Unter türkischer Flagge: die Islamisierung von Afrin

Plakat, das Frauen zum Tragen des Kopftuchs auffordert

„Schulter an Schulter posieren Sipan Abdo und seine Ehefrau für ein Selfie. Lang fällt das dichte, dunkelbraune Haar über den Rücken der Frau. Verliebt lächelt das junge Paar in die Kamera. Es ist ein Bild aus besseren Tagen. Heute sei es unvorstellbar, dass sie so in aller Öffentlichkeit posierten, sagt Abdo. Überhaupt verlässt seine Frau das Haus nur noch, wenn es unbedingt sein muss. ‚Frauen müssen sich verschleiern. Sehen Sie, so sieht meine Frau jetzt aus.‘ Auf seinem Handy zeigt er uns ein weiteres Bild. Das Lächeln der Frau ist verschwunden. In einen schwarzen Umhang und ein schwarzes Kopftuch gekleidet, blickt sie ernst in die Kamera. ‚Das ist die Freiheit der Freien Syrischen Armee‘, sagt der Mittzwanziger. Knapp sechs Jahre herrschten in Afrin, einem mehrheitlich kurdischen Landkreis in der syrischen Provinz Aleppo, die Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihre Kämpfer von den Volksverteidigungseinheiten (YPG). Wie in anderen von ihr regierten Gebieten entlang der türkisch-syrischen Grenze machte sich die Partei ans Werk, ihre Vision von einer ‚staatenlosen Demokratie‘ umzusetzen. Ämter wurden paritätisch mit Frauen und Männern besetzt, Regierungschef von Afrin wurde eine Frau. Über alldem wachte symbolisch Abdullah Öcalan, der inhaftierte Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), aus der die PYD einst hervorging.

Je mächtiger die PYD und ihr bewaffneter Arm wurden, desto schriller wurde der Ton in Ankara. Ende Januar marschierten türkische Truppen schließlich in Afrin ein, Mitte März gaben sich die Kurden geschlagen. Seitdem wird die Region von türkischen Soldaten, Spezialeinheiten und Kämpfern verschiedener Rebellengruppen kontrolliert, die mit Ankara verbündet sind. (…) [S]chon die Beflaggung macht deutlich, wer eigentlich das Sagen hat: Über dem historischen Gebäude weht die türkische Flagge und darunter die Fahne der Freien Syrischen Armee (FSA). Eine goldene Tafel verkündet, dass hier das Koordinationszentrum für humanitäre Hilfe des Gouverneurs der türkischen Provinz Hatay untergebracht ist. ‚Gouverneur‘ nennen sie seinen Vertreter in Afrin, er selbst nennt sich lieber Berater. (…)

Mit der Türkei verbündete Kämpfer der FSA

Derzeit bildet Ankara 2000 Polizisten aus, die künftig für Ordnung sorgen sollen. In der kommenden Woche soll der Abzug türkischer Truppen beginnen, wann dieser abgeschlossen sein wird, steht nicht fest. Das hänge auch von den Entwicklungen vor Ort ab, sagt ein Beamter. Abdo will nicht so lange warten. ‚Wir haben heute weniger Freiheiten als unter den YPG‘, sagt er. Mit den YPG verschwanden nicht nur unverschleierte Frauen aus dem öffentlichen Leben und aus Führungspositionen, sondern auch der Alkohol aus den Regalen. ‚Alles ist hier verboten‘, sagt Abdo. Sein Entschluss steht: Er will mit seiner Frau fliehen. Am liebsten nach Europa.“ (Inga Rogg: „Die Türkei macht sich unter den Kurden in Afrin wenig Freunde“)

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