WOCHENBERICHT, 25.3. BIS 31.3.2013

I. Allgemeiner Überblick

In der vergangenen sieben Tagen erschienen in den von MENA systematisch ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen insgesamt 224 Beiträge mit Bezügen zum Nahen Osten und/oder Nordafrika. Im Vergleich zu den 362 Beiträgen der Vorwoche bedeutet das einen Rückgang um rund ein Drittel:

Dabei standen folgende Länder im Fokus der medialen Berichterstattung:

Ein wenig anders gelagert war der geografische Fokus in der Berichterstattung des ORF: In den wichtigsten Fernseh- und Radionachrichtensendungen wurden insgesamt 49 relevante Beiträge gesendete, die sich vorrangig folgenden Ländern widmeten:

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es in einer recht unspektakulären Woche drei inhaltliche Schwerpunkte gab: die aktuellen Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg; den bevorstehenden Beginn des Prozesses gegen die Neonazi-Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ in München, bei dem es zu aufgeregten Diskussionen über nicht erteilte Platzreservierungen für Vertreter türkischer Medien kam (Salzburger Nachrichten, 28. März 2013; Presse, 28. März 2013); und natürlich das Osterfest, aus dessen Anlass sich die Medien, ähnlich wie in der Zeit rund um Weihnachten, gerne dem „Heiligen Land“ widmen.

Der eher ruhige Verlauf der vergangenen sieben Tage gibt uns die Möglichkeit, uns ein wenig ausführlicher mit zwei kurzen Berichten zu beschäftigen, die an sich nicht von besonderer Bedeutung sind, anhand derer sich aber ein paar immer wiederkehrende Muster der Nahostberichterstattung aufzeigen lassen: erstens mit einem ORF-Beitrag über die Ankündigung der Hackergruppe Anonymous, in einer konzertierten Aktion Israel aus dem Internet löschen zu wollen, andererseits mit einem kurzen profil-Beitrag, in dem Georg Hoffmann-Ostenhof Jassir Arafat allen Ernstes zum „Friedensengel“ erklärte.

II. Anonymous: Israel soll „aus dem Internet gelöscht werden“

Am vergangenen Donnerstag berichtete das ZiB-Magazin über eine von der Hackergruppe Anonymous angekündigte Aktion mit dem Namen „Operation Israel“. Seit Monaten würden die Hacker bereits ausgewählte israelische Webseiten lahmlegen, doch jetzt planen sie „ihr großes Finale: Am 7. April soll Israel aus dem Internet gelöscht werden.“ „Die israelische Regierung“, so wurde aus einer Erklärung von Anonymous zitiert, „ignoriert unsere Warnungen, dass Menschenrechte verletzt werden, indem sie das Internet sperren (sic!).“ In der Stellungnahme sei zu lesen: „Wenn eine Regierung das Internet abschaltet, schalten wir diese Regierung ab.“

Sie haben richtig gelesen: Aus Protest gegen staatliche Einschränkungen des Internetzugangs wollen die mutigen Anonymous-Aktivisten nicht etwa gegen Länder wie Nordkorea, China oder den Iran vorgehen, in denen diktatorische Regime das weltweite Netz zensurieren oder jeden Zugang dazu gleich ganz unterbinden, sondern gegen Israel – das Land, in dem ein nicht zu vernachlässigender Teil genau jener Computertechnologien entwickelt wurde, mit denen Anonymus es jetzt „aus dem Internet löschen“ will. Anstatt sich also mit Regimen anzulegen, die tagtäglich die Menschenrechte ihrer Bevölkerungen mit Füssen treten – die Liste ließe sich noch mühelos erweitern – wird zur Attacke gegen Israel geblasen.

Aber warum eigentlich? Die Aktion, so erfahren wir aus dem ORF-Bericht, sei eine Antwort auf „Pläne der israelischen Regierung, die Internetverbindung in den Gazastreifen zu kappen.“ Angeprangert wird Israel also nicht etwa, weil es die Rechte seiner eigenen Bürger einschränken würde, sondern weil es dem Gazastreifen – ein von der antisemitischen Terrorgruppe Hamas ‚regiertes‘ Gebiet – das Internet „kappen“ wolle. Willkommen in der Parallelwelt von Anonymous, in der es offenbar ein „Menschenrecht“ darauf gibt, von denen mit einem Internetzugang versorgt zu werden, denen man tagtäglich Tod und Verderben an den Hals wünscht! Wie wenig, soviel sei nur am Rande bemerkt, sich die islamistische Hamas um die Menschenrechte der Palästinenser im Gazastreifen schert, ist den selbsternannten Menschenrechtskämpfern von Anonymous offenbar nicht aufgefallen.

Laut ORF agiere „das führungslose Hacker-Kollektiv mit viel Pathos und popkulturellen Zitaten“, wie der „Anspielung“ auf das „umstrittene und noch dazu falsch übersetzte Zitat von Irans Präsidenten Mahmoud Achmadinejad, ‚Israel müsse von der Landkarte radiert werden‘“. In die vom ZiB-Magazin aufgewärmte Mär von der ‚Falschübersetzung‘ iranischer Vernichtungsdrohungen würden die Helden von Anonymous vermutlich einstimmen; dass Achmadinejads Hetze aber mittlerweile offenbar als popkulturelles Zitat gilt, ist doch gelinde gesagt bedenklich.

