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Stein & Zimmermann – Die Lottosechser der Israelkritik

Moshe Zimmermann und Shimon Stein
Moshe Zimmermann und Shimon Stein (© Imago Images / Christian Ditsch, Jürgen Heinrich)

Was macht ein mäßig talentierter Israeli, wenn ihm in Tel Aviv und Jerusalem kein Mensch zuhört?

Ein alter Jude hört von seinem Arzt,
dass er nur noch wenige Monate zu leben hat.
Er beginnt sofort, Hebräisch zu lernen,
damit man ihn im Himmel versteht.
Sein Sohn fragt ihn:
„Und was machst Du, wenn Du in die Hölle kommst?“
„Kein Problem“, sagt der Vater.
„Etwas Deutsch kann doch jeder.“

Nicht jeder kann ein Startup gründen oder ist wenigstens ein begabter Künstler. Was also macht ein mäßig talentierter Israeli, wenn ihm in Tel Aviv und Jerusalem kein Mensch zuhört? Er erinnert sich daran, dass er einmal die beliebteste Sprache für Israelkritiker gelernt hat und veröffentlicht eben auf Deutsch und in Deutschland, was seine Landsleute daheim nicht interessiert.

Israelische Juden, die den politisch korrekten Deutschen die mühsame Arbeit der Israelkritik abnehmen, sind wie sechs Richtige im Lotto für jede Redaktion. Der Berliner Tagesspiegel hat solche Glückstreffer sogar gleich im Doppelpack.

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Es geht um den ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, und um den (in Deutschland) prominenten Historiker und Professor Emeritus der Hebräischen Universität in Jerusalem, Moshe Zimmermann. Stein ist in Israel noch nie besonders aufgefallen, während Zimmermann nach einem (hebräischen) Vortrag im Van Leer Institut im Privatgespräch gestand: „Die Zahl meiner Gefolgsleute in Israel würde in eine einzige Telefonzelle passen.“

Wenn der jüdische Staat der Shoa gedenkt …

Den beiden blieb also gar nichts anderes übrig, als woanders ihr Glück zu suchen. Und so wurde insbesondere Zimmermann der profilierteste Repräsentant des Staates Israel, der in deutschen Medien immer wieder gerne die „wahre“ Stimmung im jüdischen Staat darstellen darf, bei der Gelegenheit dann auch zum Entzücken der deutschen Medienmacher gegen den mehrfach gewählten Ministerpräsidenten hetzt und sich natürlich, wie gewünscht, auch gegen die Siedlungspolitik und gegen die mögliche Annexion von Teilen des Westjordanlandes ausspricht.

Alles Dinge, von denen Deutsche gerne träumen, wenn sie an den Nahen Osten denken.

Dass die Mehrheit der Israelis den Palästinensern aus gutem Grund misstraut und noch nicht einmal die Palästinenser etwas von der „Zwei-Staaten-Lösung“ halten, interessiert Moshe Zimmermann nicht weiter, denn er verdient sein Geld damit, Israel vorzuführen. Da würden Fakten nur stören. Sein Genosse profiliert sich ähnlich. Während Zimmermann für „Wissenschaft“ steht, darf Shimon Stein die „Diplomatie“ vertreten.

In ihrer aktuellen Fensterrede an das Volk werfen beide Autoren nun ihren Landsleuten in Israel vor, dass diese dem 8. Mai, also dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zu wenig Respekt zollen. Das Duo Speziale schreibt:

„Im neu gegründeten Staat Israel blieb dieser Gedenktag im offiziellen Kalender unerwähnt, weil aus jüdisch-israelischer Sicht das relevante historische Ereignis nicht der Krieg, sondern die Shoah war. Der Shoah-Gedenktag im April zählt seit 1951 zu den wichtigsten Gedenktagen in Israel.“

Offenbar will der promovierte Historiker Zimmermann nichts davon wissen, dass der Antisemitismus schon lange vor der „Machtübernahme“ Adolf Hitlers und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ein entscheidender Faktor der Ideologie der Nationalsozialisten war.

Das erste gesamtdeutsche Pogrom gegen die Juden fand am 9. November 1938 statt. In der sogenannten „Reichkristallnacht“ wurden in ganz Deutschland die Synagogen gestürmt. Dabei wurden etwa 800 Juden ermordet – und über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume, sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. Ab dem 10. November wurden rund 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, wo mindestens 400 ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Das alles passierte in Deutschland vor Kriegsausbruch. Es war der Auftakt zur Shoah, dem millionenfachen Massenmord an den Juden Europas.

