Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors

Nein, der Ukraine-Krieg folgt nicht dem »syrischen Drehbuch«

Städten in der Ukraine droht das Schicksal von Grosny. (© imago images/ZUMA Wire)
Städten in der Ukraine droht das Schicksal von Grosny. (© imago images/ZUMA Wire)

Auch wenn der Vergleich oft gezogen wird: Der russische Krieg gegen die Ukraine hat nur wenig mit der Intervention in Syrien gemein.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vor mehr als einem Monat ist immer wieder vom »syrischen Drehbuch« die Rede, dem die russische Armee folgen würde. Tatsächlich erinnern, wie Thomas von der Osten-Sacken hier bemerkte, die Luftaufnahmen des durch russisches Bombardement zerstörten Mariupol frappant an zahlreiche Orte in Syrien, die durch monatelangen russischen Beschuss in Ruinenhaufen verwandelt und deren Bevölkerung getötet oder in die Flucht getrieben wurde. »Die Taktiken und sogar einige der russischen Soldaten«, so zitierte er einen Bericht aus dem Guardian, »stammen direkt aus dem Bürgerkrieg in Syrien, in den Moskau 2015 zur Unterstützung von Präsident Baschar al-Assad eingetreten ist«.

Aleppo, Grosny, Kandahar

Die Terrorisierung der Bevölkerung durch das wahllose Bombardieren ziviler Wohnviertel ist in der Tat ein hervorstechendes Merkmal der russischen Kriegsführung, und die Parallelen zu syrischen Orten wie Ost-Ghouta oder Aleppo sind nicht zu übersehen. Und auch die Gewährung sogenannter »humanitärer Korridore«, mit denen die durch Luftschläge und Artilleriebeschuss zerstörten Städte entvölkert werden sollen, ist aus Syrien bestens bekannt.

Genauso gut wie von einem »syrischen Drehbuch« könnte man mit der ARD-Tagesschau auch von einem »Grosny-Szenario« sprechen und damit an die tschetschenische Hauptstadt erinnern, die in den beiden Tschetschenienkriegen von den Russen so massiv unter Beschuss genommen worden war, dass die Vereinten Nationen im Jahr 2002 Grosny als die am schwersten zerstörte Stadt der Welt bezeichneten. Zwischen 100.000 und 200.000 Zivilisten sind in diesen beiden Kriegen getötet worden.

Angesichts des rücksichtslosen Vorgehens der russischen Armee könnte man auch noch weiter in die Geschichte zurückgehen und an den sowjetischen Krieg in Afghanistan erinnern, in dem die Rote Armee die Zivilbevölkerung terrorisierte, um den Widerstand zu brechen. Millionen Landminen, manche von ihnen als Kinderspielzeug getarnt, machten ganze Landstriche unbewohnbar; Flächenbombardements legten Städte in Schutt und Asche, so etwa Kandahar, das zu 90 Prozent zerstört wurde. Am Ende des Krieges waren von zuvor 13 Millionen Afghanen rund eineinhalb Millionen getötet, fünf Millionen zur Flucht in die Nachbarländer getrieben und Millionen mehr intern vertrieben worden. Ein Afghanistanforscher charakterisierte das sowjetische Vorgehen als »migratory genocide«.

Wohin kehren die Leichensäcke heim?

Die offenkundigen Parallelen verdecken allerdings einen wesentlichen Unterschied der russischen Kriegsführung in Syrien auf der einen und in der Ukraine auf der anderen Seite. Bei seiner Intervention in Syrien hatte Moskau die Lehren aus vorangegangenen Kriegen gezogen: Statt eine große Anzahl eigener Soldaten in den Kampf zu schicken, beschränkte sich Russland im Wesentlichen auf Luftschläge, bei denen kaum ein Risiko für die eigenen Kräfte bestand, und auf beratende sowie ausbildende Tätigkeiten. Die blutige Drecksarbeit am Boden überließ man anderen: syrischen Milizen, der libanesischen Hisbollah, iranischen Einheiten, vom Iran aufgestellten schiitische Truppen und anderen.

