Was der türkische Krieg gegen die Kurden für den Westen bedeutet

„Die Schlacht um Afrin können westliche Regierungen nicht so leicht ignorieren wie das kurdische Unabhängigkeitsreferendum im Irak. Auf der unmittelbar taktischen Ebene sind die kampfgestählten Kurden bereits dabei, den im Auftrag der Türkei kämpfenden Streitkräften schwere Schäden zuzufügen. Werden die türkischen Streitkräfte erfolgreicher sein? Das ist unwahrscheinlich bzw. ein derartiger Erfolg würde sie wohl teuer zu stehen kommen. Das türkische Militär erholt sich noch vom gescheiterten Putsch gegen Präsident Erdoğan im Juli 2016. Sollten türkische Streitkräfte oder ihre Stellvertreter in Afrin in anhaltende blutige Kämpfe verwickelt werden, könnte es sein, dass die Bevölkerung, die Erdoğan selbst zu größerem Nationalismus und Kurdenhass aufgestachelt hat, seine Urteilskraft infrage stellt. Zudem könnten die Kurden in der Türkei sich einen Anstieg der kurdischen Militanz zunutze machen, um ihren eigenen Aufstand zu intensivieren. Eine solche Steigerung des kurdischen Nationalismus würde sich auch im Irak und im Iran bemerkbar machen. Ein Erfolg, ja selbst eine ehrenvolle Niederlage in Afrin könnte den Beginn einer umfassenderen kurdischen Revolte gegen ihre Gastländer und deren Verbündete einleiten.

Ein derartiger kurdischer Dominoeffekt könnte schwerwiegende und schwer vorhersehbare Folgen haben und möglicherweise sogar die Grenzen des Staatensystems im Nahen Osten infrage stellen. Es gibt noch einen anderen möglichen Dominoeffekt, der sich schon in Afrin abzeichnet und für den Westen von noch größerer Bedeutung ist: Er betriff den Zusammenhalt der NATO. (…) Bei den Ereignissen in Afrin geht es also keineswegs nur um die Zukunft der Kurden im Norden Syriens. Sie könnten die ganze Region – insbesondere die Türkei, den Irak und den Iran – transformieren und weitreichende Konsequenzen für den Westen in seiner Auseinandersetzung mit dem zunehmend einflussreichen, dynamischen und leistungsfähigen Russland haben. Es ist an der Zeit, dass der Westen sich endlich einer unbequemen Frage stellt: Was will er im Nahen Osten jenseits oberflächlicher Absichtserklärungen über die Förderung des Friedens, der Stabilität und der Demokratie erreichen? Zugegeben, es ist eine unvorstellbar schwierige Frage, aber sie muss beantwortet werden. Solange sie nicht beantwortet wird, werden die Ereignisse in Afrin und ihre möglichen Folgen weiterhin Konsequenzen nach sich ziehen, die nur den anderen Parteien zugutekommen.“ (Gareth Stansfield: „Turkey’s attack on Syrian Kurds could overturn the entire region“)

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