Wie die Türkei die USA vor sich hertreibt

„Es ist ein diplomatischer Sieg der Türkei und ein klarer Rückzieher der USA, dessen Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind. Auf die am Mittwoch erfolgte Einigung der Nato-Partner, auf dem ‚Rojava‘ genannten Gebiet der syrischen Kurden eine ‚Sicherheitszone‘ einzurichten, haben die Finanzmärkte mit einem kräftigen Wertzuwachs der türkischen Lira reagiert – obwohl auch am Freitag noch keine Details des Abkommens bekanntwurden. Die türkische Regierung ist damit ihrem Ziel erheblich nähergekommen, das syrische Grenzgebiet von der als ‚terroristisch‘ bezeichneten kurdischen YPG-Miliz zu ‚säubern‘ und neue Gebiete zu besetzen.

Sie will dorthin erklärtermaßen viele der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge abschieben und die ethnische Zusammensetzung zugunsten der Araber verändern. Das hätte dramatische Konsequenzen.

Zwar erscheint es immer noch schwer vorstellbar, dass Washington das türkische Militär die Grenze zu Rojava ungehindert überschreiten und dort ähnliche Verhältnisse schaffen lässt wie in den zwei bereits bestehenden Protektoraten Ankaras in Syrien. Falls die Amerikaner aber nicht nur auf Zeit spielen, sondern sich tatsächlich der Invasionsdrohung des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan gebeugt haben sollten, wäre dies der zweite Verrat an den kurdischen YPG-Bündnispartnern im Kampf gegen die Terrormiliz ‚Islamischer Staat (IS)‘, seit Washington 2018 den türkischen Überfall auf die Kurdenenklave Afrin nicht stoppte. Dort vertreiben türkische Soldaten seither gemeinsam mit syrischen Dschihadisten kurdische und christliche Einwohner und siedeln syrische Araber an. (…)

Doch der verheerende Eindruck bleibt, dass die Regionalmacht Türkei die Weltmacht USA vor sich hertreibt – und diese kein Mittel dagegen findet.

Dabei ist es zunächst unerheblich, ob Erdogan nur blufft oder wirklich bereit ist, bei einem Einmarsch tote US-Soldaten hinzunehmen. Rhetorisch hat der Autokrat diese Grenze bereits überschritten. Indem die US-Regierung unter Donald Trump auf die Herausforderung nicht mit entschiedener Härte reagiert, scheint sie nun aber ihren Anspruch auf eine führende politische Rolle im Nahen Osten aufzugeben. (…)

Aber die syrischen Kurden sind nicht wehrlos. Unter großen Opfern haben sie den IS weitgehend besiegt und können 100.000 erfahrene Kämpfer mobilisieren. Sie haben angekündigt, im Fall eines türkischen Angriffs eine Front entlang der 600-Kilometer-Grenze zu eröffnen, und sie verfügen über moderne amerikanische Waffen.“ (Frank Nordhausen: „Syrien: Türkei und USA einigen sich – nun droht ein neuer Krieg“)


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