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Reportage über Impfung von Palästinensern: Einseitig, tendenziös, verzerrend

„STRG_F“ lässt in seiner Reportage zentrale Informationen unter den Tisch fallen
„STRG_F“ lässt in seiner Reportage zentrale Informationen unter den Tisch fallen (Quelle: Youtube, © Imago Images / ZUMA Wire)

Eine öffentlich-rechtliche Reportage kritisiert, dass Israel die Palästinenser nicht gegen Corona impfe. Dabei unterschlägt sie, dass dafür die Autonomiebehörde zuständig ist, die sich vom jüdischen Staat aber nicht helfen lassen will. Dadurch verdreht der Film die Wirklichkeit.

Immerhin 754.000 Abonnenten hat „STRG_F“ auf seinem YouTube-Kanal. Es ist ein öffentlich-rechtliches, also gebührenfinanziertes Format, der Name „steht für Suchen und Finden“, wie es dort heißt: er ist das entsprechende Tastaturkürzel auf Windows-Rechnern. „STRG_F“, das sei „eine Gruppe junger Reporter*innen, die subjektiv und nah über das berichten, was sie selbst bewegt“, ist in der Selbstdarstellung bei YouTube zu lesen.

Es gehe „um Politik, Kulturen, Bewegungen und Faszination für das Neue, Unbekannte“ sowie „um unsere Generation“. Dazu gehe man „dorthin, wo es etwas zu entdecken gibt“, man tauche ein und decke auf.

Einmal pro Woche gibt es eine neue Reportage, Anfang Mai wurde die Sendung „Ist Israel wirklich safe?“ online gestellt. Der Titel lautete ursprünglich, erkennbar plakativer und tendenziöser: „Israel geimpft, Palästina leidet“ – womit auch die Kernbotschaft des 33-minütigen Films umrissen ist, die von der Reporterin Alena Jabarine gleich zu Beginn noch einmal ausgesprochen wird. „In Israel scheint die Pandemie vorbei, in Palästina sterben sie weiter an Corona“, sagt sie, um dann zu fragen: „Sollte Israel nicht auch dort impfen? Wie effektiv ist Israels Impfstrategie?“

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Jabarine, Jahrgang 1985, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen; ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater arabischer Israeli. Sie besitzt sowohl die deutsche als auch die israelische Staatsbürgerschaft. Seit einigen Jahren arbeitet sie für den NDR, Anfang des Jahres 2020 begann sie zudem, für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah zu arbeiten.

Für die „STRG_F“-Reportage ist sie durch Israel und das Westjordanland gefahren und hat eingefangen, wie dort jeweils der Stand der Dinge im Hinblick auf die Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung ist.

Für die Reporterin steht fest: Israel ist schuld

Der Kontrast, den der Film zeigt, ist dabei groß: In Israel liegt die Impfquote bei 63 Prozent, in den palästinensischen Gebieten nur bei drei. Die Israelis feiern und drücken gegenüber der Reporterin ihre Erleichterung darüber aus, dass die Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht worden ist.

Die Palästinenser dagegen leiden unter dem Corona-Virus, es fehlt nicht nur an Impfstoff, sondern auch an medizinischen Möglichkeiten und Gerätschaften, an Schutzkleidung sowie an Testzentren. Die Pandemie lässt sich so weder effektiv bekämpfen, noch können alle Erkrankten angemessen versorgt werden.

Dass diese deprimierende Situation der Palästinenser die Schuld Israels ist, steht für Alena Jabarine fest: Weil der jüdische Staat die palästinensischen Gebiete besetzt halte, habe er auch für die Impfung der Palästinenser zu sorgen, was außerdem im israelischen Interesse sei.

Letzteres bestätigen ihr auch ihre israelischen Gesprächspartner, darunter Nadav Davidovich, einer der führenden Epidemiologen des Landes. Er sagt, Israelis und Palästinenser seien eine „epidemiologische Entität“, und durch eine ungeimpfte Gesellschaft steige die Gefahr von Varianten und Mutationen des Virus, gegen die der bisher eingesetzte Impfstoff unwirksam sei. Das könnte den Erfolg der israelischen Impfkampagne zunichtemachen.

Die rechtliche Lage wischt der Film einfach beiseite

Die Reportage zeigt, wie Palästinenser zum Arbeiten nach Israel kommen, wo sich die Menschen wieder weitgehend uneingeschränkt bewegen, während die beengten Wohnverhältnisse vor allem in den Flüchtlingslagern im Westjordanland kaum social distancing ermöglichen.

Während die Bewohner der israelischen Ortschaften im Westjordanland überwiegend geimpft sind, ist das bei der palästinensischen Bevölkerung kaum der Fall. Israel habe mehr Impfstoff bestellt als erforderlich, so Jabarine, gebe überschüssige Impfdosen aber nicht an die Palästinenser weiter.

