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Hagia Sophia als Moschee: Ein islamistischer Traum wird wahr

1453-2020: Islamisten stellen die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Reihe mit der Eroberung Konstantinopels
1453-2020: Islamisten verbinden die Umwidmung der Hagia Sophia mit der Eroberung Konstantinopels (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die alte Forderung der türkischen Islamisten ist am Freitag, den 24. Juli 2020 wahr geworden: Die Hagia Sophia – die Sophienkirche –, die per Dekret am 24. November 1934 durch den Staatsgründer der modernen Türkei Mustafa Kemal Atatürk von einer Moschee in ein Museum umgewandelt wurde, ist wieder eine islamische Gebetsstätte.

Zum eröffnenden Freitagsgebet strömten Tausende auf den Vorplatz, der Gebetsraum füllte sich mit geladenen prominenten Gästen, der türkische Staatspräsident rezitierte aus dem Koran, Allahu Akbar-Rufe begleiteten das Gebet.

Der Vorsitzende der türkischen Religionsbehörde DIYANET Ali Erbaş gab in seinen Eröffnungsworten sodann kund, was konsensuell Anklang finden dürfte: „Möge die Ayasofya-Moschee bis zum Tag der Abrechnung [des Jüngsten Gerichts, Anm. Mena-Watch] eine Moschee bleiben“. 

Wem gehört die Hagia Sophia?

Dabei besticht in diesem jüngsten Manöver des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der sich in seinem Dekret auf die jüngste Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts (Danıştay) vom 10. Juli bezog, weniger dessen Vehemenz, diesen alten Traum der türkischen Islamisten verwirklicht zu haben, als vielmehr der gegenwärtige Zeitpunkt dieses doch überraschend forschen Durchgreifens.

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So ist dem Beschluss des Obersten Verwaltungsgerichts unter anderem zu entnehmen, dass die Hagia Sophia, anders als bislang angenommen wurde, im Besitz des Eroberers von Konstantinopel Sultan Fatih sei.

Über diesen Umstand habe sich das Dekret des Staatsgründers 1934 hinweggesetzt, womit dem Beschwerdeführer – einem islamistischen Verein – vollinhaltlich recht gegeben wurde, obwohl in gleicher Sache das Gericht 2005 wie 2018 die Beschwerden als unzulässig verwarf. Dass durch diesen Verwaltungsakt nun osmanisches Besitzrecht nun als höherrangig bewertet wurde als das derzeit gültige bürgerliche Recht, ist ein bislang einmaliger Akt in der jüngeren Geschichte der Türkei.

Schließlich fehlt es der Millionenmetropole Istanbul mit über 3200 Moscheen nicht an islamischen Gebetsstätten. Insofern ist die Rückumwandlung der einstigen Sophienkirche – die nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 zunächst zu einer Moschee und 1934 dann zu einem Museum wurde – in eine Moschee ein symbolischer Triumph nicht nur über die orthodoxe Christenheit, sondern auch über den staatlich fixierten kemalistischen Laizismus selbst, der in den Gründungsjahren der Republik mit der Musealisierung der Hagia Sophia deutliche Akzente setzte.

Ein Triumphator

Und so griff der türkische Staatspräsident im Grunde die Entscheidung derjenigen Verwaltungsrichter auf, die er selbst ernannt hat.

Wer den politischen Werdegang Erdogans verfolgt, weiß, dass den türkischen Führer kaum etwas weniger in Anspannung versetzt hat, als das Bedürfnis in der Hagia Sophia dem Freitagsgebet beizuwohnen oder dort gar selbst zu predigen. So begleiten seinen politischen Werdegang wiederholte Forderungen nach der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, in regelmäßigen Abständen verlieh er seinem auch ganz persönlichen Wunsch Ausdruck.

Gleichwohl scheint er über die politischen Folgen eines solchen populistischen Aktionismus Bescheid zu wissen. Noch im Mai 2019 beklagte er sich über jene, die ihm vorhielten, der Umwandlung im Wege zu stehen. Ihnen entgegnete er mit dem Hinweis, dass die Gläubigen doch zunächst die Sultan Ahmet Moschee – eine der größten Moscheen Istanbuls – füllen sollten, ehe sie denn in der Hagia Sophia beten wollten.

