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Was wird aus den Kibbuzim in Israels Süden? (Teil 2)

Bilder der Verwüstung im Kibbuz Afar Aza im Süden Israels
Bilder der Verwüstung im Kibbuz Afar Aza im Süden Israels (Imago Images / Belga)

Seit Wochen sitzen rund 70.000 Einwohner der Gaza-Grenzregion als Evakuierte in Hotels fest. Die Regierung meint, dass viele von ihnen schon im Januar 2024 zurückkehren können, was die meisten der Betroffenen jedoch bezweifeln.

Die Menschen, die dem Morden der Hamas-Terroristen am 7. Oktober entkamen, sind ebenso wie jene, die der Staat vorsichtshalber aus der Gaza-Grenzregion evakuierte, im ganzen Land verstreut. Sie sind Entwurzelte in ihrem eigenen Land, die seit Wochen unter großen Entbehrungen in Kibbuz-Gästehäusern oder Hotels leben.

Unter den 70.000 Evakuierten des israelischen Südens sind rund 30.000 Einwohner der Kleinstadt Sderot, die ebenfalls keine Ahnung haben, wie es weitergehen soll. Die Mehrheit der Evakuierten stellen jedoch Kibbuzniks, die ein anderes gemeinschaftliches Leben führen als Stadtbewohner, denn sie haben sich auf der Grundlage einer geteilten Vision zu eingeschworenen Gemeinden zusammengefunden. Viele der betroffenen fünfundzwanzig Kibbuzim blicken auf schwer beschädigte oder gar – wie beispielsweise Kfar Aza, Be´eri und Nir Oz – auf massiv zerstörte Ortschaften. Ganz zu schweigen von den Verlusten, die diese Gemeinden wegen der Ermordeten erlitten haben und den seelischen Folgen der Pogrom-Erlebnisse für die Überlebenden.

Die Sachlage vor Ort

Da ein Leben in beengten Hotelzimmern keine Lösung ist und die Betroffenen schon nach kurzer Zeit von diesem Stress noch mehr als ohnehin gezeichnet waren, sah sich rund ein Dutzend der betroffenen Kibbuzim frühzeitig nach Übergangslösungen um. Zwar rief Israels Regierung im letzten Drittel des Oktober eine Behörde für Wiederaufbau ins Leben, doch es dauerte, bis die Arbeit in Schwung kam und die Projektleiter den Kibbuzim bei Fragen der zukünftigen Unterbringung zur Seite sprangen.

Bezüglich des Wiederaufbaus stehen sowohl die Gemeinschaften als auch deren Mitglieder vor schwierigen Fragen. Will man überhaupt in die Region zurückkehren? Eine Grundvoraussetzung für eine mögliche Rückkehr ist die Forderung nach der Gewährleistung der Sicherheit.

Gegenwärtig ist die Region militärisches Sperrgebiet. Doch selbst wenn die Ortschaften uneingeschränkt zugänglich wären, würde man aktuelle keine Reparatur- geschweige denn Bauarbeiten durchführen können, da fast im ganzen Land die Baubranche zum Erliegen gekommen ist. Es fehlen sowohl die palästinensischen Arbeitskräfte, die Israel bisher nicht wieder ins Land lässt, als auch die ausländischen Gastarbeiter, die beim Übergriff der Hamas auf Israels Süden einen hohen Blutzoll bezahlten und auf Anraten ihrer Regierungen mehrheitlich das Land verlassen haben.

Für eine Rückkehr müssten zudem wieder Dienstleistungen wie beispielsweise das Gesundheits- und Bildungswesen funktionieren. Auch diese Sektoren liegen in der ganzen Region brach: Sderot etwa wurde zu einer wahren Geisterstadt, in der man noch nicht einmal Lebensmittel kaufen kann.

