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Kritikresistent: Das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin

Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin, Stefanie Schüler-Springorum
Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin, Stefanie Schüler-Springorum (© Imago Images / epd)

Tendenzen der Antisemitismusverharmlosung in der institutionalisierten Antisemitismusforschung.

Remo H. Kohlbrenner

Jedes Jahr zum Jahrestag der Novemberpogrome vom 9. November 1938 treffen sich in Berlin-Moabit mehrere Hundert Antifaschisten und Überlebende, um gemeinsam der Opfer der Auftaktverbrechen der Nationalsozialisten zu gedenken. Mit einer anschließenden Demonstration soll der Notwendigkeit von Antifaschismus, Antirassismus und Anti-Antisemitismus aktiv Nachdruck verliehen werden. 

Da aus der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen auch eine besondere Berücksichtigung des Antisemitismus und Nationalismus als ideologische Motive des Holocaust entspringt, ist dem linken Bündnis zum 9. November eine dezidierte Kritik der nationalen Erinnerungspraxis als Wiedergutwerdung der Deutschen und eine Tendenz zur Parteinahme für Israel eigen. 

Diese Positionierung für den Schutzstaat für Verfolgte des Antisemitismus rief dieses Jahr auch linke Antizionisten auf den Plan. Eine Gruppe jüdischer und israelischer Berliner rief online zu einem eigenen Block auf, ohne zuvor Rücksprache mit dem Organisationsbündnis zu halten. So fand sich dann auch eine kleine Gruppe am Rand der Veranstaltung mit eigenem Banner und eigenen Plakaten ein, deren israelfeindliche Inhalte nicht offenkundig, aber für Informierte zu entziffern waren. Explizitere Plakate blieben hingegen im Rucksack. 

Koscher-Siegel durch israelfeindliche Juden

Um von dieser Gruppe einkalkulierte Schlagzeilen zu vermeiden, durfte sie vonseiten der Organisatoren unter der Bedingung des Verzichts auf Parolen und Plakate, die dem Bündniskonsens widersprechen, an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Die bewusst provokante, aber aus Pietät angesichts der Gedenkveranstaltung doch zurückhaltende Aktion verlief denn auch fast im Sand.

Neben einem Statement im Nachgang, in dem die Störer sich als unschuldige Opfer von »Antideutschen« inszenierten, durften zwei ihrer Vertreter immerhin noch in einem tendenziösen ZEIT-online-Beitrag in gespielter Naivität breit ihre verzerrende Sichtweise der Geschehnisse breit darlegen, ohne dass dem organisierenden Bündnis die Möglichkeit einer Gegendarstellung geboten worden wäre.

Wer sich mit der Israelboykott-Bewegung BDS und der israelfeindlichen Palästina-Solidaritäts-Bewegung in Berlin beschäftigt, weiß, dass sie einige sehr aktive jüdische Verteidiger hat. Diese Akteure, u. a. im Jewish Bund zusammengeschlossen, haben eine weitreichende Social-Media-Aktivität und zustimmendes Echo in der linksliberalen Presse.

Einige der Aktivisten wie Yossi Bartal oder Emily Dische-Becker sind gut vernetzt und suchen regelmäßig die Öffentlichkeit. Linken Israelkritikern aus dem akademischen, antizionistischen und ›antirassistischen‹ Milieu liefern sie gleichsam die ersehnten Stichworte als sich selbst instrumentalisierende Jüdinnen und Juden. Neuerdings sind sie an der jüngst gegründeten Jewish Diaspora Alliance beteiligt, die nach eigenem Bekunden Antisemitismus bekämpfen möchte, aber insbesondere diejenigen vereinigt, deren offenkundiges Ziel es ist, antizionistische Ressentiments und Feindschaft gegen Israel vom Makel des Antisemitismusvorwurfs zu reinigen.

Hier finden Aktivisten und Akademiker zusammen, die bislang auch im bereits genannten Jewish Bund, der Gruppe »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« oder dem New Israel Fund unterwegs waren. Sie stehen für eine linke Palästina-Solidarität, die mit Antizionismus einhergeht und weisen eine Nähe zur antisemitischen BDS-Bewegung, zur antizionistischen Migrantifa Berlin und der Gruppe Palästina Spricht auf, die Israel als Kolonial- und Apartheidstaat delegitimieren. 

