kritikpunkte an Israel“ gebe, aber: „Davon unabhängig ist allerdings das Selbstverteidigungsrecht eines Staates zu sehen. Und die aktuelle Krise wurde ganz eindeutig von extrem radikalen palästinensischen Kräften in Gang gesetzt. Drei Jugendliche zu ermorden, das hat mit Widerstand nichts zu tun, das ist bloß barbarisch. Und recht ziellos Raketen auf Städte abzufeuern, egal wen es dort trifft, ist nicht Krieg, sondern Terrorismus.“

Im Standard ließ Gerfried Sperl keinen Zweifel daran, dass die „radikale Hamas … mit ihrem Raketenbeschuss Israels die Auslöserin der jüngsten kriegerischen Eskalation“ sei. Die anti-israelischen Demonstrationen seien Ausdruck einer „Meinungsoffensive, die gesetzlich berechtigt ist, die aber wegen der Stimmungsmache für die Hamas nicht mehr als einseitige Parteinahme ist.“ (Standard, 21. Juli 2014)

Ein letztes Beispiel: Im Kurier warf Walter Friedl dem türkischen Premier Erdogan vor, „inakzeptabel und verantwortungslos“ zu agieren, da dieser bei einer Wahlkampfkundgebung gegen Israel mit den Worten gehetzt hatte: „Sie haben kein Gewissen, keine Ehre, keinen Stolz. Jene, die Hitler Tag und Nacht verurteilen, haben Hitler in Sachen Barbarei übertroffen.“ Damit betreibe Erdogan ein „übles Spiel mit Emotionen“, was „schäbig und verantwortungslos, weil gefährlich“ sei. Erdogan befeuere den „bei vielen muslimischen Jugendlichen latent vorhandenen Antisemitismus“. (Kurier, 21. Juli 2014)

Wie erwähnt soll keineswegs behauptet werden, dass die Berichterstattung über den Gaza-Krieg und die Demonstrationen gegen Israel in Europa nicht viel Anlass zur Kritik bieten würde. Um nur einige der jüngsten Beispiele zu nennen: Die Krone bezeichnete die von hasserfüllten und teils antisemitischen Parolen geprägte Pro-Hamas-Demonstration in Wien bizarrerweise als einen Marsch „für den Frieden“ (Kronen Zeitung, 21. Juli 2014). Der ORF ging nicht auf die antisemitischen Inhalte der Demonstration in Wien ein, obwohl in seinem Bericht ein Plakat zu sehen war, auf dem ein Hakenkreuz mit einem Davidstern gleichgesetzt wurde, und auf einem anderen Plakat die Parole zu lesen war: „Dein Ende wird kommen Israel“ (ZiB, 20. Juli 2014) Statt von der tatsächlich praktizierten offenen Parteinahme für die islamistische Terrororganisation Hamas, die für den Krieg und das damit verbundene Leiden in Gaza verantwortlich ist und die Zivilbevölkerung zur Geisel in ihrem Krieg gegen den jüdischen Staat macht, war von „Solidarität mit der Bevölkerung des Gazastreifens“ die Rede. (Spät-ZiB, 20. Juli 2014) Allgemein sprach der ORF im Zusammenhang mit den teils offen antisemitischen Massenaufmärschen in Europa verharmlosend und verfälschend von „Israelkritiker(n)“ (ebd.) und brachte es sogar fertig, die antisemitische Hetze Erdogans als „Israel-kritische Rede“ zu bezeichnen.

Aber die völlig überzogenen Vorwürfe gegen Israel (Völkermord usw.) sowie die offen antisemitischen Hetzmeuten, die sich mit „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“-Sprechchören oder mit der Parole „Jude, Jude, feiges Schwein – komm heraus und kämpf‘ allein“ durch Europas Straßen wälzen, Synagogen und jüdische Geschäfte angreifen sowie Menschen attackieren, die sie für pro-israelisch halten, haben die lange als „Israelkritik“ verharmloste Hetze bis zur Kenntlichkeit entstellt. Dass viele Tausende, vor allem türkisch- und arabisch-stämmige Menschen in Europa auf den Terrorkrieg der Hamas mit einer antisemitischen, teils gewalttätigen Demonstrationswelle reagieren, ist weniger für Israel ein Problem als für die europäischen Staaten. Der in jeder Hinsicht unverhältnismäßige Hass, der Israel und Juden hier entgegenschlägt, könnte aber wenigstens ein Ansatzpunkt dafür sein, sich dieses extremistischen Potenzials bewusst zu werden und zu erkennen, dass der Kampf gegen Terrorismus und die ihn unterstützenden Ideologien keineswegs allein das Problem Israels ist.


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