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Israel: Woher kommen die illegalen Schusswaffen?

Bis zu 400.000 illegale Schusswaffen kursieren in Israel, der Großteil unter israelischen Arabern. (© imago images/Stefan Zeitz)
Bis zu 400.000 illegale Schusswaffen kursieren in Israel, der Großteil unter israelischen Arabern. (© imago images/Stefan Zeitz)

Die Zahl der Schusswaffenopfer unter Israels Arabern steigt dramatisch an. Eine der offenen Fragen: Woher kommen all die illegalen Waffen?

Am vergangenen Wochenende wurde erneut eine Schmuggeloperation vom Libanon nach Israel entdeckt. Dieses Mal gingen den israelischen Behörden nahe der Grenzstadt Metulla wesentlich mehr Drogen als Schusswaffen in die Fänge. Im Juli 2021 war das anders. Damals konnten 43 Handfeuerwaffen mit Munition sichergestellt werden, was angesichts der Lage im Land jedoch einem Tropfen im Meer gleicht.

Im Kampf gegen illegale Schusswaffen ist nicht nur wichtig, bereits kursierende Waffen einzusammeln, sondern auch Lieferquellen zu kennen, um den Nachschub zu unterbinden.

Vage Schätzungen

Israels Medien berichten noch kürzlich über zirka 400.000 kursierende illegale Schusswaffen, der weit überwiegende Teil von ihnen soll sich im Besitz israelischer Araber befinden. Unter den rund 600.000 über 16jährigen arabischen Männern wären solche Waffen somit sehr weit verbreitet.

Doch über präzise Zahlen verfügt niemand: Im Sommer 2021 gab Israels Polizei bei einer Knesset-Anhörung zu, keine verlässlichen Angaben machen zu können, was damit begründet wird, dass eine Waffe häufig von Hand zu Hand geht und bei einer Vielzahl von Verbrechen benutzt wird. Das erschwert die ohnehin schwierigen Schätzungen noch weiter.

Der Leiter der Abteilung für Verbrechenverhinderung, Polizeidirektor Yigal Ezra, wagte lediglich zu schätzen, dass man wohl eher von „10.000 und mehr“ auszugehen habe. Oft würden Waffen von Hand zu Hand weitergegeben, sodass ein und dieselbe Waffe gleich bei mehreren Verbrechen benutzt wird, was

Ruhiger Süden, unruhiger Norden

Vor zehn Jahren ersetzte Israel den verrosteten Grenzraum zum ägyptischen Sinai durch Hochsicherheitsanlagen. Dabei spielte der Flüchtlingsstrom aus Afrika eine Rolle, doch für Israel wie Ägypten kam ein weiterer Aspekt zum Tragen: Ein Ziel war auch, die seit Jahrzehnten etablierten Schmuggelaktivitäten zu unterbinden.

Das ist zwar gelungen, aber berücksichtigt man, dass laut Nachrichtendienstschätzungen alleine zwischen 2005 und 2008 nicht weniger als 250 Tonnen Sprengstoff, 1.800 Raketen und 4.000 Handgranatwerfer via Sinai-Halbinsel den Weg nach Gaza fanden, so darf man davon ausgehen, dass im Laufe der Jahre auch viele tausend, wenn nicht mehr Waffen nach Israel geschmuggelt wurden, die durchweg noch funktionstüchtig sein dürften.

Bezüglich der im Juli 2021 aus dem Libanon geschmuggelten 43 Schusswaffen muss man einen Schwarzmarktwert von rund 750.000 Euro ansetzten, den laut Israels Behörden mit großer Sicherheit die Hisbollah eingestrichen hat.

Angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage im Libanon geht man in Israel davon aus, dass die schiitische Terrororganisation, die zur Aufstockung der iranischen Förderung ein globales Netzwerk illegaler Machenschaften unterhält, den Schmuggel intensivieren wird. Israels Polizei musste außerdem zugeben, dass vom Libanon vermutlich sehr viel mehr Waffen eingeschmuggelt wurden, als die Sicherheitsdienste abfangen konnten. Im Verlauf des ersten Halbjahres stellten sie 120 Gewehre und Pistolen sicher.

