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Ukraine-Krieg: Das syrische Drehbuch

Die ukrianische Stadt Mariupol nach russischen Angriffen
Die ukrianische Stadt Mariupol nach russischen Angriffen (© Imago Images / SNA)

Wladimir Putin setzt bei seinem Angriff auf die Ukraine quasi als Blaupause jene militärischen Mittel ein, die er schon seit Jahren in Syrien zur Unterstützung von Präsident Assad anwendet.

»Während russische Angriffe ukrainische Städte in Schutt und Asche legen und dabei Tausende von Zivilisten töten, verletzen und terrorisieren, werden Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg gezogen.

Aber es gibt einen viel jüngeren Präzedenzfall: Die Taktiken und sogar einige der russischen Soldaten stammen direkt aus dem Bürgerkrieg in Syrien, in den Moskau 2015 zur Unterstützung von Präsident Baschar al-Assad eingetreten ist.

Seitdem hat Russland einen brutalen, aber letztlich erfolgreichen Feldzug geführt und Assad geholfen, fast das gesamte Land aus den Händen der Rebellen zurückzuerobern. Dabei wurden ganze Städte verwüstet und bis zu 24.743 Zivilisten durch russische Angriffe getötet, so die Zivilschutzorganisation Airwars.

Vom Damaszener Vorort Ghouta bis zur großen Kultur- und Wirtschaftsmetropole Aleppo trafen russische Bomben Krankenhäuser, Schulen, Märkte und Schlangen von Menschen, die auf Brot warteten. Die russischen Flugzeuge trugen dazu bei, Belagerungen am Boden durchzusetzen, durch die Menschen zu verzweifelten, skelettähnlichen Hungergestalten wurden.

Und wenn Russland und die syrische Armee Fluchtwege versprachen, bombardierten und erschossen sie manchmal die Zivilisten, die zu fliehen versuchten.«

So beginnt ein Artikel im britischen Guardian, der vom »Syria Playbook« spricht, einem Begriff, der angesichts der Zerstörungen ukrainischer Städte, wahlloser Bombardierungen ziviler Einrichtungen und dem Aushungern der Zivilbevölkerung immer öfter fällt.

Auf dem Bild unten links ist Ost-Ghouta zu sehen, jener Vorort von Damaskus, in dem die syrische Armee im August 2013 Giftgas einsetzte, durch das mehr als 1.500 Menschen qualvoll zu Tode kamen. Trotzdem hielten Rebellen Ghouta noch mehrere Jahre. Durch den andauernden Artilleriebeschuss syrischer Streitkräfte und russische Bombenangriffe verwandelte sich der Ort, wie unzählige andere auch, irgendwann in einen Ruinenhaufen.

Ganz ähnlich sehen schon heute Satellitenaufnahmen (wie die oben rechts) des südukrainischen Mariupol aus, das, wie zu befürchten steht, ein ähnliches Schicksal erleiden wird wie so viele Orte und Städte in Syrien. Schließlich konnte die russische Armee jahrelang, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für den Kreml gehabt hätte, dermaßen in Syrien wüten, dass selbst die UNO von Kriegsverbrechen sprach. Damals wurde das Drehbuch entwickelt, das nun in Europa erneut Anwendung findet.

Syrische Kämpfer

Nur stehen diesmal den russischen Truppen nicht nur leicht bewaffnete Milizen ohne Luftabwehr entgegen, sondern eine von den USA in asymmetrischer Kriegsführung trainierte Armee mit vergleichsweise moderner Ausrüstung. Das wird ukrainische Städte und Zivilisten nicht vor den Bomben der russischen Flugzeuge und Geschütze retten, ändert aber doch die Regeln des Krieges.

Über zehntausend russische Soldaten sollen laut Angaben der NATO inzwischen gefallen sein, fast so viele wie im gesamten Afghanistan-Einsatz der Roten Armee ­– und dem Kreml geht der Nachschub aus.

Folgerichtig nur, dass er deshalb in Damaskus um Verstärkung angefragt hat. Nun sollen auch syrische Soldaten in die Ukraine verlegt werden. Angeblich sollen sich schon einige tausend gemeldet haben, wobei unklar ist, ob es sich bei solchen Meldungen nicht um syrische Propaganda handelt.

Einige werden jedenfalls verlegt werden, um dann an der Seite von russischen Truppen und tschetschenischen Milizionären in der Ukraine in einen Kampf zu ziehen, der zwar in seiner Brutalität an Syrien erinnert, doch handelt es sich bei den Ukrainern um einen ganz anderen Gegner.

Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Syrer dann wirklich als Kanonenfutter werden verheizen lassen oder nicht doch lieber versuchen, nach Polen zu gelangen, um dort einen Asylantrag zu stellen.

Folgen für Syrien

Derweil dürfte Baschar al-Assad, der als einer der ersten Staatschefs überhaupt Putin seine Unterstützung für den Krieg gegen die Ukraine zusicherte, mit Sorge verfolgen, wie dieser Angriff sich zunehmend in ein Desaster für den Kreml verwandelt. Nicht nur werden ihm jene Truppen fehlen, die nun Richtung Ukraine aufbrechen, auch hat die Türkei den Bosporus für das russische Militär gesperrt, was den Nachschub ins Mittelmeer nachhaltig erschwert.

Ausgerechnet zu einer Zeit, da der syrische Präsident eigentlich Grund zum Feiern hätte, wurde er doch erst kürzlich ganz offiziell in die Vereinigten Arabischen Emirate eingeladen – sein erster Staatsbesuch bei arabischen Kollegen seit über einer Dekade –, muss er nun fürchten, dass die Russen ihren Einsatz in Syrien vielleicht nicht wie bisher werden weiterführen können.

Und dann ist da noch die vom Ukraine-Krieg befeuerte Nahrungsmittelteuerung: Im Sommer wird der Weizen, ein Hauptnahrungsmittel in Syrien, wohl weltweit knapp werden. Für die völlig ausgepowerte Bevölkerung des Landes ein Horrorszenario, da sich die Mehrheit schon jetzt kaum die zum Überleben notwendigen Nahrungsmittel leisten kann.

Während sich also ukrainische Städte unter russischem Bombardement zunehmend in jene Ruinenlandschaften verwandeln, aus denen heute große Teile Syriens bestehen, könnte dieser Krieg für das Assad-Regime noch ganz unerwartete Folgen haben.

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