Die „Provokation“, zu der der Aufruf zur „Auslöschung“ des Israels verniedlicht wird, funktioniere: „Es hagelt Antisemitismus-Vorwürfe. Anonymus sieht sich falsch verstanden, distanziert sich klar von der Hamas und deklariert, es gehe um Menschenrechte, dazu gehöre auch das Recht auf Information.“ Wieder einmal können so genannte Israel-Kritiker es partout nicht verstehen, was daran antisemitisch sein soll, wenn man ankündigt, als einzigen Staat der Welt ausgerechnet den einzigen jüdischen „auslöschen“ zu wollen. So alltäglich ist das Ressentiment geworden, dass gar nicht mehr aufzufallen scheint, wie abstrus es ist, Israel wegen angeblicher Verletzungen des Rechts auf Meinungs- und Informationsfreiheit den virtuellen Vernichtungskrieg anzudrohen, gleichzeitig aber zu Staaten wie China, Nordkorea, dem Iran oder Syrien zu schweigen. Dass dem ZiB-Magazin diese offenkundige Verwendung doppelter Standards nicht aufgefallen ist, sollte uns nicht wundern. Schon die Anmoderation des Beitrags weckte den Verdacht einer gewissen Überforderung der Redaktion mit dem Thema – darin behauptete Gerhard Maier nämlich, Anonymous habe in den letzten Monaten bereits 700 „israelitische“ (sic!) Webseiten lahmgelegt…

III. profil und der „Friedensengel“ Arafat

Ein anderer, der immer noch nicht müde geworden ist, Achmadinejad gegen angebliche Falschübersetzungen zu verteidigen, lieferte diese Woche im profil ein bemerkenswertes Stück fragwürdigen Journalismus ab. Georg Hoffmann-Ostenhof nahm Abdullah Öcalans Aufruf nach einem Waffenstillstand zwischen der Türkei und der PKK zum Anlass, auf einige „Bösewichte“ der Geschichte einzugehen, die sich zu „Friedensengeln“ gewandelt hätten. Während Gerry Adams, der ehemaligen Führer des politischen Arms der IRA, und Nelson Mandela vom südafrikanischen ANC tatsächlich als Beispiele für dieses Narrativ dienen können, kann davon beim dritten von Hoffmann-Ostenhof angeführten Mann keine Rede sein: Jassir Arafat den Titel eines „Friedensengels“ zu verleihen, ist schon eine beachtliche Fehlleistung. (profil 13/2013)

In Wahrheit hatte sich der 2004 verstorbene Führer der PLO bis zuletzt dem Terrorismus gegen Israel verschrieben. Er verweigerte im entscheidenden Moment im Sommer 2000 den Friedensschluss mit Israel; er persönlich war zu einem großen Teil für den Beginn des palästinensischen Terrorkrieges gegen den jüdischen Staat wenige Monate später verantwortlich; während dieses Krieges unterzeichnete er persönlich Geldüberweisungen an die zu seiner Fatah gehörenden Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden, die für eine Vielzahl von Selbstmordanschlägen in Israel und damit den Tod etlicher israelischer Zivilisten verantwortlich waren; der „Friedensengel“ Arafat war es, der darüber hinaus nach dem von ihm selbst verschuldeten Platzen der Friedensverhandlungen die islamistische Hamas zu blutigen Terrorattacken gegen Israel aufforderte.

Um das Bild vom einstigen „Oberterrorist(en) des Nahen Ostens“, der zum „Friedensstifter“ geworden wäre, aufrecht erhalten zu können, wandte Hoffmann-Ostenhof einen äußerst plumpen Trick an: Er ließ die Kurzbiografie Arafats einfach mit dem Jahr 1994 enden, in dem dieser zusammen mit Jitzchak Rabin und Shimon Peres den Friedensnobelpreis verliehen bekam – die Jahre danach und insbesondere nach 2000, in denen Arafat sich anschickte, seiner bereits Jahrzehnte langen Terrorkarriere noch die Krone aufzusetzen, verschwieg der ehemalige profil-Außenpolitikchef einfach.

Jeder Mensch würde sich restlos diskreditieren, der Hitlers Biografie mit dem Münchner Abkommen vom September 1938 enden lassen und ihn zum „Friedensengel“ erklären würde, weil er schließlich maßgeblich zur friedlichen Lösung der Sudetenkrise beigetragen habe; niemand würde ernst genommen werden, der Jack Unterwegers perfekte Resozialisierung loben würde und dabei die nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis begangenen Prostituiertenmorde völlig unter den Tisch fallen ließe. Genau so einer Art von Manipulation bediente sich aber Hoffmann-Ostenhof, wenn er die letzten zehn Lebensjahre Arafats in einen Mantel des Schweigens hüllte. In keinem respektablen Medium sollten solch unredliche Tricks akzeptiert werden.


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