Weiter monieren die beiden Israelis:

Paradoxerweise kam es in der Gedenkkultur Israels zu einer ‚Abkopplung‘ der Erinnerung an den Weltkrieg von der Erinnerung an die Shoah. Die Narrative der beiden Geschehnisse werden unterschiedlichen Zusammenhängen zugeordnet.“

Zweifellos haben die beiden Herren recht, nur vergessen sie zu erwähnen, was die Gründe dafür sind. Es liegt doch nahe, dass die Polen sich eher mit der bis heute sichtbaren Zerstörung ihrer Hauptstadt Warschau beschäftigen und sich emotional weniger mit den Bombardements von Hamburg oder Dresden identifizieren können. Genauso kann man den Juden wohl nicht vorwerfen, ausgerechnet im Holocaust ein entscheidendes Element ihrer Geschichte und des Gedenkens zu sehen.

… insinuieren die Autoren israelische Alleingänge

„Eine Debatte um den Zusammenhang zwischen Krieg und Shoah blieb jedoch aus,“ monieren die beiden israelischen Autoren im Tagesspiegel.

Ungeachtet der Zerstörung in ganz Europa und insgesamt etwa 50 Millionen Toten infolge des Krieges sowie anderer Verbrechen der Nazis, wird in der Welt und auch in Deutschland der Holocaust als größtes Verbrechen der Nazis hervorgehoben. Bisher hat noch niemand erklären können, welchen Zusammenhang es zwischen der systematischen Ausrottung des jüdischen Volkes mitsamt Greisen, Behinderten, Frauen und Kleinkindern in den Gaskammern und dem Zweiten Weltkrieg gab, auch wenn beides teilweise zeitgleich und in den von Deutschland eroberten „Ostgebieten“ geschah. Manche Symbolfiguren wie die 16 Jahre alte holländische Tagebuchschreiberin Anne Frank wurde zudem mitten in Deutschland, im KZ Bergen-Belsen bei Hannover, ermordet.

Für die Juden war nun einmal die Ermordung eines Drittels ihres uralten Volkes, wovon sie sich bis heute nicht erholt haben, ein entscheidendes historisches Element, das zunächst einmal getrennt vom Gedenken an den 2. Weltkrieg gesehen werden kann und muss.

Der Krieg führte natürlich dazu, dass immer mehr jüdische Gemeinden unter deutsche Herrschaft gerieten, von Nordafrika über Griechenland bis Polen. Doch die Shoah, die Judenverfolgung und schließlich die Deportation nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager war wohl nicht Teil der militärischen Kriegsmaschine, sondern wurde meistens separat durch die Waffen-SS organisiert.

Die Ideologie dazu ging zurück auf Zeiten vor dem Krieg. Die Befreiung der KZ geschah zwar im Rahmen des Krieges, doch für die Opfer, die Juden, hatte das eine ganz andere Bedeutung als das „Ende des Weltkriegs“. Und deshalb sollte wohl verständlich sein, dass die Juden für sich andere Daten zum Gedenken suchen als die Europäer. Warum russische Juden lieber am 9. Mai zusammen mit anderen Russen feiern, könnte man mit ein bisschen nachdenken wohl auch verstehen.

„Aus Auschwitz nichts gelernt“

Geradezu eine Zumutung sind aber die Vorhaltungen beider Autoren gegen Israel im letzten Abschnitt ihres Artikel. Während die ach so guten Europäer sich doch ganz der Abschaffung des Nationalismus als Lehre aus dem Weltkrieg hingegeben hätten und sich nur noch der Gewaltlosigkeit und Menschenwürde hingeben, sei Israel genau den umgekehrten Weg gegangen.

Die Autoren ignorieren hier nicht nur die Lage der Juden nach dem Krieg und Israels nach seiner Entstehung. Israel wäre aus deren Sicht wohl nur edel und akzeptabel, wenn es wie Deutschland kapituliert hätte und von den Arabern überrannt worden wäre. Damit auch Israel die hehren Lehren aus dem 2. Weltkrieg ziehen könnte, hätte es weder entstehen noch weiter existieren dürfen.

Alles, was das Wesen und die Existenzberechtigung Israels ausmacht, wird von den Autoren weggewischt – und ganz besonders die offensichtlich bis heute notwendige Rolle als Zufluchtsort für verfolgte Juden aus aller Welt: aus Russland, aus Äthiopien und nicht zuletzt heute sogar aus europäischen Ländern.