Erste Übergangslösungen

Israels Verteidigungsminister Yoav Gallant ist der Ansicht, dass viele Kibbuzniks schon im Januar 2024 zurückkehren könnten. Realistischer scheint die Einschätzung von Benny Gantz, der sich mit seiner Partei der Regierungskoalition angeschlossen hat, um ein temporäres Kriegskabinett zu bilden. Gantz geht davon aus, dass die Mehrheit mit einem Jahr Wartezeit rechnen muss.

Potenziell betrifft das im Süden maximal 40.000 Einwohner der Kibbuzim. Es sind manchmal noch in Grundzügen kollektiv geprägte Kibbuzim, bei einigen handelt es sich auch um Mischgemeinschaften von Kibbuz-Mitgliedern und Zugezogenen, die nicht diesen einstmals sozialistischen und heute immer noch basisdemokratischen Gemeinschaften angehören, aber dennoch dazugehören, weil man beispielsweise durch ein gemeinschaftliches Kulturbudget miteinander verbunden ist.

Gerade jene Kibbuzim, die besonders stark zerstört sind, haben sich als erste um Übergangslösungen bemüht, denn es war klar, dass ihnen längere Wiederaufbauphasen bevorstehen.

Der Kibbuz Be´eri wird daher im Kibbuz Hatzerin bei Be´er Sheva ein temporär aufgebautes Viertel beziehen. Das ursprüngliche Angebot, geschlossen nach Jerusalem zu ziehen, erachteten die Kibbuzniks als Ende ihres ländlich geprägten Kollektivlebens. Der Kibbuz Kfar Aza wird teilweise im Kibbuz Shefayim verbleiben, der dessen Bewohner sofort nach ihrer Rettung aufgenommen hat. Weitere Mitglieder werden in den Kibbuzim Beit Kama und Ruchama im Süden des Landes aufgenommen. Der um ein gutes Viertel geschrumpfte Kibbuz Nir Oz hingegen hat einen Fünfjahresvertrag für Wohnungen in einem Neubauprojekt in der Stadt Kiryat Gat am Rand der Negev-Wüste abgeschlossen.

Insgesamt haben sich mehr oder weniger 14 der 25 evakuierten Kibbuzim für diverse Zwischenlösungen entschieden. Egal, ob sie in anderen Kibbuzim, in kooperativen Dörfern oder Städten unterkommen werden, bedeutet dieser Schritt weitere große Veränderungen und tiefgreifende Einschnitte in das Gemeinschaftsleben. Nicht wenige Familien werden zwar von beengten Hotelzimmern in Karawane umziehen können, die zumindest ermöglichen, wieder eigene Mahlzeiten zu kochen, aber schwerlich Privatsphäre für Ehepaare und Kinder – durchschnittlich zumeist zwei bis drei – bieten werden.

Regierungspläne

Wie in fast allen Bereichen der Notlage, die sich durch den Hamas-Überfall auftat, dümpelten die Regierungsbehörden auch bezüglich der Fragen des Wiederaufbaus der Gaza-Grenzregion zunächst vor sich hin. Wenigstens eine Entscheidung fiel schnell und ohne Komplikationen: Die Grenzregion zum Gazastreifen wird zukünftig nicht mehr, wie man auf Hebräisch sagt, Otef Aza, sondern Hevel HaTekuma heißen, die Region der Auferstehung. Zudem erklärte die Regierung dieses Gebiet zur nationalen Priorität bezüglich der Bezuschussung von Bauvorhaben.

Darüber hinaus nahmen die Betroffenen wohlwollend wahr, dass die Regierung zumindest in einer weiteren Angelegenheit zeigte, auf die veränderte Sachlage flexibel reagieren zu können. Anfang Februar 2023 beschloss die Regierung, eine neue gemeinschaftliche Ansiedlung in der südlichen Grenzregion aufzubauen, der bereits der Name Hanun gegeben wurde. Ende November entschied die Regierung nun, dass dieser Name in Ofir geändert wird, um Ofir Libstein zu gedenken, dem bei der Verteidigung seines Kibbuz Kfar Aza gefallenen Landrat der Regionalverwaltung Sha´ar HaNegev. Sogar eine Grundsteinlegung fand bereits statt.

