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Türkei und die Emirate: Warum das plötzliche Tauwetter?

Symbolbild der Annäherung zwischen den Emiraten und der Türkei: Kronprinz Mohammed bin Zayed und Präsident Erdogan in Ankara im November 2021. (© <a href="http://www.imago-images.de">imago images</a>/Xinhua)
Symbolbild der Annäherung zwischen den Emiraten und der Türkei: Kronprinz Mohammed bin Zayed und Präsident Erdogan in Ankara im November 2021. (© <a href="http://www.imago-images.de">imago images</a>/Xinhua)

Jahrelang standen die Türkei und die Emirate in Konflikten der Region auf unterschiedlichen Seiten. Kann sich das rasch ändern?

Am vergangenen Montag besuchte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum ersten Mal seit fast zehn Jahren die Vereinigten Arabischen Emirate. Erdogan und Mohammed bin Zayed (MbZ), der Kronprinz von Abu Dhabi und stellvertretende Oberbefehlshaber der VAE-Streitkräfte, unterzeichneten bei ihrem Treffen dreizehn Abkommen.

Wie der offizielle türkische Sender TRT Arabi berichtete, waren darunter Verträge in den Bereichen Verteidigung, Gesundheit, Klimawandel, Industrie, Technologie, Kultur, Landwirtschaft, Handel, Wirtschaft, Land- und Seeverkehr sowie Kommunikation. Zu den unterzeichneten Abkommen gehörten auch eine Absichtserklärung über die Zusammenarbeit im Bereich der Investitionen und eine Absichtserklärung über die Aufnahme von Kooperationsgesprächen in der Verteidigungsindustrie.

Nach Jahren regionaler Rivalität hatten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und den VAE im letzten Sommer zu verbessern begonnen, als eine hochrangige emiratische Sicherheitsdelegation Ankara einen Besuch abstattete und ein unerwartetes Telefonat zwischen MbZ und Erdogan stattfand. Ende November letzten Jahres besuchte der Kronprinz dann Ankara – der erste Besuch auf solch hochrangiger Ebene seitens der VAE seit dem Jahr 2012. Im Zuge eines Treffens mit Präsident Erdogan wurden bereits einige Kooperationsabkommen zwischen den beiden Ländern vereinbart.

Der amerikanische TV-Sender CNN kommentierte die Annäherung zwischen den VAE und der Türkei in seiner arabischen Ausgabe mit den Worten, dass »die Geschwindigkeit der Veränderungen in der geopolitischen Landschaft des Nahen Ostens selbst die erfahrensten Beobachter der Region überraschen kann«.

Die laut CNN vielleicht überraschendste der regionalen Entwicklungen sei die Annäherung zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei. Die beiden Länder waren in den letzten zehn Jahren in fast allen Konflikten verfeindet und standen ideologisch an entgegengesetzten Enden, da die Türkei die Muslimbruderschaft in Ägypten, Libyen und anderswo unterstützte, während die Emirate dem politischen Islam feindlich gegenüberstehen.

Deshalb sagte beispielsweise der türkische Außenpolitikexperte Yusuf Erim: »Die Versöhnung, die ich angesichts der unterschiedlichen Probleme und Interessen für am wenigsten wahrscheinlich halte, ist die zwischen den VAE und der Türkei.«

Er gab aber auch zu bedenken: »Die Wirtschaft ist sehr, sehr wichtig für den türkischen Präsidenten. Eine schwache Wirtschaft vor den türkischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2023 ist etwas, das Erdogan nicht will.« Und er fügte hinzu: »Die Emiratis haben das Geld, um der türkischen Wirtschaft einen kräftigen Schub zu geben.«

Und tatsächlich beginnt das Geld zu fließen: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben einen Zehn-Milliarden-Dollar-Investitionsfonds für die Türkei genauso angekündigt wie ein Fünf-Milliarden-Dollar-Devisen-Swap-Abkommen zur Aufstockung der türkischen Devisenreserven.

Der Istanbuler Universitätsprofessor und Politikexperte Wessel Kurt gab in einem Artikel für die staatliche türkische Anadolu Agencyaber zu bedenken: »Unter den derzeitigen Umständen erklären viele die Annäherung zwischen den VAE und der Türkei mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Ankara durchmacht. Die wirtschaftliche Dimension ist natürlich für beide Länder wichtig, aber sie ist auch nicht der Hauptgrund für diese Annäherung.«

Er ist überzeugt, dass die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten sowie die Ablenkung der Vereinigten Staaten und Russlands mit anderen Krisen, allen voran die Ukraine, »einen Raum für Bewegung zwischen den Ländern der Region eröffnet« hätten. »Die Dynamik der Konflikte in der Region in den vergangenen Jahren hat allen Parteien fast keine Gewinne, dafür aber große Verluste gebracht. Das ist der Grund für die Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den regionalen Mächten im Nahen Osten.«

Auch wenn der politische Wille zu einer raschen Annäherung der Türkei und der Emirate zu bestehen scheint, sollte man Kurt zufolge nicht erwarten, dass alle Konflikte zwischen den beiden Ländern ausgeräumt werden können. »So kann beispielsweise der Streit zwischen Ankara und Abu Dhabi in der Libyen-Politik weitergehen, ohne dass dies die wirtschaftliche Zusammenarbeit beeinträchtigen muss.«

Der ägyptische Forscher Karim Saeed identifiziert drei Szenarien für die Zukunft des türkisch-emiratischen Verhältnisses. »Das erste Szenario ist eine Rückkehr zu normalen Beziehungen zwischen den VAE und der Türkei, getrieben davon, dass die Emirate einer der wichtigsten Märkte für türkische Produkte sind und die türkische Wirtschaft von emiratischen Investitionen profitieren kann.«

Im zweiten Szenario stehe im Vordergrund, die Spannungen zwischen den beiden Ländern im östlichen Mittelmeerraum und Libyen einigermaßen einzudämmen und zu managen, damit diese den wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Beziehungen nicht im Wege stehen. Das ist für Saeed die wahrscheinlichste Variante.

Im dritten möglichen Szenario blieben die bestehenden Spannungen der letzten Jahre erhalten und es würde keine Lösung der Streitigkeiten gefunden, insbesondere in Bezug auf das Horn von Afrika, die Kaukasusregion, Syrien und Libyen. Dann würden die aktuellen Annäherungsversuche kaum von Erfolg gekrönt werden können.

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