Der Jewish Bund, der auch zum Block am 9. November aufgerufen hatte, durfte der inzwischen restlos zur Plattform für israelfeindlich ausgerichtete pro-palästinensische Propaganda verkommenen 1.-Mai-Demo dieses Jahres ausdrücklich das Koscher-Siegel verleihen. Einer Demonstration, auf der teils dieselben Parolen zur Auslöschung Israels gerufen wurden wie auf den fast zeitgleich ebenfalls in Neukölln abgehaltenen und teils verbotenen Demonstrationen islamisch-nationalistischer Milieus. 

Die Verbote aufgrund vorangegangener antisemitischer Zwischenfälle werden von den Aktivisten in einen antipalästinensischen Rassismus umgedeutet, anstatt sich mit dem Phänomen des arabischen und islamischen Antisemitismus auseinanderzusetzen, der auf diesen Kundgebungen in seiner ganzen Tabulosigkeit zutage trat

Auftritt ZfA-Leitung

Eine gemeinsame Grundlage der Jewish Diaspora Alliance ist die einseitige Jerusalem Declaration, die eine Antwort auf die weithin anerkannte Arbeitsdefinition für Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) darstellt, welche besonders die israelbezogenen Formen des Antisemitismus berücksichtigt. Unter den Beteiligten dieser neuen, sich auf die Diaspora berufenden Vernetzung ist auch die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, ihres Zeichens Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin und neben Dische-Becker Mitkoordinatorin der Jerusalem Declaration. 

Wer Schüler-Springorum nicht kennt, die für ihre politischen Positionierungen schon häufiger in die Kritik geraten ist – so auch vonseiten ihrer eigenen Studierenden  –, könnte sich naiv fragen, warum ausgerechnet eine renommierteHistorikerin und Antisemitismusforscherin sich politisch mit antizionistischen Aktivisten wie Bartal organisiert, dem grundsätzlich die Existenz eines Forschungszentrums speziell zu Antisemitismus schon ein Dorn im Auge ist. Ein Widerspruch ist dies allerdings bloß auf den ersten Blick, der sich mit der Beleuchtung der personellen Verknüpfungen und inhaltlichen Ausrichtung von Teilen des ZfA aufklären lässt.

Durch die Debatten um den Antisemitismus des Kuratorenteams und einiger Ausstellungsstücke der documenta fifteen im verganegenen Jahr ist eine nicht weniger kritikwürdige Veranstaltung, die Hijacking-Memory Konferenz im Juni, überlagert worden. Das Organisationsteam der Konferenz, bestehend aus Emily Dische-Becker, Kuratorin des Hauses der Kulturen der Welt (HKW), Susan Neiman, Leiterin des Einstein Forums, sowie Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des ZfA, dürfte der documenta und dem durch sie verursachten Wirbel dankbar sein, da sie dadurch kaum der öffentlichen Aufmerksamkeit und dem Widerspruch ausgesetzt waren. 

Mit den drei Organisationen – HKW, Einstein-Forum und ZfA – und ihren Leiterinnen bzw. Kuratorinnen verbinden sich auch drei bedeutungsvolle Akteure der Verteidigung von »Israelkritik«, der Unterstützung propalästinensisch-antizionistischer Positionen und der unzureichenden Auseinandersetzung mit israelbezogenem und muslimischem Antisemitismus. 

Emily Dische-Becker ist nicht nur in Personalunion Kuratorin des HKW, Organisatorin der Hijacking-Memory-Konferenz, Mitbegründerin der Jewish Diaspora Alliance, unrühmlich in den documenta-Skandal Verwickelte und federführende Koordinatorin der Jerusalem Declaration, sondern sie war, wie eingangs erwähnt, auch eine der Aktivistinnen, die versuchten, die Moabiter Gedenkkundgebung am 9. November mit chiffrierten israelfeindlichen Inhalten zu kapern. 

Zwei Referenten der von ihr mitorganisierten Hijacking-Memory-Konferenz zeigten sich noch während der Tagung bestürzt darüber, welche inhaltliche Dynamik die Veranstaltung eingenommen hatte. Zwar machten die beiden Historiker Jan Grabowski und Konstanty Gebert deutlich, dass sie das grundsätzliche Anliegen der Konferenz teilen: die Auseinandersetzung mit der Instrumentalisierung des Holocaustgedenkens durch die Neue Rechte; dass sie aber durch die – leider auf große Zustimmung gestoßenen – antiisraelischen Inhalte den wichtigen Anspruch der Konferenz klar in Mitleidenschaft gezogen sahen. 

