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Muslimbruderschaft: Machtwort aus Kairo

Muslimbruderschaft-Chef Muhammad Badie bei einem Prozess in Kairo 2015. (© imago images/ZUMA Wire)
Muslimbruderschaft-Chef Muhammad Badie bei einem Prozess in Kairo 2015. (© imago images/ZUMA Wire)

Das formelle Oberhaupt der Muslimbruderschaft hat nun im internen Machtkampf klar Position bezogen. Wird damit die tiefe Spaltung beendet?

Seit fast zwei Jahren wird die Muslimbruderschaft von einem Streit rivalisierender Fraktionen um die Führung der Organisation erschüttert und ist in zwei Fraktionen gespalten. Formal wird die Bruderschaft seit 2010 von Muhammad Badie geleitet, doch dieser ist seit geraumer Zeit in Ägypten inhaftiert. Der Disput zwischen den Rivalen, im Zuge dessen die Fraktionen auch versucht hatten, sich gegenseitig aus der Muslimbruderschaft auszuschließen, hat zu einer tiefen Spaltung der Organisation geführt.

Der Kampf um die Macht tobt zwischen einer in London ansässigen Fraktion, die vom in Abwesenheit Badies gewissermaßen interimistischen Führer Salah Abdel-Haq geleitet wird, und einem Teil der Organisation, der in Istanbul beheimatet ist und von einem ehemaligen Mitglied des Schura-Rats der Gruppe, Mahmoud Hussein, angeführt wird.

Machtwort aus dem Gerichtssaal

Nun hat Muhammad Badie in den Konflikt eingegriffen und im Zuge eines gegen ihn in Ägypten geführten Gerichtsverfahrens eine klare Botschaft übermittelt: Er bestätigte, noch immer der Generalführer der Muslimbruderschaft zu sein und das Amt bis zu seinem Tod oder seiner Abberufung durch die Bruderschaft ausüben werde.

Die der Muslimbruderschaft nahestehende Website Arabi 21 berichtete unter Berufung auf Prozessbeobachter in Kairo, dass Badies Klarstellung Ende Juli als Antwort auf eine Frage des Gerichts nach seiner derzeitigen Position in der Organisation erfolgt sei. Badie führte demnach aus, der allgemeine Führer zu sein, die Funktion aber stellvertretend von Ibrahim Munir übernommen worden sei, bis dieser im November 2022 in London verstarb. Danach habe Salah Abdel Haq diese Funktion übernommen.

Im Streit der innerorganisatorischen Fraktionen hat Badie sich damit klar auf die Seite der Londoner geschlagen. Es war dies das erste Mal, dass einer der in ägyptischen Gefängnissen inhaftierten hochrangigen Führer der Muslimbruderschaft im Kampf um die Leitung der Gruppe öffentlich Position bezogen hat.

Der von Badie unterstützte Salah Abdel-Haq war im März in London zum amtierenden Generalführer ernannt worden. Diese Entscheidung war von der Istanbuler Fraktion allerdings abgelehnt worden, die stattdessen Mahmoud Hussein zum amtierenden Leiter ausrief.

Anfang von Ende der Spaltung?

Für Hisham al-Najjar, einen Experten für islamistische Bewegungen, bedeutet Badies Parteinahme für Abdel-Haq eine deutliche Stärkung der Londoner Fraktion, die den Machtkampf damit so gut wie gewonnen habe. Die Istanbuler Kontrahenten hätten momentan nichts, das sie dem Quasi-Machtwort aus Kairo entgegensetzen könnten.

Sameh Eid, ein weiterer Experte, kommt im Gegensatz dazu zu einem anderen Schluss. Er ist der Ansicht, dass Badies Unterstützung für die Londoner Fraktion zu Ungunsten von Mahmoud Hussein die Spaltung verstärken und den Konflikt innerhalb der Muslimbruderschaft verschärfen werde: »Hussein wird seine Position nicht aufgeben und keinen Rückzieher machen. Er wird Badies Aussage infrage stellen, denn der Konflikt zwischen den beiden Fraktionen dreht sich um die Kontrolle einer riesigen Menge an Geld und Vermögenswerten.«

Der Muslimbruderschaft-Dissident und -forscher Ahmed Ban hält gegenüber Mena-Watch entgegen, dass Badies Unterstützung den Ausschlag zugunsten der Londoner Fraktion geben werde. »Es ist bekannt, dass Abdel-Haq einer von Badies engen Mitarbeitern ist, und die Ankündigung, ihn zu unterstützen, wird seinen organisatorischen Status stärken und die Fähigkeit der Londoner erhöhen, die andere Fraktion unter Kontrolle zu halten.«

Die Istanbuler Fraktion habe nun zwei Möglichkeiten: Sie könnte an ihrer Position festhalten, etwa, indem sie die Authentizität der Parteinahme Badies anzweifelt, von der es keine Aufzeichnung, sondern nur die mündliche Überlieferung jener gibt, die im Gerichtssaal in Kairo anwesend waren. Damit würde sie allerdings »die Abwanderung zahlreicher ihrer Anhänger zugunsten der Londoner Gruppe riskieren. Oder sie akzeptiert die neue Situation und den Führungsanspruch der Londoner.«

Sicher sei gegenwärtig nur eines: Wie auch immer der Konflikt weitergeht, in absehbarer Zeit wird die Muslimbruderschaft ihre alte Stärke nicht mehr wiedererlangen können.

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