Das schlug sich in den Zahlen nieder: Zwischen 2015 und 2018 sollen laut offiziellen russischen Angaben insgesamt rund 63.000 russische Soldaten in Syrien gewesen sein, doch vermittelt diese Gesamtzahl ein irreführendes Bild: Zu jedem bestimmten Zeitpunkt waren in Syrien jeweils nur wenige Tausende Russen stationiert, reguläre Soldaten sowie Mitglieder vorgeblich »privater« Einheiten (wie der berüchtigten »Gruppe Wagner«), die in Wahrheit freilich auch in russischem staatlichem Auftrag agieren.

Die vorsichtige russische Strategie schlug sich auch in den sehr geringen Opferzahlen nieder: Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte Russland zwischen dem Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime und Anfang 2020 insgesamt 264 gefallene »Soldaten und Söldner« zu beklagen. Zum Vergleich: In Afghanistan waren insgesamt rund 620.000 Soldaten der Roten Armee im Einsatz, über 14.000 davon wurden getötet und über 50.000 verletzt, von denen über 10.000 als Invalide heimkehrten.

Anna Borshchevskaya bringt den Unterschied in ihrer lesenswerten Studie über Putins Krieg in Syrien auf den Punkt: »Während des sowjetischen Krieges in Afghanistan kamen Tausende in Leichensäcken nach Hause, zusätzlich zu noch viel mehr verwundeten Soldaten. Das ist bei den russischen Operationen in Syrien nicht geschehen. Stattdessen wurde hier die große Zahl an Leichensäcken und verwundeten Soldaten nach Hause in den Iran geschickt.«

Schauplatz Ukraine

Der russische Krieg gegen die Ukraine hat in dieser Hinsicht kaum etwas mit der russischen Intervention in Syrien gemein, sehr viel im Gegensatz dazu aber mit den Kriegen in Tschetschenien und in Afghanistan zu tun. Vor rund zwei Wochen hatte Russland knapp unter 200.000 Soldaten in der Ukraine im Einsatz. Die Luftwaffe, Kern der Intervention in Syrien, ist gemäß der russischen Militärdoktrin wieder auf ihre herkömmliche Rolle reduziert, in der sie praktisch als eine Art luftgestützte Artillerie beim Beschuss ukrainischer Städte fungiert.

Entsprechend sehen auch die russischen Verlustzahlen aus: Nach den ersten vier Wochen des Krieges gegen die Ukraine schätzte die NATO die Zahl der getöteten Russen auf zwischen 7.000 und 15.000, insgesamt sollen bereits 30.000 bis 40.000 russische Soldaten getötet, verletzt oder gefangengenommen worden sein. Vor rund einer Woche war auf der Webseite der russischen Zeitung Komsomolskaya Pravda davon die Rede, dass laut Verteidigungsministerium bereits 10.000 russische Soldaten in der Ukraine gefallen und über 16.000 verwundet worden sein sollen. (Die Meldung verschwand so schnell wieder, wie sie erschienen war. Die Webseite, so hieß es, sei gehackt worden, die Zahlen seien falsch gewesen.)

Wenn dieses Zahlen auch nur einigermaßen stimmen, beläuft sich die russische Opferbilanz nach nur knapp einem Monat des Krieges gegen die Ukraine bereits auf fast zwei Drittel der Verlustbilanz der Roten Armee nach zehn Jahren des Krieges in Afghanistan. Mit dem viel bemühten »syrischen Drehbuch« hat das wenig zu tun.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Russland sich vermehrt bemüht, ausländische Kämpfer für den Krieg in der Ukraine zu rekrutieren, allen voran aus Tschetschenien und Syrien. Wenn die Operation schon gar nicht so verläuft, wie Russlands Präsident Wladimir Putin sich das vorgestellt hat, dann sollen die Leichensäcke wenigstens nicht weiter in so großer Zahl heim nach Russland geschickt werden.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren