Wochenbericht, 9.1. bis 15.1.2012

Im Vergleich zur Vorwoche ist die auffälligste Entwicklung der Nahostberichterstattung der von MENA regelmäßig ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen der sprunghafte Anstieg der Gesamtzahl der veröffentlichten Beiträge von 183 auf 239 – eine Steigerung von knapp über dreißig Prozent. Wenig verändert hat sich dagegen im Hinblick auf die Länder, die die Berichterstattung dominierten.

Für den insgesamt doch massiven Anstieg der Gesamtzahl der Beiträge waren vor allem zwei Zeitungen verantwortlich. Im Vergleich zur Vorwoche wuchs die Zahl der im Standard veröffentlichten Artikel von 47 auf 65 (ein Plus von über 38 Prozent). Noch größer fiel der Sprung allerdings bei der Kleinen Zeitung aus: ein Zuwachs von 17 auf 37 bedeutet, dass hier mehr als doppelt so viele Beiträge über den Nahen Osten zu finden waren, als eine Woche zuvor.

Analysiert man diese Entwicklung der Kleinen Zeitung etwas genauer, wird rasch deutlich, dass eine größere Zahl veröffentlichter Beiträge bisweilen nicht viel über den tatsächlichen Umfang der Berichterstattung eines Mediums aussagt: Fast die Hälfte der im Vergleich zur Vorwoche zwanzig zusätzlich erschienenen Beiträge bestand aus Film- bzw. Fernsehtipps sowie einer Presseschau, die kurze Ausschnitte von Artikeln anderer Zeitungen über die aktuellen Entwicklungen in Syrien wiedergaben. (Kleine Zeitung, 12. Jan. 2012) Für den noch erklärungsbedürftigen Rest des Anstiegs waren vor allem Artikel verantwortlich, in denen der Irak erwähnt wurde. Nach nur einem Beitrag zum Irak in der Vorwoche fanden sich dieses Mal sieben. Doch nur zwei dieser sieben Artikel beschäftigten sich tatsächlich mit aktuellen Vorgängen im Land; in den restlichen fünf ging es um ein jetzt aufgetauchtes Video aus Afghanistan, in dem amerikanische Soldaten zu sehen sind, die afghanische Leichen schändeten. Im Zuge der Berichterstattung darüber wurde öfters auf die Bilder der Folter und der Erniedrigung aus dem Gefängnis von Abu Ghraib hingewiesen – also auf einen vergleichbaren Skandal im Irak, dessen Aufdeckung allerdings bereits acht Jahre zurück liegt. Der Anstieg der Gesamtzahl der in der Kleinen Zeitung veröffentlichten Beiträge über den Nahen Osten ging also, so lassen sich diese Ausführungen zusammenfassen, keineswegs mit einem vergleichbar großen substantiellen Anstieg der Berichterstattung einher.

Folgende Länder wurden in dieser Woche in den von MENA untersuchten Tageszeitungen am häufigsten genannt:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht - Jan15 2012 - Tab2

 Als Folge des Anstiegs der Gesamtzahl der veröffentlichten Beiträge sind auch die Zahlen der auf einzelne Länder bezogenen Artikel gestiegen; davon abgesehen sind nur geringfügige Änderungen zu bemerken.

Wie schon in der Vorwoche war auch dieses Mal der Iran das die mediale Aufmerksamkeit beherrschende Land. Vier verschiedene Themen standen hierbei im Mittelpunkt des Interesses. Erstens befand sich Präsident Achmadinejad auf einer Auslandsreise durch einige südamerikanische Länder, um ein paar der wenigen Länder einen Besuch abzustatten, die sich noch als Verbündete des islamistischen Regimes begreifen. Die Reise führte ihn also zu seinen „Amigos“ (Presse, 10. Jan. 2012) und vereinigte ihn mit dem Nicaraguaner Daniel Ortega und dem Venezolaner Hugo Chavez zu „(d)rei Präsidenten, einig gegen den Erzfeind USA“ (Standard, 12. Jan. 2012; Kronen Zeitung, 13. Jan. 2012). Die Stimmung dürfte ausgelassen gewesen sein, fanden Chavez und Achmadinejad doch sogar Zeit, um dumme Witzchen  über Atomwaffen zu machen, worüber man sich im Kreise derart ausgemachter Sympathieträger offenbar zu amüsieren beliebt. (Presse, 12. Jan. 2012)

