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Hotel Stalingrad – Israels Rettung 1948. Teil 5: Liebesgrüße aus Moskau

Fürsprecher Israels: Der sowjetische Vertreter Andrei Gromyko, bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat
Fürsprecher Israels: Der sowjetische Vertreter Andrei Gromyko, bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat (Quelle: UN News)

Ausgerechnet Stalins Sowjetunion wurde 1947 zu Israels wichtigstem Fürsprecher bei der UNO. Im August 1947 beschlossen die Ostblockstaaten in Warschau, den im Entstehen begriffenen jüdischen Staat auch materiell zu unterstützen. Doch die Freundschaft währte nicht lange.

Am 18. Februar 1947 gab der britische Außenminister Ernest Bevin bekannt, Großbritannien beabsichtige, das Palästina-Mandat, das es 1920 vom Völkerbund erhalten hatte, an die Vereinten Nationen zurückzugeben. Im Klartext: Die Briten würden abziehen. Drei Monate später, am 14. Mai 1947, hielt Andrei Gromyko, der sowjetische Vertreter im UN-Sicherheitsrat, eine Rede, die zu einem flammenden Appell für die Gründung eines jüdischen Staates wurde:

»Die Erfahrungen der Vergangenheit, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, zeigen, dass kein westeuropäischer Staat in der Lage war, dem jüdischen Volk bei der Verteidigung seiner Rechte und seiner Existenz gegen die Gewalt der Hitleristen und ihrer Verbündeten angemessen zu helfen. Dies ist eine unangenehme Tatsache, aber leider muss sie, wie alle anderen Tatsachen auch, zugegeben werden. … [Diese Tatsache] erklärt die Bestrebungen der Juden, einen eigenen Staat zu gründen. Es wäre ungerecht, dies nicht zu berücksichtigen und dem jüdischen Volk das Recht abzusprechen, dieses Bestreben zu verwirklichen.«

Einen Tag später, am 15. Mai 1947, setzte die UN-Generalversammlung auf Vorschlag Großbritanniens das Untersuchungskomitee UNSCOP ein, das die Ursachen der Gewalt in Palästina vor Ort ergründen und einen Lösungsvorschlag erarbeiten sollte, der beide Seiten zufriedenstellen konnte. Daraus entstand der spätere Teilungsplan. Abba Eban, Kontaktperson der Jewish Agency bei den Vereinten Nationen in New York, konnte es kaum fassen:

»Nichts hatte uns auf diesen Glücksfall vorbereitet. … Moskau kehrte seine traditionelle Haltung um und schlug die Option eines jüdischen Staates vor. Ich war mit pessimistischen Annahmen über das Gleichgewicht der Kräfte zu den Vereinten Nationen gekommen; nun revidierte ich meine Vorhersagen. … Zum ersten Mal wurde unser politischer Himmel mit einem Hoffnungsschimmer erhellt. Man brauchte kein romantischer Optimist mehr zu sein, um einen zionistischen Erfolg vorauszusehen. Gromyko war ein zionistischer Held geworden.«

Kurze Periode

Im August 1947 trafen Vertreter von kommunistischen Parteien und der Ostblockstaaten in Warschau zusammen und erklärten, einen jüdischen Staat politisch und materiell unterstützen zu wollen. Die UdSSR selbst lieferte aus Rücksicht auf ihre Stellung in der muslimischen Welt keine Waffen nach Israel. Doch Stalin gestattete der im sowjetischen Einflussbereich befindlichen Tschechoslowakei, solche Geschäfte zu machen. 

Mehr noch: Die Regierung in Prag wurde von Moskau sogar dazu ermuntert, mehr für Israel zu tun, wie eine Geheimnote vom 5. Juni 1948 zeigt. Absender war Ivan Nikolaevich Bakulin, zwischen 1947 und 1949 Leiter der Nahostabteilung im sowjetischen Außenministerium. Gerichtet war die Nachricht an den stellvertretenden Außenminister Valerian Zorin. Bakulin hielt fest, »im Zusammenhang mit dem Bericht von Genosse Gromyko über die Bitte der Vertreter des Staates Israel, (Mordechai) Eliash und (David) Hacohen, die Hilfe an die Regierung Israels auszuweiten«, sei es ratsam, 

»die Tschechen und Jugoslawen vertraulich über unsere Botschafter in Prag und Belgrad darüber in Kenntnis zu setzen, dass es wünschenswert ist, den Vertretern des Staates Israel beim Kauf und dem Transport von Artillerie und Flugzeugen nach Palästina zu helfen, da die arabischen Länder trotz der Resolution des Sicherheitsrates, welche die Einfuhr von Waffen in diese Länder verbietet, alle Möglichkeiten haben, die erforderliche Menge an Waffen aus den britischen Depots und Stützpunkten in Transjordanien, Irak und Ägypten zu erhalten«.