Ein alter Traum wird wahr

Doch bislang blieb es allein bei Wunschoffenbarungen: Erdoğan baute sie in seine Reden ein, und es schien lange Zeit so, als seien seine Manöver der politischen Propaganda dienlicher, wenn politische Feinde dafür, dass sie– sei es real, sei es scheinbar – der Wunscherfüllung im Wege stünden angegriffen wurden. Seine Rhetorik war also dem Zweck nützlich, Führer und Volk zusammenzuschweißen. Denn wer gegen eine Moscheeeröffnung ist, macht sich in der Türkei verdächtig, ein Feind des Islams zu sein.

Doch Erdoğans alter Traum wird nun Wirklichkeit, nachdem in den vergangenen 18 Jahren alle Bastionen der säkularen Republik eingenommen wurden, sodass nunmehr sogar osmanisches Recht über bürgerliches gestellt wird.

Bereits der politische Ziehvater Necmettin Erbakan griff die Forderungen nach der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee – die es seit dem Übergang in das Mehrparteiensystem 1950 immer wieder gegeben hat – nach seinem 1969 über die Liste der Gerechtigkeitspartei (Adalet Partisi) von Süleyman Demirel erfolgten Einzug ins Parlament regelmäßig auf und besetzte verstärkt dieses Anathema der türkischen Rechten. Es fehlte aber über Jahrzehnte die Durchsetzungsmacht, doch heute kann Erdoğan frei von Beschränkungen und politischem Widerstand agieren, was dem Ziehvater einst verwehrt blieb.

Anders als allerdings immer wieder behauptet wird, stand die Hagia Sophia bereits in der Vergangenheit des Öfteren für kurze Zeit dem islamischen Gebet zur Verfügung. Erstmals beteten die Teilnehmer der Islamischen Konferenz 1970 in der Hagia Sophia. Eine Eröffnung als Moschee für nur wenige Wochen ermöglichte bereits der kemalistische, aber konservative Ministerpräsident Süleyman Demirel am Vorabend des Putsches vom 12. September 1980, als vier Tage zuvor islamische Gebete in der Hagia Sophia erlaubt wurden.

Die Putschisten von 1980, die den Weg in einen islamischen Kemalismus eröffneten, hoben zwar wenige Tage nach ihrem Putsch diese Erlaubnis auf, ebneten aber für den nunmehr folgenden islamistischen Durchmarsch staatsoffiziell den Weg durch eine Islamisierung von oben. Anstatt den türkischen Islamismus konsequent zu verfolgen integrierten sie ihn in den Staatsapparat und erfüllten nach und nach die Forderungen der Islamisten etwa nach verpflichtendem Islamunterricht, Moscheebauten und Imam-Hatip-Schulen.

Dass heute keinerlei Protest oder Widerstand gegen die Umwandlung erfolgt, hat folglich mit diesem integralen Etatismus der Kemalisten selbst zu tun, die jene, die sie einst fürchteten, überhaupt in die Apparate einließen.

Es überrascht daher kaum, dass in Folge einer Unterschriftensammlung – initiiert durch eine islamistische Schülervereinigung (Milli Türk Talebe Birliği) – im Jahre 1989 etwa eine Million Unterschriften gesammelt wurden, und dem Parlament am 03.01.1990 zur Entscheidung vorgelegt wurde, einen Gebetsraum in der Hagia Sophia zu errichten. Seitdem war mit der Eröffnung der Hünkâr Mahfili am 10.02.1991 das islamische Gebet möglich, wenn auch nicht das Freitagsgebet in der Masse vollzogen werden konnte.

Der letzte Trumpf wird ausgespielt

Dabei war der Kulturkampf um den größten Touristenmagnet Istanbuls – die Hagia Sophia – schon lange entbrannt, und lange Zeit galt sie als das sichtbare Symbol der säkularen Türkei schlechthin.

Jährliche Besucherzahlen von über 3,7 Millionen spülten nicht nur Eintrittsgelder in die Staatskasse, auch die Devisenreserven wurden dadurch aufgefüllt. Es überrascht daher, warum Erdoğan seinen letzten Trumpf ausgerechnet jetzt ausspielt: Schließlich sind alle islamistischen Wünsche erfüllt, doch ob seine Symbolpolitik die bereits jetzt deutlich spürbaren schweren Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise auffangen können wird, ist fraglich.

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