Auch Amira Hass kommt zu Wort, eine linke israelische Journalistin, die für die Tageszeitung Haaretz als Korrespondentin tätig ist und in Ramallah lebt. Sie hält es für die Pflicht Israels, als Besatzungsmacht für die gesundheitliche Versorgung der palästinensischen Bevölkerung zu sorgen. Dass die Palästinenser nach den Oslo-Abkommen für ihre Gesundheit selbst verantwortlich sind, findet sie „absurd“: Israel kontrolliere die Bewegungsfreiheit, das Wasser und das Land der Palästinenser, also ihr Leben, dann müsse es sich auch um deren Impfung kümmern.

An dieser Stelle, zweieinhalb Minuten vor dem Ende des Films, wird die rechtliche Lage zumindest kurz erwähnt, aber durch Hass‘ Äußerung sofort wieder beiseite gewischt. Andernfalls hätte Alena Jabarine ihre Kernaussagen auch nicht aufrechterhalten können.

Denn im dritten Annex zum „Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen“ (oft auch „Oslo II“- Abkommen genannt) vom September 1995, das bis heute die Kompetenzverteilung zwischen Israel und den Palästinensern regelt, heißt es tatsächlich klipp und klar:

„Befugnisse und Zuständigkeiten im Bereich des Gesundheitswesens in der Westbank und im Gazastreifen werden auf die palästinensische Seite übertragen.“

Die palästinensische Seite will keinen Impfstoff von Israel

Wie Florian Markl unlängst festgehalten hat, unterscheidet Israel bei seinen eigenen Staatsbürgern nicht zwischen Juden und Arabern:

„Selbstverständlich werden die israelischen Araber im Rahmen der Impfkampagne gegen COVID-19 geimpft, genauso übrigens wie auch die arabischen Bewohner Ost-Jerusalems, die größtenteils nicht israelische Staatsbürger sind. Für die Bevölkerung des Gazastreifens und des Westjordanlandes ist Israel aber schlicht nicht zuständig.“

Bei der Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten und Pandemien sollten laut dem Interimsabkommen beide Seiten zusammenarbeiten. Eine solche Kooperation finde aktuell jedoch nicht statt, so Markl, und das „nicht etwa, weil Israel sie verweigern würde, sondern weil die palästinensische Führung sie nicht will“.

In der Tat hat sich die Autonomiebehörde nicht wegen der Beschaffung von Impfstoff gegen das Corona-Virus an die israelische Regierung gewandt, sondern vielmehr darauf bestanden, den Impfstoff selbst zu besorgen, etwa in Russland.

Der Wochenzeitung Jungle World sagte Yaser Bozia, der Direktor der Abteilung für öffentliche Gesundheit im palästinensischen Gesundheitsministerium, die Autonomiebehörde habe ihr eigenes, von Israel unabhängiges Gesundheitssystem, kümmere sich um die palästinensische Bevölkerung und wolle nicht, dass Israel seine Impfkampagne auf die Autonomiegebiete ausweitet.

Das hätte auch Alena Jabarine herausfinden können, wenn sie denn bei den zuständigen palästinensischen Stellen nachgefragt hätte. Doch offenbar hat sie sich nur an die andere Seite gewandt; zumindest sagt sie in der Reportage: „Gerne hätten wir mit einem Vertreter der israelischen Regierung ein Interview dazu geführt, um deren Argumente zu hören. Leider konnten wir keines bekommen.“

Jabarine thematisiert auch nicht die Beschwerde einer palästinensischen Menschenrechtsorganisation, die über Vetternwirtschaft bei der Verteilung des Corona-Impfstoffs im Westjordanland klagt. Demnach hat die Autonomiebehörde die Dosen bevorzugt an Freunde und Familienangehörige verteilt statt an das Gesundheitspersonal und die Risikogruppen.

Die Realität wird durch Auslassungen entscheidend verzerrt

In der Reportage von „STRG_F“ wird also weder erwähnt, dass die palästinensische Seite für die Impfungen zuständig ist und sich von Israel dabei gar nicht helfen lassen will, noch werden die palästinensischen Behörden mit kritischen Fragen konfrontiert.

Es sind Unterlassungen, durch die im Film die Realität wesentlich verzerrt wird. Das lässt darauf schließen, dass Jabarine und ihr Team ganz bewusst einen Beitrag produziert haben, in dem Israel als (Allein-)Schuldiger an der beklagenswerten Pandemiesituation im Westjordanland präsentiert wird. Und dabei sogar gegen sein eigenes Interesse handelt.

So wird einem überwiegend jungen Publikum in einem öffentlich-rechtlichen Format ein unvollständiges und an entscheidenden Stellen falsches Bild vermittelt. Journalistische Standards wurden nicht eingehalten, von der gewünschten Botschaft abweichende Stimmen nicht gehört.

Dass „STRG_F“ von sich selbst schreibt, die Reporterinnen und Reporter berichteten eben „subjektiv und nah über das, was sie selbst bewegt“, kann hier keine Rechtfertigung sein. Bei „Ist Israel wirklich safe?“ handelt es sich um einen tendenziösen Film, bei den sich der zuständige NDR fragen lassen muss, ob seine Qualitätskontrolle versagt oder ob er das Endprodukt tatsächlich so abgesegnet hat.

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