Zonen-Hopping

Laut Beschluss eines zuständigen Knesset-Komitees wird die israelische Armee in Kooperation mit der Grenzpolizei auch an der 240 Kilometer langen Grenze zu Jordanien die Patrouillen verstärken. Das gilt ebenfalls für den Grenzverlauf des Westjordanlandes mit dem israelischen Kernland. Zum einen sind die Sperranlagen nur zu knapp 60% fertiggestellt, zum anderen weiß jeder Ortskundige, wie man trotz Zaun, streckenweiser Mauer und Kontrollpunkten ungehindert auf die andere Seite gelangen kann.

Bereits 2018 hielt Israels Staatskontrolleur fest, dass nicht nur der Schmuggel von Waffen aus Jordanien in die autonomen palästinensischen Gebiete, sondern auch die „palästinensische Eigenherstellung von Maschinenpistolen des Typs Carlo“ zugenommen hat, die vorwiegend Richtung Israel verkauft werden.

Die bereits damals empfohlene Vorgehensweise zur Unterbindung dieses Waffenschmuggels – eine verbesserte Koordination zwischen Polizei, Armee und Nachrichtendienst – wurde nicht umgesetzt. Angesichts der sich zuspitzenden Lage ordnete der zuständige Knesset-Ausschuss im Sommer 2021 an, dass dieser Schritt jetzt wirklich umgesetzt werden soll.

Die Bestände der israelischen Armee

2019 stellte der arabische Abgeordnete Ahmed Tibi die Behauptung auf, „90% aller Waffen in den Händen der arabischen Bürger Israels stammen aus Armeebeständen.“ Seit Jahrzehnten kennt Israels Armee die sogenannte „Mitnahme von Souvenirs“, und da nur wenige Araber in Israels Armee dienen, sind zumeist jüdische Soldaten dafür verantwortlich.

Zwischen 2017 und 2020 verschwanden bei den IDF 272 Schusswaffen, von denen nicht weniger als 232 ordnungsgemäß „als verloren“ gemeldet wurden, d.h. die involvierte Person war bekannt und musste sich in einem Ermittlungsverfahren verantworten.

Die meisten „Souvenirjäger“ schrecken aus schlechtem Gewissen und wohl auch aus zionistischem Patriotismus davor zurück, ihre entwendeten Waffen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Dennoch muss angenommen werden, dass auch Schusswaffen aus den Beständen der israelischen Armee in den arabischen Sektor gelangt sind, und nicht immer war die Zahl der entwendeten Schusswaffen so niedrig wie in den erwähnrten Jahren.

Letztlich können diese vergleichsweise wenigen Fälle aber nicht der wesentliche Grund für das Vorhandensein zigtausender illegaler Waffen unter Israels Arabern sein.

Vorbild Argentinien?

Vor einigen Wochen wurden Grenzkontrollen, die speziell nach illegalen Waffen suchen, verschärft. Unterdessen geht im Land die Suche nach illegalen Waffen weiter. Bei mehreren Razzien konnten bereits Dutzende Revolver, Gewehre und automatische Waffen konfisziert werden. Es scheint jedoch eine Sisyphusarbeit zu sein.

Daher möchte die Polizei ebenfalls auf anonyme Rückgabeaktionen ohne Strafverfolgung setzen, die sich speziell an die arabische Gesellschaft des Landes richten. Bislang erzielten mehrere Aufrufe jedoch kaum Ergebnisse.

Um eine straffreie Rückgabe illegaler Schusswaffen attraktiver zu machen, zieht Israels Regierung in Erwägung, dem argentinischen Beispiel zu folgen. Dort wurden bei einer einzigen Aktion zirka 100.000 Schusswaffen abgegeben, was auf das bestens erprobte BuyBackGun-Verfahren zurückzuführen ist. Wer in Israel rund 16.000 US-Dollar für eine Schnellfeuerwaffe gezahlt hat, wird aber wohl nur bei einer adäquaten finanziellen Entschädigung vorstellig werden.

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