Stalins Gründe

Die guten Beziehungen zwischen Stalin und dem Zionismus waren eine Episode, die nur wenige Jahre währte (später würde Gromyko als sowjetischer Außenminister »den Paradigmenwechsel vom Pro- zum Antizionismus« durchsetzen), die aber für Israel von entscheidender Bedeutung war. Welches Motiv hatte Stalin, in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre kurzzeitig der weltweit wichtigste Fürsprecher eines jüdischen Staates zu werden? 

Moskau wollte nicht selbst zu einem relevanten Akteur im Nahen Osten werden, sondern vor allem die Pläne der »Imperialisten« stören. Aus Sicht der Sowjetunion war 1945 klar, dass das Bündnis mit Großbritannien und den USA gegen Hitler mit Ende des Zweiten Weltkriegs beendet war. Nun waren diese Staaten wieder Feinde auf der Weltbühne – und zu dieser Bühne gehörte Palästina.

Die Sowjetunion strebte eine Änderung des Status quo an, um die Briten aus der Region zu verdrängen. Ohne Druck von außen, so sah man es in Moskau, würde Großbritannien entweder für immer in Palästina bleiben oder das Gebiet an seinen Vasallen Transjordanien übergeben. Ein Memorandum an Gromyko vom 13. April 1948, verfasst von Aleksandr Semioshkin, Gromykos Attaché in der Nahostabteilung des sowjetischen Außenministeriums und späterer Attaché der sowjetischen Legation in Israel, bringt diese Anschauung gut zum Ausdruck:

»Die ›neutrale‹ Position der Briten gegenüber der Palästinafrage kann ihre wahren Ziele nicht verbergen, die darin bestehen, die UN-Resolution zur Teilung zu zerstören, indem sie einen mörderischen Konflikt zwischen Arabern und Juden provozieren, um als dritte Kraft in Palästina zu bleiben, entweder allein oder zusammen mit den USA, oder aber Palästina an den König von Transjordanien zu übergeben, der es für die Briten halten würde. Die britische Polizei und Armee tun darum entweder nichts oder helfen insgeheim den Arabern bei ihrem Kampf gegen die Juden.«

Semioshkin hält auch fest, al-Ittihad, die Zeitung der Liga der Nationalen Befreiung (so der Name der arabischen Kommunisten in Palästina), habe über Fälle berichtet, bei denen Briten versucht hätten, die Araber gegen die Juden aufzuwiegeln. Daraufhin sei die Zeitung am 19. Januar 1948 von der britischen Administration geschlossen worden. Zudem kritisiert Semioshkin, dass der Abzug der Briten aus Palästina »kaum begonnen« habe, »obwohl seit der UN-Resolution über den schrittweisen Abzug der Mandatsstreitkräfte schon vier Monate verstrichen sind«. Die ersten Soldaten seien erst am 7. März abgezogen. Sein Fazit:

»1. Die Situation der Juden verschlechtert sich täglich, da sie nicht in der Lage sind, Hilfe in Form von Kämpfern und Waffen zu bekommen. Auch können ihre schweren Verluste in Anbetracht der geringen Zahl der jüdischen Bevölkerung in Palästina nicht wettgemacht werden.

2. Die Araber fühlen sich ermutigt durch die Hilfe, die sie von den arabischen Ländern und Großbritannien erhalten, und dadurch, dass die USA ihre Unterstützung für die UN-Resolution zurückgezogen haben. Sie haben systematische Angriffe auf jüdische Siedlungen begonnen und versuchen, das Gebiet ihrer Besatzung zu vergrößern und die Stadt Jerusalem zu erobern.

