Worum es den Europäern beim Atomdeal eigentlich geht

„Insbesondere den Deutschen wird dabei oft vorgeworfen, es ginge in puncto Iran ausschließlich ums Geschäft. Mehr als halbgare Diplomatie sei von ihnen, deren Streitkräfte es wohl nur gerade so von Berlin bis nach Potsdam schaffen würden, ohnehin nicht zu erwarten. Beides mag stimmen, wird den Deutschen und ihren europäischen Mitstreitern aber keinesfalls in Gänze gerecht. Denn in der Hauptsache dient das Abkommen den Befindlichkeiten derer, die es einst abschlossen und anschließend stolz vor die Kameras traten. Mag das Agreement auch noch so untauglich sein, den Nahen Osten zu befrieden, der iranischen Bevölkerung zu mehr Lebensqualität zu verhelfen und die Mullahs von ihren nuklearen Ambitionen abzubringen – für die Pflege des europäischen Selbstbilds eignet es sich dafür aber prima.

Wenn die Europäer über den Iran, den Deal und das nun naheliegende Scheitern sprechen, blicken sie weder nach Teheran, noch auf die blutige Realität, sondern vor allem auf sich selbst. Auf ihre ‚Friedensdiplomatie‘, ihre ‚historische Errungenschaft‘ und ihren Gefühlshaushalt, dem ‚ein bisschen Frieden‘ seit je her besser bekommt als Realismus und Tatkraft. Und wenn es schief geht, sind nicht die Schurken schuld, sondern die USA und Israel, die nichts Geringeres als den Weltfrieden bedrohen. Jahrzehnte lang eingeübte Israelkritik und ausgeprägte Amerika-Skepsis zahlen sich aus. Am wohlsten fühlt man sich nicht innerhalb der westlichen Allianz, sondern als neutraler Vermittler, der kultursensibel Verständnis auch für die brutalsten Despoten aufbringt.

Nur logisch also, dass das einzig verbleibende Argument für den Erhalt des Atom-Deals vor allem darin besteht, dass man ihn höchstpersönlich und eigenhändig geschlossen hat. Wenn Sicherheitspolitik jedoch mit Identitätsstiftung verwechselt wird, sollte man das Heft des Handelns möglicherweise doch lieber anderen überlassen. Dem Frieden zuliebe.“ (Jennifer Nathalie Pyka: „Iran-Deal? It’s identity politics, stupid!“)

Ein Gedanke zu „Worum es den Europäern beim Atomdeal eigentlich geht

  1. ecaep

    Im Artikel von Frau Pyka steht auch dieser Satz:

    „Zu gerne würde man die Europäer für einen Moment aus dem antiimperialistischen Bällebad abholen und sich mit ihnen so über den Nahen Osten unterhalten, wie es unter Erwachsenen üblich sein sollte.“

    Sehr gut! Darin klingt an, was inzwischen jeder halbwegs intelligente Beobachter bemerkt: die europäische Diplomatie pubertiert. Kennzeichen eines Pubertierenden ist, dass er sich für den Mittelpunkt der Welt hält. Zwischen 11 und 14 Jahren ist das auch in Ordnung.

    Gefährlich wird es, wenn das Erwachsenwerden nicht stattfindet und die selbstbespiegelnde Bauchnabelschau nicht aufhören will. Denn wenn Empathie fehlt und die Fähigkeit sich in die Lage Anderer (insbesondere derer, die existenziell bedroht werden) hineinzuversetzen, nicht existent ist, hört der Spass auf. Noch schlimmer wird es, wenn die in den 70ern erworbenen „antiimperalistischen“ Ideologien, deren „revolutionäres“ Pathos schon damals nicht nur pubertär, sondern ISRAELFEINDLICH und ANTISEMITISCH war, so weit abgekühlt werden, dass sie dem Massenpublikum als „kritisches Bewußtsein“ verkauft werden können. Wer „kritisches Bewußtsein“ noch immer mit „antiimperialistischer“ Phraseologie verwechselt, IST nicht erwachsen.

    Selbstbezüglichkeit, Eitelkeit und die Fähigkeit historische Tatsachen absichtsvoll, d.h. aus IDEOLOGISCHEN Gründen, misszuverstehen, mögen in der Politik zum „business as usual“ gehören. In Wahrheit beschleunigen sie die Politikverdrossenheit. Das verlorengehende Vertrauen in Kompetenz und Anständigkeit der politischen „Elite“ hat seinen Grund darin. Wer sich selbst wichtiger nimmt, als den Gegenstand, den zu bearbeiten er angetreten ist, sollte seinen Job abgeben. Frau Mogherini ist nur DAS Symbol für diese katastrophale Entwicklung. –

    Es wäre extrem aufschlußreich – und sicher wunderbar unterhaltsam -, die Pubertismen europäischer Politiker wissenschaftlich-kritisch zu erfassen und diese dem geneigten Leser zu überlassen. DAS Buch würde ein Bestseller! – Besten Dank Frau Pyka – für’s „antiimperialistische Bällebad“ und die „stupid identity politics“.

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