Zweites großes Thema mit Iranbezug waren die Bemühungen des Westens um ein Ölembargo gegen den Iran. Aus der Europäischen Union wurde berichtet, man habe sich jetzt auf die Details geeinigt. Vermutlich am 23. Januar werden die EU-Außenminister den vereinbarten Boykott beschließen, der dann binnen sechs Monaten in Kraft gesetzt werden soll. Probleme könnten durch das Embargo für jene europäischen Länder entstehen, die jetzt schon arg mit wirtschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen haben. Im Gespräch ist deshalb eine Ausnahmeregelung für Italien, das, wie Spanien, etwa 13 Prozent seiner benötigten Rohölimporte (das entspricht rund sieben Prozent des iranischen Ölexportes) aus dem Iran deckt. Weitergehende Boykottmaßnahmen, wie Verschärfungen der Sanktionen im Finanzbereich, auf die innerhalb der EU vor allem Großbritannien und Frankreich drängen, scheinen vorerst am Widerstand Deutschlands zu scheitern. (Standard, 14./15. Jan. 2012) Dafür ist den USA gelungen, Japan zu einer drastischen Reduktion der Importe iranischen Öls zu bewegen, die bislang etwa zehn Prozent des japanischen Ölbedarfs deckten. (Presse, 13. Jan. 2012) Fortgesetzt wurde auch die Diskussion der Auswirkungen, die eine Blockade iranischer Ölexporte auf den Ölpreis und auf die heimische Wirtschaft haben könnte. (Standard, 14. Jan. 2012; Presse, 15. Jan. 2012)

Drittes wichtiges Thema der Iranberichterstattung war die weitere Eskalation militärischer Drohungen am Persischen Golf. Nachdem das Regime in Teheran angekündigt hatte, im Falle weiterer Boykottschritte mit der Straße von Hormus eine der wirtschaftlich wichtigsten Schifffahrtspassagen der Welt zu blockieren, ließen die USA dem obersten geistlichen Führer der iranischen Diktatur, Ali Khamenei, auf indirektem Wege eine äußerst direkte Warnung zukommen: Die Blockade der Straße von Hormus würde ein „rote Linie“ überschreiten und eine deutliche Reaktion der USA zur Folge haben. (Kleine Zeitung, 14. Jan. 2012; KURIER, 13. Jan. 2012; Presse, 14. Jan. 2012) Eher peinlich für das iranische Regime dürfte sein, dass ausgerechnet die Marine des „Großen Satans“ USA im Laufe der letzten Woche gleich zwei Mal iranische Seeleute aus der Hand von Piraten befreite. (Kronen Zeitung, 12. Jan. 2012)

Das vierte und sicherlich spektakulärste Thema im Hinblick auf den Iran war die Ermordung eines weiteren iranischen Wissenschaftlers, der am iranischen Atomprogramm mitwirkte: Mostafa Ahmadi Roshan kam in Teheran ums Leben, als eine per Magnet an seinem Auto befestigte Bombe explodierte. (Presse, 12. Jan. 2012; KURIER, 12. Jan. 2012) Das iranische Regime machte wie üblich Israel für dieses letzte in einer Reihe von Attentaten auf iranische Atomwissenschaftler in den letzten Jahren verantwortlich; einige österreichische Medien stimmten sogleich in den Chor ein und porträtierten den Mossad als einen ungeheuer mächtigen und effektiven Geheimdienst, auch wenn die von ihnen dafür aufgebotenen Belege mehr als dürftig ausfielen. (KURIER, 12. Jan. 2012; Kronen Zeitung, 13. Jan. 2012) Obwohl die Liste all jener, die hinter Angriffen auf das iranische Atomprogramm und seine Wissenschaftler stecken könnten, durchaus lang ist, und von westlichen über arabische Geheimdienste bis zu iranischen Oppositionellen reicht, sah sich Konrad Kramar im KURIER genötigt, für alle Fälle gleich einmal Israel einen Vortrag darüber zu halten, wie sich Demokratien zu verhalten hätten, und vor einer zunehmenden Unterstützung der iranischen Bevölkerung für ihre Führung zu warnen, „(j)e attraktiver sich das Feindbild Israel durch seine Politik macht“. („Ein gerechter Krieg?“, KURIER, 12. Jan. 2012)

