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In Afghanistan werden immer mehr Frauenrechtlerinnen verschleppt

Solidaritätsdemonstration in Toulouse mit Frauen in Afghanistan. (© imago images/NurPhoto)
Solidaritätsdemonstration in Toulouse mit Frauen in Afghanistan. (© imago images/NurPhoto)

Je länger die Taliban in Afghanistan am Ruder sind, umso rigider setzen sie die Scharia durch. Das trifft in erster Linie Frauen, die sich nicht unterwerfen wollen.

Längst ist es keine Schlagzeile mehr wert, wenn die Taliban in Afghanistan tun, was sie immer getan haben: ihre Auslegung der Scharia in Taten umsetzen. Immer schon hat das zuallererst die Frauen betroffen, deren Separierung und Entfernung aus der Öffentlichkeit den Taliban immer ein so wichtiges Anliegen war, dass sie es wie manisch verfolgten.

Natürlich wissen sie, dass ein paar Zugeständnisse, so halbherzig sie auch sein mögen, hilfreich wären und ihnen rascher so etwas wie internationale Anerkennung verschaffen könnten. Aber sie sind, wie jüngst Ellinor Zeino, die Programmleiterin für die Region Südwestasien der Konrad-Adenauer-Stiftung, in einer längeren Reportage hervorhob, in erster Linie Gesinnungstäter. Und so wie das iranische Regime nie Zugeständnisse machen wird, wenn es um das Kopftuch und die Ungleichbehandlung von Frauen geht, werden auch die Taliban sich da immer treu bleiben. Ohne diese Politik wären sie einfach nicht, was sie sind.

Das mag banal klingen, ist es aber nicht, denn genau an diesen Punkten zeigt sich, was Oppositionelle und Frauenrechtlerinnen immer schon gesagt haben: Die Taliban werden sich nicht ändern, alles Gerede über ein mögliches moderateres Verhalten und sanftere Reformen bleibt reine Augenwischerei.

Auf den hinteren Seiten der Zeitungen oder in regionalen Medien kann man gelegentlich noch lesen, wie die von den Taliban produzierte Hölle aussieht und was sie für die Betroffenen bedeutet. Vor wenigen Tagen kam es etwa erneut zu einer öffentlichen Steinigung:

»In der nordöstlichen afghanischen Provinz Badakhshan sind ein Mann und eine Frau zu Tode gesteinigt worden, weil sie eine illegale Beziehung hatten. Dies bestätigten zwei örtliche Taliban-Vertreter am Mittwoch. ,Sie haben gestanden, dass sie zwei bis drei Mal illegale Beziehungen hatten, in der sie es zwei- bis dreimal getan haben’, sagte ein örtlicher Taliban. Wie der Presseagentur dpa mitgeteilt wurde, seien die beiden vor einem Scharia-Gericht gesteinigt worden.

Muslimische Männer und Frauen dürfen der Scharia zufolge keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr haben. (…) Laut der Lokalzeitung Hasht-e Subh wurde die Steinigung am Montag im Nasri-Bezirk der Provinz öffentlich vollzogen.«

Trotz massiver Repression durch die Taliban kommt es immer wieder zu Protesten, vor allem Frauen wehren sich gegen das ihnen aufgezwungene Schicksal. Die Strafen folgen meist auf dem Fuße – nicht selten verschleppen die Taliban die Betroffenen und lassen sie verschwinden.

»Die zunehmenden Berichte über die Verhaftung und Entführung afghanischer Aktivistinnen werfen besorgniserregende Fragen über das Schicksal der Verschwundenen und der Frauenrechtsbewegung in dem vom Krieg zerrissenen Land auf. Letzte Woche wurden wieder zwei junge Frauen, die Zahnärztin Zahra Mohammadi und die Journalistin Mursal Ayar, von den Taliban aus ihren Wohnungen in der afghanischen Hauptstadt Kabul verschleppt, weil sie an Demonstrationen für Frauenrechte beteiligt gewesen waren.«

Der britischen TV- und Rundfunkanstalt BBC zufolge seien damit in den vergangenen Wochen bereits sechs Frauen verschwunden. Genaue Zahlen gebe es aber nicht, da nur wenig über diese Vorfälle berichtet wird. Informationen kommen meist nur von Familienangehörigen der Opfer, und auch diese schweigen oft, um sich und weitere Verwandte nicht in Gefahr zu bringen. Über die Lage außerhalb der Hauptstadt ist noch weniger bekannt. Sicher ist nur, dass angesichts des gewaltsamen Vorgehens gegen Frauenrechtsaktivistinnen die Angst riesengroß ist.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren uns, dass Regime, die von Gesinnungstätern getragen werden, im Laufe der Zeit nicht etwa moderater, sondern radikaler zu werden pflegen. Die Taliban sind jetzt ein knappes halbes Jahr wieder an der Macht, und alles deutet darauf hin, dass sie die Scharia immer rigider durchsetzen werden, je länger sie am Ruder sind.

Unterdessen verarmt das Land weiter. Laut den Vereinten Nationen soll mittlerweile über die Hälfte der Menschen an extremem Hunger leiden. Wer irgendwie kann, lässt Afghanistan hinter sich, auch wenn die Perspektiven im benachbarten Pakistan oder im Iran auch alles andere als rosig sind, und die beiden Länder alles versuchen, um ihre Grenzen gegen Flüchtlinge abzuschotten. Allein über eine Million Afghaninnen und Afghanen soll in den letzten Monaten in den Iran geflohen sein, obwohl sie wissen, dass ihnen dort Inhaftierung und Rückschiebung droht.

Wie es um das Leben der Afghanen in Pakistan bestellt ist, beschreibt das Außenpolitikmagazin Foreign Policy:

»Pakistan ist kein Unterzeichner der Flüchtlingskonvention von 1951 und verfügt über keine nationalen Asylgesetze. Afghanen ohne Papiere haben in Pakistan nur begrenzten Zugang zu Arbeit, Wohnraum und Bildung, und ohne rechtlichen Schutz sind sie Zielscheibe von Diskriminierung und Schikanen durch die Strafverfolgungsbehörden. Die wachsende flüchtlingsfeindliche Stimmung hat das Problem noch verschärft: Seit der Machtübernahme durch die Taliban haben einige Provinzen Strafen über Bewohner verhängt, die Afghanen Zuflucht bieten, obwohl internationale Organisationen Pakistan ermutigen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.«

Trotz der miserablen Lebensumstände im Iran und in Pakistan deutet nichts darauf hin, dass der Flüchtlingsstrom abebben dürfte, und wären die Grenzen zu den Nachbarländern Afghanistans nicht so gut gesichert, würden vermutlich noch weit mehr Menschen fliehen. Es sind dabei vor allem Gebildete aus der Mittelschicht, die gehen – schlechter Situierte können sich eine Flucht überhaupt nicht leisten. Das beschleunigt den ohnehin seit Jahren herrschenden Braindrain aus Afghanistan noch zusätzlich.

Die Verbliebenen sind nicht nur dem zunehmenden Hunger ausgeliefert, sondern vor allem den Taliban und ihren grausamen Überzeugungen davon, wie ein Allah gefälliges Dasein auszusehen hat.

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