Hijacking Holocaust

Grabowski und Gebert kritisierten dezidiert den Vortrag des palästinensischen Aktivsten Tareq Baconi und den propalästinensischen Aktivismus einiger Teilnehmer. Beiden waren schockiert über die israelfeindlichen Inhalte und die große Zustimmung seitens der Zuhörer. Wer genauer hinsieht, wird allerdings noch weitere Vorträge finden, die aus Sicht einer kritischen Antisemitismusforschung Widerspruch erhalten müssten. 

Bei über dreißig Vorträgen mit unterschiedlichsten Inhalten kann eine tiefergehende Analyse hier zwar nicht erfolgen, aber allein anhand der zahlenmäßigen Verteilung und Ausrichtung der Vorträge lässt sich auch ohne eine solch explizite Analyse eine einseitige Tendenz der Konferenz gegen Israel erkennen. Ordnet man, das Konferenzprogramm nach Inhalten, um die thematischen Schwerpunkte herauszuarbeiten, wird offenkundig, wie stark die antiisraelische Schlagseite und relativierende Haltung gegenüber dem Antisemitismus war. 

Zum einen widmete sich ungefähr die Hälfe der Vorträge wichtigen und relevanten Themen. Dazu gehören zum Beispiel sieben Vorträge, die sich der Holocaustinstrumentalisierung in Osteuropa durch die dortige Rechte zuwenden. Nur ein Vortrag beschäftigte sich mit der Notwendigkeit von Analyse und Kritik des Antisemitismus. 

Zum anderen haben wir aber eine – fast die Hälfte des Gesamtprogramms ausmachende – Fülle an Vorträgen, an denen das Tendenziöse der Konferenz in Sachen Israel und Antisemitismusverharmlosung ablesbar wird. So hat der Vortrag von Tareq Baconi für Schlagzeilen gesorgt, weil in ihm BDS-nahe Position zu Israel vertreten und der jüdische Staat als koloniales Apartheidregime denunziert wurde. Darüber hinaus beklagte ein auf der Konferenz gezeigter Film die repressiven Folgen der Antiboykott-Gesetze in den USA und ergriff – gewollt oder nicht – ebenfalls Partei für die BDS-Bewegung. 

Vier Vorträge stellen einen teilweise auf wackeligen Beinen stehenden Zusammenhang zwischen rechter Instrumentalisierung, Antisemitismuskritik und Israel her. Für sich alleine stehend könnte jeder dieser vier Vorträge jeweils als kritische Bestandsaufnahme gelten, aber im Kontext der inhaltlichen Ausrichtung der gesamten Veranstaltung kommt ihnen eine spezifische Funktion zu, da in jedem von ihnen auf unterschiedliche Weise suggeriert wird, es handle sich bei Antisemitismuskritik und einer israelsolidarischen Haltung um vorrangig rechte Diskursstrategien. 

So wurde auf einem Podium zwar die Möglichkeit eines sich antisemitisch äußernden Antizionismus, eingeräumt, aber die linken Formen des Antizionismus von diesem Vorwurf freigesprochen und stattdessen besonders betont, zionistische Positionen würden sich antisemitisch artikulieren. 

Weitere sechs Vorträge widmeten sich auf verschiedene Weise dem, was sie als Instrumentalisierung des Holocaustgedenkens und Instrumentalisierung der Antisemitismuskritik bezeichnen, die laut eigenem Selbstverständnis aus einer ›anti-rassistischen‹ Perspektive kritisiert werden sollen. Diese Vorträge knüpften auf unterschiedliche Weise affirmativ an die aktuellen postkolonialen Angriffe auf das Holocaustgedenken an, wie sie auch im sogenannten Historikerstreit 2.0 debattiert und etwa in Steffen Klävers Buch Decolonizing Auschwitz?: Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung so konzise kritisiert werden. 

