Mena-Exklusiv

„Die Berichterstattung ist sehr, sehr verdreht“

Mena-Watch-Autor Stefan Frank sprach mit dem Nahost- und Sicherheitsexperten und ehemaliger Sprecher der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) Arye Shalicar über die Strategie der Hamas und die Medienberichterstattung über die Raketen-Angriffe auf Israel.

Stefan Frank (SF): Die Hamas und der Islamische Dschihad haben seit gestern Nachmittag die Städte und Dörfer im Süden Israels mit Hunderten von Raketen bombardiert. Wie kam es zu der plötzlichen Eskalation der Gewalt, wo der Hamas doch erst wenige Tage zuvor mit israelischer Hilfe ein Koffer mit 15 Millionen Dollar des Emirs von Katar überbracht worden war, was viele als Zeichen der Entspannung werteten?

Arye Shalicar (AS): Es war, ganz allgemein gesprochen, nur eine Frage der Zeit, bis die Hamas das Feuer eröffnen würde, denn schon seit geraumer Zeit steht sie mit dem Rücken zur Wand. Sie hat nicht mehr den Zuspruch, die Unterstützung in der Region und schafft es nicht, das Gesicht zu wahren. Es war uns allen hier klar, dass das irgendwann kommen würde. Zum anderen hat die Hamas, wie man gehört hat, bei einem Zwischenfall im Gazastreifen etliche ihrer Terroristen verloren. Es ist ihr nicht gelungen, dabei einen israelischen Soldaten zu kidnappen oder zu töten und die Leiche zu behalten – das wäre ein Riesenerfolg für sie gewesen. Das hat sie nicht geschafft. Darüber hinaus war es für die Hamas demütigend, dass sie in der Region geschmäht wurde, als die Geschichte mit dem Geldkoffer bekannt wurde – das wirkte, als würde sie sich von den Kataris und Israelis kaufen lassen. Das mögen Terrorbandenchefs nicht und darum war klar, dass das mit so einer Situation enden könnte, wie wir sie jetzt haben.

(SF): Trägt Israel eine Mitverantwortung, weil es eine Spezialeinheit in den Gazastreifen entsandt hat, deren Auffliegen mit dem folgenden Schusswechsel und einem getöteten Hamasführer augenscheinlich die jüngste Kette von Ereignissen in Gang gesetzt hat?

(AS): Niemand weiß, was diese Spezialeinheit dort gemacht hat, weil die Armee das nicht bekannt gegeben hat. Was Leute sagen, sind Gerüchte, die man nicht ernst nehmen darf. Ich nehme an, dass es dort ein strategisches Ziel gab, das extrem wichtig war. Wenn du einer Terrororganisation gegenüberstehst, die aufrüstet, um dich eines Tages zu bekämpfen, dann findet natürlich auch eine Art Kriegsführung zwischen den Kriegen statt. In dem Fall ist es ans Licht gekommen, aber man muss sich vorstellen, dass es auch sonst zwischen den beiden Seiten permanent einen verdeckten Feueraustausch gibt, der immer wieder mal aufflammt, aber normalerweise nach ein, zwei Tagen wiedereingedämmt wird. In diesem Fall ist es so, dass die Hamas wirklich ihr Gesicht verloren hat und wahrscheinlich enormen Druck spürte, sich zu beweisen.

(SF): Um ihr Ansehen in der Region wiederherzustellen?

