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Ruhe vor dem Sturm: Sommer in der Ägäis

Auf der Insel Telendos in der östlichen Ägäis. (© imago images/imagebroker)
Auf der Insel Telendos in der östlichen Ägäis. (© imago images/imagebroker)

Die Urlaubssaison in der Ägäis verläuft bisher ruhig. Lange wird das aber nicht halten: 2023 finden in der Türkei Präsidentschaftswahlen statt.

Burak Bekdil, Jewish News Syndicate

Im vergangenen Sommer war die Ägäis Schauplatz eines gefährlichen Tauziehens. Die Türkei und Griechenland gaben ein NAVTEX (Navigationstelex) nach dem anderen heraus. Ankara schickte ein Vermessungsschiff in den umstrittenen Festlandsockel, nur 6,5 Seemeilen vor der griechischen Insel Kastellorizo. Türkische Militärs deuteten an, dass die Türkei die Meerengen der Dardanellen und des Bosporus für griechische und griechisch-zyprische Schiffe sperren könnte. Und als ob das noch nicht genug wäre, ließ der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Juli 2020 Istanbuls monumentale griechisch-orthodoxe Kathedrale Hagia Sophia aus dem sechsten Jahrhundert in eine Moschee verwandeln.

Als sich die Situation zuspitzte, berief der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis seinen nationalen Sicherheitsrat ein. Eine Erklärung, die nach den Sitzungen abgegeben wurde, erinnerte an die Vorkriegszeit. „Wir sind in voller politischer und operativer Bereitschaft“, sagte Staatsminister George Gerapetritis im griechischen Staatsfernsehen. „Der größte Teil der Flotte ist bereit, überall dort eingesetzt zu werden, wo es notwendig ist.“ Bei einem gefährlichen Zwischenfall am 14. August 2020 kollidierten zwei Kriegsschiffe, die Fregatte Limnos der griechischen Marine und die TCG Kemalreis der Türkei, im östlichen Mittelmeer.

All diese türkisch-griechischen Spannungen in der Ägäis und im Mittelmeer bestärkten den seit einem Jahrhundert bestehenden türkischen Wunsch, einige der griechischen Inseln zurückzuerobern. Yeni Şafak, eine stark pro-Erdoğan ausgerichtete Zeitung, schlug vor, dass das türkische Militär auf 16 griechische Inseln einmarschieren sollte. (…)

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Im Sommer 2021 sind dagegen weniger Marineschiffe in der Ägäis unterwegs und die Spannungen sind (bisher) deutlich geringer.

Im Januar nahmen die Türkei und Griechenland die seit langem unterbrochenen Sondierungsgespräche über Gebietsansprüche im Mittelmeer wieder auf (Ankara und Athen führten von 2002 bis 2016 60 Gesprächsrunden). Es war nicht zu erwarten, dass die NATO-Verbündeten in ihrer 61. Gesprächsrunde auf wundersame Weise Frieden erreichen würden, aber die Tatsache, dass die Gespräche stattfinden, sollte zumindest eine weitere Eskalation verhindern.

Im Juni trafen sich Erdoğan und Mitsotakis in Brüssel am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen und des NATO-Jubiläumsgipfels mit dem Ziel, das Eis zu brechen und sich auf eine positive Agenda zu einigen. Ibrahim Kalın, Erdoğans Sprecher, und Eleni Sourani, Leiterin des diplomatischen Büros von Mitsotakis, werden die Gespräche in der Hoffnung führen, dass im Sommer weiterhin Ruhe herrscht.

Ein Beweggrund für beide Seiten ist die Notwendigkeit einer friedlichen Tourismussaison. Am 14. Juni erklärte der griechische Außenminister Nikos Dendias, dass Griechenland und die Türkei die Impfbescheinigungen der jeweils anderen Seite anerkennen würden. Beobachter der Tourismusbranche interpretierten dies als Aufhebung des langen Reiseverbots zwischen den beiden Ländern (die griechisch-türkische Grenze ist seit März 2020 bis auf wenige Ausnahmen weitgehend geschlossen). Einen Monat nach Dendias‘ Ankündigung sind die Seegrenzen zwischen der Türkei und Griechenland jedoch weiterhin geschlossen.

Als wie nachhaltig wird sich der friedliche Sommer erweisen? Für Erdoğan war der Hauptgrund, seine Aggressivität in der Ägäis zu zügeln, die Androhung härterer westlicher Sanktionen vor dem Hintergrund des anhaltenden wirtschaftlichen Abstiegs der Türkei. Er befürchtete – und befürchtet noch immer –, dass eine Verschärfung der derzeit milden Sanktionen der EU und der USA die kränkelnde türkische Wirtschaft verschlimmern und ihn schließlich das Präsidentenamt kosten könnte.

Angesichts der Inflation und der Zinssätze, die bereits nahe bei 20 Prozent liegen, der Arbeitslosigkeit, von der immer mehr Türken betroffen sind, und der Schließung Hunderttausender kleiner Unternehmen infolge der Pandemie bezeichnet Erdoğan den Präsidentschaftswahlkampf 2023 nervös als „eine existenzielle Entscheidung für die Türkei“.

Die Wahlen im Juni 2023 könnten bedeuten, dass der nächste Sommer an der Ägäis weniger ruhig sein könnte als der jetzige. Erdoğan hat gesagt, dass er seinen Wahlkampf im Jahr 2022 verstärken wird. Er ist so berechenbar, dass wir davon ausgehen können, dass er in der Regionalpolitik wieder zu seiner tyrannischen, aggressiven Art zurückkehren wird, um sich konservative und nationalistische Stimmen zu sichern. Griechenland könnte sich als bloß eines von mehreren Ländern erweisen, die es mit dem üblichen antiwestlichen, pro-osmanischen, revisionistischen Erdoğan zu tun bekommen, wenn sich die Spannungen im Wahlkampf nächstes Jahr aufheizen.

(Aus dem Artikel „How long will the Aegean Sea’s peaceful summer last?“, der beim Jewish News Syndicate erschienen ist. Übersetzung von Florian Markl.)

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