In zweien dieser Vorträge wurde die Singularität bzw. Präzedenzlosigkeit des Holocausts als problematische These präsentiert und als Grund und Instrument des Unsichtbarmachens anderer Genozide angeführt. Kritik am Antisemitismus würde demnach notwendige Rassismuskritik neutralisieren – eine Behauptung, der unschwer abzulesen ist, dass das eine gegen das andere ausgespielt werden soll. Hier kommt vor allem ein postmodernes und postkolonialistisches Rassismusverständnis zum Tragen, in dem ein zweifelhafter Antisemitismusbegriff vorherrscht, der häufig dem Rassismus ein- und untergeordnet wird. 

Schon dieser kleine Überblick sollte deutlich machen, warum die Konferenz auf Widerspruch gestoßen ist, auch wenn inhaltlich nur der von Grabowski und Gebert kritisierte Vortrag einen kleinen Skandal evozierte. 

Grenzen des Sagbaren verschieben

Antisemitismuskritik, die sich gegen jede Form des Judenhasses richtet, wurde auf der Konferenz tendenziell als rechtes Narrativ dargestellt, das den Kampf gegen Rassismus verhindere und den nationalistischen Zielen Israels diene. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem globalen Antisemitismus und seinen antiisraelischen Äußerungsformen wurde ebenso ausgespart wie Möglichkeit und Existenz einer von links kommenden solidarischen Haltung zu Israel und Kritik am Antisemitismus; stattdessen schlug man diese den rechten Narrativen zu. 

Die, wenn auch teils ungenau formulierte, so doch berechtigte Kritik an der Konferenz wurde, wie so oft, von den Adressierten nicht aufgearbeitet. In einem Statement, das auch auf der Website des ZfA veröffentlicht wurde, zeigte man sich uneinsichtig. Nicht nur wurde, ebenfalls wie so oft, die inhaltliche Kritik aus zweckdienlichen Gründen in bösartige Anfeindung umgedichtet.

Zusätzlich wurde von den Kritisierten völlig ausgeblendet, dass sie selbst vehement daran arbeiten, beständig die Grenzen des Sagbaren in Bezug auf Israel zu verschieben und sie inszenierten sich lieber als ebenso aufrechte wie verfolgte Kritikerinnen, die zum Schweigen gebracht werden sollen, während sie zugleich auf einflussreichen und hochdekorierten Positionen sitzt. Die Verteidigung in linksliberalen Meinungsblättern gegen die als rechts dargestellte Kritik war den Veranstalterinnen der Konferenz ebenso sicher.

Das Kokettieren mit Pro-BDS-Positionen, die sich selbst als antirassistisch, postkolonial oder nationalismuskritisch missverstehen, gehört schon länger zum Radical Chic im Milieu akademischer Linkliberaler, die nur zu gern Anschluss an den internationalen Mainstream knüpfen würden. 

Dessen Vertreter müssen mit ihren Antizionismus nicht so hinter dem Berg halten wie ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen. Die antisemitische Propaganda der BDS-Bewegung dominiert zunehmend den akademischen Geist im angloamerikanischen Raum und darüber hinaus; immer wieder wird die Nähe einzelner Gruppen und Akteure zu islamistischen Terrororganisationen bekannt, wie im Allgemeinen ist das Abgrenzungsbedürfnis zu diesen wenig ausgeprägt ist.

In Deutschland gestaltet sich eine positive Bezugnahme auf israelfeindliche Bewegungen schwieriger, auch wenn Ressentiments gegen Juden und den jüdischen Staat in allen Teilen der Gesellschaft weit verbreitet sind. Der Umstand, dass Antisemitismus und seine israelbezogenen Ausformungen stärker in die Kritik geraten, geht allerdings weniger auf nationalistische Vereinnahmung zurück, wie es die postkolonial inspirierten Israelkritiker zuweilen pauschal behaupten, sondern auf eine von Überlebenden, Nachkommen und Linken gegen die Mehrheitsgesellschaft erkämpfte Aufarbeitung und Kritik des Antisemitismus

Diese Etablierung einer Antisemitismuskritik, die auch die Israelfeindschaft in ihre Analysen einbezieht, wird mittlerweile nicht mehr nur von rechts, sondern auch von links angegriffen. Zugleich wissen antisemitische (neue)Rechte, zu der auch die vorgeblich proisraelischen Rechtspopulisten gehören, und auch die israelfeindliche Linke hierzulande sehr gut, wo die Grenzen des Sagbaren verlaufen. So kommt es meist dann zu Debatten in Deutschland, wenn linke Künstler und Akademiker aus anderen Ländern unverstellt ihren Israelhass zur Schau stellen, weil sie die hiesigen Verklausulierungen nicht so gut eingeübt haben, wie auch die Fälle der documenta oder Achille Mbembe zeigen.