3. Die britische Verwaltung lässt den Arabern Hilfe zukommen und hindert die Juden daran, ihre eigene Verteidigung zu organisieren.«

Die ökonomischen und strategischen Ziele, die Großbritannien nach Ansicht des Kremls in Palästina verfolgte, waren auch Thema eines Memorandums mit dem Titel Die Palästinafrage vom 3. September 1949. Das Datum ist schon nahe am Ende der guten Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Zionismus. Das Dokument kann eher als eine politische Rückschau denn als Blick in die Zukunft gewertet werden. Die Autoren sind: der oben erwähnte Ivan Nikolaevich Bakukulin, Grigori Titovich Zaitsev, zwischen 1944 und 1945 stellvertretender Leiter der Nahostabteilung im sowjetischen Außenministerium, 1945 bis 1949 Gesandter der UdSSR im Irak, 1949 Leiter der Nahostabteilung im sowjetischen Außenministerium und Vladimir Gnedykh, Mitglied der sowjetischen Gesandtschaft in Kairo.

In dem Memorandum heißt es: »Die Palästinafrage spiegelt die sich vertiefende allgemeine Krise des kapitalistischen Systems und den Bankrott der Kolonialpolitik der imperialistischen Mächte wider.« Die »monopolistischen Gruppen« – damit sind die großen Ölkonzerne Großbritanniens und der USA gemeint – strebten nach den Ölfeldern des Nahen Ostens. Zudem trachteten London und Washington danach, den Nahen Osten zu einem strategischen und militärischen Brückenkopf gegen die Sowjetunion zu machen.

Der »palästinensischen Küste« komme dabei »enorme Bedeutung« zu, und zwar für den Transport des Öls aus dem Irak, das Betanken von Schiffen und den Funkverkehr.  »Der Verlust Palästinas ist darum ein schwerer Schlag für die britischen kolonialen Interessen im Nahen Osten. Die britischen und amerikanischen Imperialisten klammern sich daher an Palästina und verkomplizieren die Palästinafrage absichtlich.«

Es sei »wohlbekannt«, dass die »arabische Aggression in Palästina« von den Briten »provoziert« worden sei. Diese hätten die »nationalistischen Ziele« der Araber »instrumentalisiert« und die Araber «in einen Krieg gegen die Juden getrieben«.  Um einen sicheren Pipeline- und Kommunikationskorridor zwischen dem Irak und dem Mittelmeer zu schaffen, habe Großbritannien beabsichtigt, dass sein Verbündeter Transjordanien die arabischen Teile Palästinas einschließlich des Negev übernimmt. Als klar geworden sei, dass die anderen arabischen Staaten dem nicht zustimmen würden, habe London sich an die Arabische Liga gewandt und dieser vorgeschlagen, Palästina mit arabischen Einheiten zu besetzen.

Die Position der Vereinigten Staaten sei »uneinheitlich«: Die Ölkonzerne wollten das arabische Öl fördern, gleichzeitig müsse die Regierung aber Rücksicht auf »einflussreiche jüdische Finanzkreise« nehmen. Die einzige Großmacht, die hinter Israel stehe, sei die Sowjetunion: »Die sowjetischen Vertreter bei den Vereinten Nationen haben durchgängig die Resolution der UN-Generalversammlung verteidigt, und es ist nur dieser Standhaftigkeit und Entschlossenheit zu verdanken, dass es den britischen und amerikanischen Imperialisten nicht gelungen ist, der UNO ihre eigene Lösung des Problems aufzuzwingen.«

Die vom »britischen Imperialismus provozierte arabische Aggression« habe nun zu weiteren Problemen geführt, so die Autoren, darunter die Frage »der Grenzen des Staates Israel, des arabischen Teils Palästinas, der arabischen Flüchtlinge und ihrer sozialen Situation sowie des Friedens zwischen dem Staat Israel und den arabischen Ländern«. Aus Sicht der Sowjetunion lief die Sache noch gut: »Trotz all der Versuche der britischen und amerikanischen Imperialisten ist es ihnen nicht gelungen, die Gründung und Stärkung des Staates Israel zu verhindern, der Realität geworden ist, von 57 Staaten anerkannt wurde und bei der dritten Sitzung der Generalversammlung als Mitglied der UNO aufgenommen wurde.«

Stalins Abkehr

Auch nach der Gründung Israels blieb die Sowjetunion eine Zeitlang der wichtigste diplomatische Verbündete bei der UNO in New York. Im Juli 1948, als UN-Vermittler Graf Folke Bernadotte vorschlug, Israel solle den gesamten Negev an Transjordanien abtreten, riet Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow Stalin davon ab, da dies vier Fünftel des israelischen Territoriums in die Hände Transjordaniens – »das heißt, unter britische Kontrolle« – bringen würde. »Genosse Stalin stimmt zu«, schrieb Molotow auf das Dokument.