(AS): Ja, es geht hier viel darum, wie man dasteht, wie andere einen wahrnehmen. Wer wird als stark eingestuft? Das hat alles auch mit Psychologie zu tun, mit Respekt, mit Ehre. Es geht darum, ob man in Zukunft als ernsthafter Spieler wahrgenommen wird oder abgetan als schwache Organisation, die eigentlich nicht mehr mit am Tisch sitzen sollte. Ziele von israelischen Kommandoaktionen sind ausschließlich terroristische, militärische Einrichtungen. Die Hamas und der Islamische Dschihad hingegen schießen einfach wahllos Raketen und Mörsergranaten auf zivile Ziele. Es sind knapp 400 Raketen allein in den letzten 24 Stunden abgeschossen worden, die in Israel auch zu Toten und Verwundeten geführt haben. Wie zum Beispiel in Aschkelon, wo eine Rakete einen Menschen in seiner Wohnung getötet hat. Zudem hat die Hamas in der Nähe der Grenze einen Bus mit einer Rakete beschossen und in Brand gesetzt – einen Bus, das muss man sich mal vorstellen. Ein ziviler Bus, nicht ein militärischer, wurde von der Terrororganisation beschossen. Wie soll man darauf reagieren?

(SF): Welche Rolle spielt der Iran dabei?

 (AS): Das iranische Regime mit Quassem Suleimani, dem Kommandanten der Al-Quds-Einheit, ist die Hauptmacht, die hinter den Terrororganisationen im Gazastreifen steht und hat ein großes Interesse daran, dass diese uns beschießen. Das hat mit mehreren Dingen zu tun, aber insbesondere geht es auch darum, uns abzulenken von dem, was im Norden Israels passiert, wo, wie man weiß, die Iraner sehr aktiv sind, Raketen nach Syrien und in den Libanon liefern, Waffenfabriken bauen und vieles andere mehr. Zu diesem Zweck sind die Iraner bereit, Israel bis zum letzten Palästinenser zu beschießen.

(SF): Hat das auch was mit den neuen Sanktionen gegen die iranischen Ölausfuhren zu tun, die vor einigen Tagen in Kraft getreten sind?

(AS): Man kann darüber spekulieren; natürlich besteht eine gewisse Dynamik: Wenn Diktaturen und Terrororganisationen Druck verspüren, reagieren sie oft aggressiv, eben um nicht das Gesicht zu verlieren und sich selbst zu zeigen, dass man nicht aufgibt.

(SF): Spiegel online berichtete über eine „Eskalation“ – und meinte damit nicht die mehreren Hundert Raketen und Mörsergranaten auf israelische Zivilisten, die zu Toten und Verletzten geführt haben, sondern den nachfolgenden israelischen Angriff auf einen Fernsehsender der Hamas. Wie sehen Sie die deutsche Berichterstattung über die Situation?

(AS): Ich habe mich schon auf Facebook und Twitter über die deutschen Leitmedien wie Spiegel, aber auch die gestrige ARD-Tagesschau geäußert. Die Berichterstattung ist sehr, sehr verdreht. Immer wird Israel an erster Stelle erwähnt. Immer wirkt es so, als führe Israel eine Eskalation herbei. Immer liegt die Hauptbetonung auf palästinensischen Toten und nicht darauf, dass Hunderte von Raketen Hunderttausende Israelis in Angst und Schrecken versetzen.

Ein großes Problem habe ich auch damit, dass man, wenn man die Berichte in bestimmten Leitmedien wie dem Spiegel liest, kaum noch weiß, wer die Terroristen sind und welche Seite die Armee eines demokratischen Landes ist. Es wirkt so wie die Kämpfe in der Zeichentrickserie „Tom und Jerry“ – man weiß nicht mehr, wer der Böse und wer der Gute ist. Unterschwellig ist das eine Art von Terrorunterstützung: Der Terrorismus wird nicht klar beim Namen genannt. Es wird geschrieben: „palästinensische Opfer“, statt „palästinensische Terroraktivisten“. Man redet nicht von der Terrororganisation Hamas, sondern von der „Hamas-Organisation“. Das heißt: Terror wird relativiert, es wird so getan, als wäre die Hamas ein demokratischer Staat. Das passiert insbesondere in Medien wie dem Spiegel, aber auch in anderen. Das ist äußerst bedauerlich.

Arye Shalicar hat im September das Buch Der neu-deutsche Antisemit: Gehören Juden zu Deutschland? Eine persönliche Analyse veröffentlicht.

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