Der Unterstützung aus dem Kunstbetrieb und der Akademie können sie sich dennoch sicher sein, wie u. a. die auch wieder maßgeblich von Schüler-Springorum mitgetragene Initiative GG 5.3 Weltoffenheit verdeutlicht, die sich gegen die BDS-Resolution des deutschen Bundestags positioniert. Hier halten auch Antisemitismusforscher die Tür des Sagbaren für Antizionisten weiter offen. Man möchte weltoffen statt provinziell sein.

Problemverschiebung und Kritikabwehr

Die Haltung, andere stellvertretend die eigenen verhinderten Sympathien für die BDS-Bewegung ausleben zu lassen, zumindest unter kritischen Lippenbekenntnissen gegenüber den kaum zu leugnenden antisemitischen Positionen innerhalb des BDS; sowie die Annahme, Kritik am israelbezogenen und muslimischen Antisemitismus überlagere oder verunmögliche gar die Kritik am Rassismus, lassen sich in abgeschwächten Formen auch am ZfA finden. 

Bei einer Gastdozentin dieses Wintersemesters finden sich zum Beispiel solche Aspekte. Während Charlotte Misselwitz ihre Sympathien für BDS gar nicht erst verbirgt, äußert sie eine Form der Kritik an der Israelboykott-Bewegung, die sich auf postmodernes Sprechortdenken qua eigener deutscher Identität zurückzieht, indem sie ihre eigene deutsche Herkunft als das Hindernis darstellt, gemeinsam mit ihren antizionistischen Freunden die antisemitische BDS-Bewegung offen zu unterstützen: Während ihr der Gedanke eines Israelboykotts einleuchte, könne sie »als Deutsche« dabei nicht mitmachen.

Die taz-Autorin und Lehrbeauftragte an der Humboldt Universität (HU), die beim in antizionistischen Kreisen gefeierten Historiker Moshe Zuckermann promoviert wurde, leitet im Wintersemester ein Seminar zum Thema »Der muslimische Andere in deutschen und israelischen Medien«, das sie zuvor schon an der HU gehalten hatte. Ein inhaltlicher Fokus, der auch für Irritationen unter Studierenden sorgte: Läge es nicht näher, ließe sich fragen, an einem Zentrum für Antisemitismusforschung ein Seminar zu Antisemitismus und Israelhass in arabischen und deutschen Medien anzubieten? 

Nun kann das Thema des Seminars angesichts rassistischer Diskurse in Deutschland und Israel natürlich nicht einfach als irrelevant abgetan werden: Es ist begrüßenswert, wenn ein Forschungszentrum zu Antisemitismus seine Perspektive auf Rassismus erweitert, wie es auch in der Prüfungsordnung festgehalten ist. Mit Blick auf die inhaltliche Positionierung der Dozentin und der Lektüreliste wird aber deutlich, dass hier eine spezifische Sichtweise auf diese Themen eingebracht werden soll, die auf Problemverschiebung und Kritikabwehr hinausläuft. 

So beinhaltet der Seminarplan Literatur mit diskursanalytischen Zugängen zum weitgefassten Thema Muslimfeindlichkeit. Am Beispiel der im Seminar zur Lektüre herangezogenen und auch persönlich eingeladenen Rassismusforscherin Iman Attia lässt sich zeigen, wie solche theoretischen Zugänge zu Rassismus im Allgemeinen und Formen der Feindschaft gegenüber Muslimen im Besonderen reale Problemlagen ausblenden. 

Jede Aussage, unabhängig davon, ob sie kritisch-aufklärerischen oder ressentimentgeladenen Inhalt hat, wird per se einem übermächtigen rassistischen Diskurs zugeordnet. Damit werden kritikwürdige Aspekte des Islams oder die durch Sozialisation geprägte Subjektkonstitution mit ihren misogynen, antisemitischen und homophoben Anteilen bei arabischen/muslimischen Männern verleugnet und jegliche Auseinandersetzung damit als Verstärkung rassistischer Diskurse delegitimiert. 