Auch wenn der spätere Bruch der israelisch-sowjetischen Freundschaft vor allem mit Stalins Paranoia zu tun hatte – hier sind das Zerwürfnis mit Tito und die damit zusammenhängende Kampagne gegen »Kosmopolitismus« zu nennen, die Ende 1948 begann und die vor allem Juden zum Ziel hatte –, gehört zum Gesamtbild zu erwähnen, dass es auch zu Zeiten der guten Beziehungen immer wiederkehrende Beschwerden gab, die sowjetische Vertreter gegenüber der israelischen Regierung vorbrachten und auch intern diskutiert wurden. Dazu gehört die Klage, dass es in israelischen Buchläden zu wenig sowjetische und zu viel »antisowjetische« Literatur gebe. Ab 1949 kam esauch immer mehr zu Beschwerden über »antisowjetische Verleumdungen« in israelischen Zeitungen.

Auch die Frage des zaristischen Grundbesitzes, der während des Ersten Weltkriegs vom Osmanischen Reich konfisziert wurde und den die Sowjetunion als Rechtsnachfolger des Zarenreichs zurückverlangte, zählte dazu. In einem Memorandum, das der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Ivan Samylovskii, am 20. Oktober 1945 an seinen Stellvertreter Vladimir Dekanozov schrieb, wird dieser Besitz auf fünfunddreißig Grundstücke Land beziffert, »die sich auf insgesamt zwei Quadratkilometer belaufen, zusammen mit den auf ihnen errichteten Gebäuden (Wohnanlagen, Hotels, Krankenhäuser, Kirchen usw.)«. Viele der Grundstücke, aber nicht alle, befanden sich in Jerusalem.

Am 7. Dezember 1949 verfasste Mikhail Popov, ein Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Tel Aviv, ein zwölfseitiges Memorandum über »antisowjetische Propaganda in der israelischen Presse«. Sowohl die Länge des Textes und die Vielzahl von Beispielen ist bemerkenswert als auch der scharfe Tonfall, der anzeigt, dass die Sowjetunion im Begriff war, sich von Israel abzuwenden. So schrieb Popov: »Die israelische Presse fördert systematisch antisowjetische Propaganda und veröffentlicht diffamierende Artikel über die Sowjetunion, ihre Außen- und Innenpolitik und die führenden Politiker der Sowjetunion«, und listete zahlreiche Vorwürfe auf.

In der »reaktionären israelischen Presse« sei zu lesen, dass die Sowjetunion nicht mit guten Beziehungen zufrieden sei, sondern »Gehorsam« verlange; Jugoslawien und »der verräterische Judas-Tito« (sic!) würden von einigen israelischen Zeitungen als sozialistische Vorbilder dargestellt, und es werde vereinzelt behauptet, die Sowjetunion plane einen Angriff auf Jugoslawien. Zudem werde die Vorstellung verbreitet, »der Kapitalismus sei stark und der Marshall-Plan keine Waffe des amerikanischen Imperialismus, um andere Länder zu versklaven, sondern bloß das Ergebnis der Verarmung und Erschöpfung Westeuropas«.

Über israelische Kommentare zur Lage der sowjetischen Juden äußerte sich Popov folgendermaßen: »Die reaktionären Zeitungen schreiben, dass die Lage der Juden in der UdSSR ›bedrohlich‹ sei, dass der Kampf gegen den Kosmopolitismus darauf abziele, die Menschen zum Antisemitismus anzustacheln, dass die Juden in der UdSSR dem Zionismus zugeneigt seien und die meisten von ihnen nach Israel auswandern würden, wenn man es ihnen erlaube.« Die »antisowjetische Propaganda« erreiche »ein besonders abscheuliches Maß in schmutzigen provokativen Angriffen und Verleumdungen«: »In den Zeitungen finden sich zahlreiche Verleumdungen und provokante Artikel, selbst über den Genossen Stalin. In Jom Jom vom 14. Juni 1949 heißt es, dass die Jury des Wettbewerbs für die beste Puschkin-Statue den ersten Preis an eine ›Statue Stalins beim Lesen eines Puschkin-Bandes‹ vergeben habe.«

In der Serie »Hotel Stalingrad – Israels Rettung 1948« erschienen:

Teil 1: Exodus
Teil 2: Bab el-Wad
Teil 3: Kyrus
Teil 4: Ad Halom
Teil 5: Liebesgrüße aus Moskau
Teil 6: Jan Masaryk
Teil 7: Operation Balak
Teil 8: Golda Meyerson in Amerika

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