Wenn doch in Europa Menschenwürde und Gleichberechtigung im Vordergrund stehen, wieso fliehen dann Tausende Juden aus ach so vorbildlich europäischen Ländern wie Frankreich, Schweden und Deutschland? Eventuell, weil sie sich dort ihres Lebens nicht mehr sicher sein können? Warum ist für europäische Juden Israel das einzige Land, wo sie ihre Kinder gleichberechtigt in ihrer eigenen jüdischen Kultur aufwachsen lassen können? Wenn Europa alles richtig macht, wieso müssen dann in Deutschland Synagogen und sogar Kindergärten mit polizeilichen Panzerwagen gesichert werden?

Sprechen Stein und Zimmermann etwa aus dem Herzen ihrer deutschen Redaktion, wenn sie letztlich für eine Abschaffung des Staates Israel plädieren – und Sätze wie diese zum Besten geben?

„Dabei sollte nicht vergessen werden, dass noch immer gut die Hälfte der jüdischen Bevölkerung weltweit in der Diaspora beheimatet ist. Ihr Selbstverständnis gründet sich eher auf die Gleichberechtigung der Juden und die Abwehr von Rassismus, nicht auf die militärische Stärke Israels.“

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Was brachte den Juden in Deutschland und Europa denn der Wunsch nach Gleichberechtigung? In der Nazizeit kostete sie das 6 Millionen Menschenleben.

Und wenn all die Juden in Europa heutzutage angeblich nichts von der militärischen Stärke Israels halten, wieso sprechen dann viele der Sicherheitsleute in den Kabinen aus gepanzertem Glas an den Eingängen der europäischen Synagogen eher muttersprachliches Hebräisch als die jeweilige Landessprache? Offenbar vertrauen die jüdischen Gemeinden dann doch eher der militärischen Expertise der Israelis als den Fähigkeiten und der Motivation etwa deutscher Geheimdienstleute oder Polizisten.

Sprachrohr für deutsche Befindlichkeiten

Die Autoren, die der Tagesspiegel als Sprachrohr angeheuert hat, ignorieren dabei auch ganz bewusst, dass für viele Israelis der Zweite Weltkrieg letztlich bis heute nicht geendet hat. Die „Erben Hitlers“ sitzen heute im Iran, im Libanon und im Gazastreifen. Sie propagieren auch heute noch die „Vernichtung“ der Juden und streben ausdrücklich einen zweiten Holocaust an, indem sie an der Tötung der rund 6 Millionen israelischen Juden arbeiten und am liebsten alle Juden weltweit umbringen würden.

Doch die beiden israelischen Autoren, die das alles genau wissen, äußern in Deutschland kein einziges Wort zum iranischen Islamismus, zum arabischen Nationalismus oder zum palästinensischen Terror, der allein in den Zeiten der beiden als Intifada bekannt gewordenen Terrorkriege über tausend Tote auf den Straßen, in Bussen und Kindergärten Israels gefordert hat.

Es ist nur zu leicht, dem Staat Israel nicht nur einzelne Fehler, sondern eine grundsätzlich falsche Einstellung vorzuwerfen, wenn man völlig ausblendet, was sich rund um Israel tut. Wer ständig mit Kriegsdrohungen und physischer Auslöschung konfrontiert wird, tut gut daran, sich militärisch darauf vorzubereiten. In Zeiten des Kalten Krieges hat das Deutschland auch getan, und die USA tun es bis heute, obgleich der 2. Weltkrieg doch längst beendet ist.

„75 Jahre nach Ende des Krieges ist es schwierig, israelische Juden an die universellen Werte im Gedenken an das Ende des Weltkrieges zu erinnern“, lamentieren angesichts dessen Zimmermann und Stein.

Richtig. Zu diesen „universellen Werten“ gehörte vor allem die totale Kapitulation Deutschlands und das Ende seiner staatlichen Existenz. Ist es etwa das, was die Autoren sich jetzt für Israel wünschen, dem sie vorwerfen, die Lehren aus Auschwitz nicht gezogen zu haben?

Ich möchte die Prognose wagen: Mit dem Wunsch nach einer Kapitulation der Palästinenser, des Iran oder besonders feindlicher arabischer Länder wie Syrien oder dem Libanon hätten Stein und Zimmermann jedenfalls keine Seite im Tagesspiegel füllen dürfen.

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