Negative oder kritische Darstellungen in den Medien werden dann nicht mehr auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, sondern pauschal als diskriminierend abgeurteilt. Emanzipatorische Kritik an spezifisch islamischen und arabischen Spielarten des Antisemitismus und des Sexismus wird somit verunmöglicht. Es ist nicht verwunderlich, dass in diesen Ansätzen der Rassismusforschung der Antisemitismus meist unbeachtet oder dem Rassismus untergeordnet bleibt. 

Solch problematisches Rassismusverständnis hat Aufwind im Allgemeinen und leider auch am ZfA im Besonderen, was sich auch an anderen Seminaren zeigen ließe. Hier zeichnet sich das ab, was Ingo Elbe als einen Antirassismus beschreibt, der sich zu einem unreflektierten Weltbild verhärtet. So schließt sich denn auch der Kreis zu den postkolonialen und antizionistischen Angriffen von Anti-Rassisten‹ auf das Holocaustgedenken und auf eine konsequente Antisemitismuskritik.

Kleine Lichblicke

Doch es gibt auch Lichtblicke am ZfA. So wird sich entgegen der bislang beschriebenen Tendenz vereinzelt auch den Themen kritische Theorie oder israelbezogener und arabischer Antisemitismus gewidmet, wenn auch äußerst unzureichend. Die Erforschung von Antiziganismus ist hingegen begrüßenswerter wichtiger Bestandteil des Zentrums. In diesem Wintersemester findet auch ein Seminar zu »Left Antisemitism« statt, in dem renommierte Holocaustforscher wie Jeffrey Herf und weitere Spezialisten auf diesem Gebiet eingeladen werden. 

Der eingefahrenen Perspektive auf den Antisemitismus als vorgeblich bloß rechtes Phänomen wird damit ein wenig entgegengewirkt und man kann nur hoffen, dass auch der islamische Antisemitismus stärker in den Fokus rückt. Die Haltung vieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Zentrums dazu ist allerdings, wie Matthias Küntzel in seinem bislang letzten Buch Nazis und der Nahe OstenWie der islamische Antisemitismus entstand zusammengefasst hat, beunruhigend. Aber auch das ZfA kann sich dem Thema nicht auf Dauer verschließen, und es gibt zumindest in wenigen Seminaren auch den Raum, linke, israelbezogene und islamische Erscheinungsformen des Antisemitismus zu thematisieren. 

Es herrscht sicher kein ideologischer Zwang am ZfA, aber die hier kritisierten inhaltlichen Tendenzen maßgeblicher Mitarbeiter schlagen sich leider auch in der Gestaltung der Lehre nieder. Dies trifft bei der Studentenschaft sowohl auf kritiklose Zustimmung als auch auf vehementen Widerspruch. Wer Hoffnungen in eine unabhängige Antisemitismusforschung abseits des ZfA haben möchte, findet sie womöglich in Trier oder Aachen. In Trier etabliert sich seit einiger Zeit eine Initiative von Nachwuchswissenschaftlern, die sich ohne Verharmlosungen den drängenden Themen der zeitgenössischen Antisemitismusforschung widmen. In Aachen wurde 2020 mit dem Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien eine Forschungseinrichtung gegründet, deren dezidierter Anspruch es ist, die ausgesparten Themen zu berücksichtigen und in die deutsche Diskussion zu bringen.

Falls sich – hypothetisch – die Organisatorinnen der Hijacking-Memory-Konferenz für eine Wiederholung bzw. Fortsetzung ihrer Veranstaltung entscheiden sollten, bleibt stark zu bezweifeln, dass auch linke Instrumentalisierungen des Holocausts wie der eingangs erwähnte antizionistische Hijacking-Versuch des Gedenkens in Moabit aufgearbeitet werden wird. 

Die zwei kritischen Historiker der vergangenen Konferenz, Grabowski und Gebert, fordern deshalb auch »über eine Konferenz nachzudenken, die sich mit dem Missbrauch des Shoah-Gedenkens von links befasst«. Die notwendige Debatte über Antisemitismus im Kunst- und Akademie-Betrieb wird so lange nicht zu einem befriedigenden Ende kommen können, solange diese Bereiche weiter von den hier vorgestellten Akteuren und ihrem Verständnis des Verhältnisses von Antisemitismus und Rassismus geprägt und dominiert werden, das auf die Abwehr einer konsequenten Antisemitismuskritik hinausläuft.

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