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Über Antisemitismus will die Documenta nicht sprechen

Die Documenta kommt nicht aus der Kritik
Die Documenta kommt nicht aus der Kritik[…] (© Imago Images / Hubert Jelinek)

Die Kasseler Documenta ist wegen ihrer BDS-Nähe in die Kritik geraten. Eine daraufhin anberaumte Gesprächsreihe wurde nach der Kritik des Zentralrats der Juden abgesagt. Jetzt will die Kunstschau »für sich sprechen« – und das verheißt nichts Gutes.

Seit Januar dieses Jahres steht die berühmte Kunstschau Documenta, deren 15. Auflage Mitte Juni in Kassel beginnt, in der Kritik, nachdem die gründliche Recherche einer Initiative zutage gefördert hat, dass viele der diesjährigen Documenta-Protagonisten die antisemitische BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions), die den Staat Israel zerstört sehen will, unterstützen.

Dazu gehören unter anderen zwei Aktivisten des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, das mit der künstlerischen Leitung der Documenta beauftragt ist, zwei Mitglieder des Documenta-Beirats und die Sprecher einer eingeladenen palästinensischen Künstlergruppe, die wiederum einem Kulturzentrum entstammt, dessen Namensgeber ein Anhänger des Nationalsozialismus und glühender Antisemit war.

Seit das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (BgA) seine gut belegte Kritik veröffentlicht und immer wieder ergänzt hat, entgegnet man bei der Documenta, selbstverständlich habe Antisemitismus keinen Platz in der Ausstellung, aber die Kunstfreiheit müsse gewahrt bleiben. Was so viel heißt wie: Natürlich haben wir hier nichts gegen Juden, und wenn doch, dann ist es eben Kunst und damit schützenswert. Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth schaltete sich ein und kündigte an, der Sache persönlich nachzugehen.

Bei den Documenta-Verantwortlichen fand man: »We need to talk!«, wir müssen reden. Also beraumte man eine dreiteilige Online-Gesprächsreihe an, in der »die Rolle von Kunst und Kunstfreiheit angesichts von wachsendem Antisemitismus, Rassismus und zunehmender Islamophobie diskutiert werden soll«, wie es hieß.

Die Themen sollten sein: »Antisemitismus und Rassismus in Deutschland heute«, die »Rolle von Antisemitismus und Anti-Antisemitismus im postkolonialen Diskurs« sowie die Frage »Was ist antimuslimischer und antipalästinensischer Rassismus?«

Antisemitismus-Schlagseite

Das Webportal Ruhrbarone warf einen Blick auf die eingeladenen Referenten und stellte fest:

»Von zwanzig Diskutanten, denen die Documenta jetzt Rederecht verleiht, lässt sich locker die Hälfte zu vehementen BDS-Aktivisten oder deren Apologeten zählen.«

In einem Brief an Kulturstaatsministerin Roth kritisierte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, dann auch den Umgang der Documenta mit dem Antisemitismus und dabei nicht zuletzt die Besetzung der Gesprächsforen. So heißt es in Schusters Schreiben:

»Die Ausrichtung der Podien hat für mich eine eindeutige Schlagseite zugunsten des Antisemitismus.«

Nach der Kritik an der Kunstschau sollte die Intention der Online-Veranstaltungen eine Beschäftigung mit dem Antisemitismus sein, vor allem mit dem israelbezogenen. »In diesem Kontext hat mich auch verwundert, dass die Thematik des antipalästinensischen Rassismus Eingang in das Programm gefunden hat«, schrieb Schuster an Roth. Er könne hier keinen Zusammenhang erkennen.

Darüber hinaus kritisierte Schuster, dass der Zentralrat komplett ignoriert worden sei. Mehrfach habe er »darum gebeten, hier als Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland mit unserer Expertise eingebunden zu werden«, doch trotz mehrmaliger Nachfrage bei der Leitung der Documentasei dies nicht geschehen. An Roth selbst gerichtet, klagte Schuster:

»Auch aus Ihrem Haus wurden wir bedauerlicherweise nicht über den weiteren Fortgang informiert.«

Den Verantwortlichen der Documenta sei offenbar weder »an einem echten Austausch gelegen gewesen« noch »an einer Einbindung der Perspektive der jüdischen Gemeinschaft«, so der Zentralratspräsident weiter. Überdies könne es für Jüdinnen und Juden in Deutschland keine »offene« Debatte zum Antisemitismus geben. Es gelte auch nicht, wie im Programm zu den Foren angekündigt, Widersprüche auszuhalten.