Da der Wiederaufbau jedoch staatliche Gelder erfordert, sorgt die Verteilung der Koalitionsgelder für großen Unmut. Unter der Federführung von Finanzminister Bezalel Smotrich verteilt die Regierung nämlich vor Jahresende munter Koalitionsgelder. Dabei steht keineswegs die Notlage infolge des mit inzwischen fast siebzig Tagen längsten Kriegs in der Geschichte Israels im Vordergrund, sondern ideologische Zielsetzungen.

Zwar wurden Pläne zum Wiederaufbau der israelischen Grenzregion zu Gaza bereits Ende Oktober vorgelegt, doch bis Mitte Dezember gibt es lediglich schriftliche Zusagen, denen es an Verpflichtungen für die operative Umsetzung wie an klaren Aussagen fehlt, woher denn die vom Staat zugebilligten 4,5 Milliarden Euro für den Wiederaufbau eigentlich kommen sollen. Die Landräte der betroffenen Regionalverwaltungen sind wieder einmal enttäuscht und gehen bereits auf die Barrikaden.

Zaghafte Anfänge im Do-it-Yourself-Stil

Die staatlichen Hilfsleistungen für die Evakuierten fallen nach wie vor knapp aus. Die Regierung hat bislang noch keinen einzigen Schekel für den Wiederaufbau der südlichen Grenzregion locker gemacht. Es heißt folglich also, wie so oft in Israel, die Ärmel hochkrempeln und sich eigenhändig daran machen, etwas zu bewegen. Unzählige Kibbuzim rufen über Internetportale zu Spenden für den Wiederaufbau auf und haben mittlerweile zwar teils ansehnliche Summen zusammengetragen, die letztlich aber der berühmte Tropfen auf den heißen Stein sind.

Nichtsdestotrotz, die Menschen, die in besonderem Ausmaß unter dem Hamas-Überfall zu leiden hatten und deren Entbehrungen weiter anhalten, begannen kaum zwei Monate nach diesem Einschnitt vor Ort in die Hände zu spucken.

Es gibt viele Beispiele, doch gerade der massiv betroffene Kibbuz Be´eri setzte sich an die Spitze dieser Aktivitäten, die zugleich ein Zeichen für die ganze Nation sind. Während man die Moral der israelischen Gesellschaft stärken will, sollen zudem die Feinde Israels wissen: Ihr bekommt uns nicht klein, wir waren Pioniere beim Aufbau des Landes – und genauso machen wir weiter.

So begannen Mitglieder des Kibbuz Be´eri trotz Raketen und Kampfhandlungen in der Nähe ihrer Felder mit der Getreideaussaat, um die nächste Ernte zu sichern. Auch der wichtigste Betrieb dieses Kibbuz, Be´eri Printing Press, der glücklicherweise nicht beschädigt wurde, fuhr die Maschinen wieder hoch und arbeitet inzwischen auf Hochtouren. Natürlich nicht nur für das wirtschaftliche Auskommen: Ein nicht geringer Prozentsatz des Profits geht an die Bring them home now-Kampagne der Familien der Geiseln.

Und da zur Stärkung der Widerstandskraft auch Kunst und Kultur gehören, machen die Aktivisten der Kunstgalerie Be´eri ebenfalls weiter, die im Zuge des Hamas-Überfalls zerstört wurde. Einige gerettete Kunstwerke kamen zeitweise in Museen im Zentrum des Landes unter. Die Be´eri-Künstler haben gemeinsam mit anderen längst damit angefangen, ihre Traumata in Kunstwerken zu verarbeiten und auszustellen; nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in den verbrannten Häusern ihres Kibbuz, der niemals wieder das sein wird, was er einmal war. Doch obwohl diese Seelen und Herzen gebrochen sind, eines scheint daran zu wachsen: die Widerstandskraft, wozu auch der Wiederaufbau längst nicht nur dieser Galerie gehören wird.

Teil 1 des Berichts finden Sie hier.

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