An zweiter Stelle der häufigsten Nennung befand sich in dieser Woche Syrien, in dem der Feldzug gegen die Opposition mit unverminderter Härte weitergeht. Die Anwesenheit einer Beobachtermission der Arabischen Liga hat, sofern sie überhaupt einen Effekt auf die Lage vor Ort hat, eher zu einem noch schnelleren Ansteigen der Opferzahlen geführt. Einzelne Mitglieder haben sich mittlerweise aus der Beobachtergruppe zurückgezogen und erheben deutliche Anschuldigungen gegen das syrische Regime. (Standard, 13. Jan. 2012; Presse, 12. Jan. 2012) Dass Präsident Assad nach sieben Monaten wieder eine Rede über die Krise des Landes hielt, hat nichts zur Beruhigung der Lage beigetragen: Erneut fiel ihm nichts Besseres ein, als ein hartes Durchgreifen gegen „Terroristen“ anzukündigen und ausländische Mächte für die Wirrnisse verantwortlich zu machen. (Kronen Zeitung, 11. Jan. 2012; KURIER, 11. Jan. 2012; Presse, 11. Jan. 2012) Wenn Gudrun Harrer die bizarre Rede Assads unter der Überschrift: „Er kapiert es nicht“ kommentiert (Standard, 11. Jan. 2012), so ist ihr zwar zuzustimmen, man kann aber andererseits auch fragen: Gab es einen Grund, etwas anderes zu erwarten?

Vorherrschendes Thema bei Ägypten, das am dritthäufigsten in der Berichterstattung vorkam, war eindeutig das Ergebnis der Parlamentswahlen: Nachdem der Sieg der Islamisten noch deutlicher ausgefallen ist, als selbst nach den beiden Runden der Wahl prognostiziert worden war (Presse, 12. Jan. 2012), kehrt allmählich Ernüchterung in westliche Redaktionsstuben ein. Ein Teil der Medien, allen voran der ORF, versucht, das Desaster dadurch zu lindern, dass er die Moslembrüder bar jeglicher Evidenz kurzerhand zu „gemäßigten“ oder „moderaten“ Islamisten umlügt. Bei anderen Medien setzt sich hingegen die Erkenntnis durch, dass Ägypten unter einer Führung, die aus einer Art Pakt zwischen dem Militär und den Islamisten hervorgehen dürfte, eine alles andere als rosige Zukunft bevorsteht. (Kleine Zeitung, 9. Jan. 2012, Presse, 9. Jan. 2012) Selbst Karim el-Gawhary, der erst vor wenigen Wochen leicht säuerlich auf die Frage reagierte, ob die Erfolge der Islamisten jetzt aus dem „Arabischen Frühling“ einen „Arabischen Winter“ zu machen drohen – „Ich kann diesen Spruch nicht mehr hören“ (NEWS, Nr. 51/2011) – kann nicht mehr umhin, jetzt über den „Vormarsch der Salafisten“ zu berichten. (Presse, 9. Jan. 2012) Der angekündigte Rückzug der Kandidatur Mohamed ElBaradeis für die ägyptischen Präsidentschaftswahlen schließt ein Kapitel westlicher Illusionen: ElBaradei, zu Beginn der Demonstrationen vor einem Jahr noch Hoffnungsträger, wenn schon nicht der Ägypter, so doch zumindest westlicher Journalisten, mag seine Entscheidung mit dem nicht-demokratischen Charakter des post-revolutionären Ägypten begründen (Presse, 15. Jan. 2012; KURIER, 15. Jan. 2012), doch er kann nicht über den Faktor hinwegtäuschen, der tatsächlich ausschlaggebend gewesen sein dürfte: Er hätte bei den Wahlen nicht die geringste Chance, sich gegen einen von den Islamisten unterstützten Kandidaten durchzusetzen.


Folgende Beiträge sind im Laufe dieser Woche auf www.mena-watch.com erschienen:

Wochenbericht, 2.1. bis 8.1.2012.

Ein paar einfache Regeln. Über wenigen Regeln, die die profil-Journalistin Tessa Szyszkowitz befolgt, wenn sie über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichtet (10. Januar 2012).

Der allmächtige Mossad? Über die Ermordung eines iranischen Atomwissenschaftlers und die Mossad-Fantasien einiger österreichischer Journalisten (13. Januar 2012).

Entbehrlich bis zum Schluss. Blogeintrag über den Rückzug Mohammed Elbaradeis aus dem Rennen um die ägyptische Präsidentschaft (15. Januar 2012)

Die Krise der türkischen Wirtschaft. Missing Link über die wirtschaftlichen Probleme der Türkei, die hierzulande erst langsam zur Kenntnis genommen werden (11. Januar 2012).



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