Antisemitismus hat Platz bei der Documenta

Nach dem Bekanntwerden des Briefes zog Natan Sznaider, Professor für Soziologie in Tel Aviv, seine Zusage zur Teilnahme an einer der Veranstaltungen zurück. In einer E-Mail an die Documenta schrieb er, er finde in den Zusammensetzungen der Panels seinen Platz nicht und wolle auch nicht den Einspruch des Zentralrats ignorieren:

»Als ›ehemaliger‹ Jude in Deutschland und auch als Israeli verstehe ich den Schmerz und die Nichtanerkennung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Ich glaube sehr an ›we need to talk‹, aber ich sehe die Veranstaltung eher als ein Selbstgespräch [denn] als eine Unterhaltung.«

Nachdem es eine weitere Absage gab und sich nach Angaben der Documenta »einige in der sich zuspitzenden Debatte nicht mehr wohlfühlten, ihre Position sinnvoll einzubringen«, entschieden sich die Verantwortlichen, die Gesprächsreihe auszusetzen. Man werde stattdessen »zunächst die Ausstellung beginnen und für sich sprechen lassen«, hieß es in einer Erklärung. Das Ziel der Veranstaltungen, »einen multiperspektivischen Dialog jenseits institutioneller Rahmen zu eröffnen«, sei »nur schwer umsetzbar«. Man wolle aber »den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen«.

Hinter diesem jargonhaften Wortgeklimper und dem ganzen Gerede von »Räumen« und »konträren Diskursen« steckt jener handfeste Skandal, den der Antisemitismus immer darstellt. Er hat nämlich sehr wohl seinen Platz auf der Documenta, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Verantwortlichen und trotz der Versicherung von Claudia Roth, sich des Problems anzunehmen. Wie widersprüchlich sie sich dabei selbst verhält, hat Thomas Wessel in einem Text für die Ruhrbarone festgehalten:

»Und dann keine einzige Info an die, denen dieser Hass gilt? Keine Rückfrage an eine Documenta-Leitung, die den Zentralrat der Juden monatelang abserviert wie eine lästige Junkmail? Sollte es für Claudia Roth tatsächlich denkbar sein: dass die Bundesrepublik einen Talk finanziert über Judenhass in Deutschland, ohne dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland beteiligt wäre? Stattdessen 50 Prozent BDS? Der über ›anti-palästinensischen Rassismus‹ informiert?«

Wertloser Anti-BDS-Beschluss

In Berlin kam es unlängst zu mehreren israelfeindlichen und antisemitischen Aufmärschen, zu einem davon hatte »Palästina Spricht« aufgerufen, eine Vereinigung, die sich als antirassistisch und intersektional versteht, ganz wie die Verantwortlichen und Künstler der Documenta. Die Kritik an der antisemitischen Randale auf ihrer Demonstration versuchte die Gruppe als »antimuslimischen« respektive »antipalästinensischen Rassismus« abzuwehren.

Und so, wie die gewalttätige Vorhut des Antizionismus auf der Straße ihren Antisemitismus politisch korrekt zu bemänteln sucht und jeden als »Rechten« und »Rassisten« bezeichnet, der diesen Hass gegen den jüdischen Staat das nennt, was er ist, so reagiert der hippe Kulturbetrieb auf die Kritik an seiner Packelei mit antisemitisch motivierten Boykotteuren, indem er lieber BDS-Unterstützer über »Anti-Antisemitismus«, »Postkolonialismus« und »antipalästinensischen Rassismus« reden lassen will.

Nun soll also die Ausstellung »für sich sprechen«, und das wird sie auch tun. Jetzt, wo nicht einmal mehr so getan wird, als nähme man die Kritik an den antisemitischen Umtrieben gar nicht so weniger Protagonisten ernst, dürften auch die letzten Hemmschwellen sinken.

Von Claudia Roth ist, wenn nicht alles täuscht, nicht ernsthaft zu erwarten, dass sie so etwas wie Konsequenzen zieht, die für die Documentaschmerzlich sind. Damit aber wäre auch der Anti-BDS-Beschluss des deutschen Bundestags wertlos. Und die antisemitische BDS-Bewegung würde ein weiteres Mal normalisiert.

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