Muslimbruderschaft: Kann der neue Führer die Krise beenden?

Die ehemalige Zentrale der Muslimbruderschaft in Kairo. (© imago images/Xinhua)
Die ehemalige Zentrale der Muslimbruderschaft in Kairo. (© imago images/Xinhua)

Die Muslimbruderschaft hat einen neuen Generalführer ernannt. Die tiefe Spaltung der Organisation dürfte dadurch nicht überwunden werden.

Auf der Website der Muslimbruderschaft hieß es am vergangenen Sonntag: »Die Muslimbruderschaft verkündet die Wahl von Salah Abdel-Haq zum amtierenden Generalführer, er folgt dem vergangenen November verstorbenen Ibrahim Mounir als neuer Führer der Muslimbruderschaft«.

Der Erklärung zufolge sagte Salah Abdel-Haq, seine Prioritäten bestünden in der nächsten Phase darin, die Muslimbruderschaft neu zu definieren, ihre Position zu stärken und zu vereinen und die Jugend zu befähigen, die Organisation zu führen.

Wer ist der neue Führer?

Salah Abdel-Haq wurde 1945 in Kairo geboren und trat 1962 der Muslimbruderschaft bei, nachdem er während seiner Schulzeit von den Ideen des Gründers der Gruppe, Hassan al-Banna, beeinflusst wurde.

Abdel Haq gilt als einer der historischen Führer der Muslimbruderschaft. Er wurde 1965 verhaftet, als er zwanzig Jahre alt war und sich damals im dritten Studienjahr der medizinischen Fakultät befand. Grund für seine Verhaftung war seine angebliche Zugehörigkeit zur »Organisation von 1965«.

Dabei handelte es sich um eine Zelle innerhalb der Muslimbruderschaft, die vom prominenten Führer und einem der extremsten Köpfe der Gruppe, Sayyid Qutb, gegründet wurde, um terroristische Aktionen durchzuführen und die Macht zu ergreifen. Abdel Haq war nach Angaben der ägyptischen Gerichte seinerzeit eines der Mitglieder dieser Organisation.

Salah Abdel Haq wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung Mitte der siebziger Jahre schloss er sein Studium an der medizinischen Fakultät ab. Er verließ Ägypten Mitte der achtziger Jahre. Als Dermatologe arbeitend kam er im Zuge der Ausbreitung der Muslimbruderschaft zuerst ins Sultanat Oman am Golf und ließ sich anschließend für längere Zeit in Saudi-Arabien nieder.

Abdel-Haq ist Mitglied des Schura-Rates der Muslimbruderschaft, an den internen Kämpfen der Organisation um Führung und Geld scheint er sich nicht beteiligt zu haben. Soweit bekannt, vertritt er keine Positionen, die eine Änderung bisheriger Haltungen der Muslimbruderschaft in die eine oder andere Richtung andeuten würden.

Ein Neubeginn?

Sobald Abdel-Haq am vergangenen Sonntag die Führung der Muslimbruderschaft übernommen hatte, weigerte sich die so genannte Istanbuler Front, eine der Fraktionen, die um die Führung der Organisation streiten und vom ehemaligen Generalsekretär der Muslimbruderschaft, Mahmoud Hussein, angeführt wird, den neuen Führer anzuerkennen.

Die Istanbuler Front gab in einer Erklärung bekannt, dass die Berichte über die Wahl von Salah Abdel-Haq zum stellvertretenden Generalführer falsch seien. Sie sah darin einen erneuten Versuch, abseits der ordentlichen Institutionen der Muslimbruderschaft neue Strukturen zu schaffen; Personen würden mit Aufgaben betraut und mit Titel versehen, die zu den legitimen Institutionen der Organisation gehörten.

Laut der Istanbuler Front habe der Allgemeine Schura-Rat der Moslembruderschaft Mahmoud Hussein zum amtierenden Generalführer gewählt und im vergangenen Dezember neue administrative Strukturen gebildet.

Mit der Reaktion aus Istanbul ist die Muslimbruderschaft erneut zwischen zwei Führern gespalten: Salah Abdel-Haq, der von London aus arbeitet, und Mahmoud Hussein in Istanbul. Der Kampf um die Führung zwischen dem verstorbenen Ibrahim Mounir und Mahmoud Hussein, der die letzten zwei Jahre geprägt hat, wird damit gewissermaßen neu aufgelegt.

Fortgesetzte Spaltung

Der Experte für die Muslimbruderschaft Ahmed Ban erklärte gegenüber Mena-Watch: »Die Wahl von Salah Abdel-Haq zum Führer der Muslimbruderschaft ist ein Versuch der Londoner Front, die Kontrolle über die verbleibenden Teile der Gruppe wiederherzustellen. Salah Abdel-Haq steht Mohamed Badie nahe, dem obersten Führer der Muslimbruderschaft, der in Ägypten im Gefängnis sitzt, er genießt die Unterstützung von Badie.« In Abdel-Haq sieht die Londoner Front Ban zufolge die Person, die in der Lage sei, »die Muslimbruderschaft nach zwei Jahren der Spaltung zu vereinen«.

Amr Farouk, ein Experte für politischen Islam, bezweifelt dagegen, dass der neu ernannte Führer die Gräben der Vergangenheit zuzuschütten könne: »Abdel-Haq ist in der organisatorischen Basis der Muslimbruderschaft nicht gut bekannt, so dass er nicht in der Lage ist, die Krise einzudämmen, in der sich die Gruppe nach zwei Jahren der Spaltung befindet.«

Generell rechnet Amr Farouk nicht damit, dass der Kampf um die Führung innerhalb der Muslimbruderschaft bald abflauen wird. Im Gegenteil, er glaubt, dass die Ankündigung der Übernahme der Führung durch Abdel-Haq nur zu weiteren Spaltungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Muslimbruderschaft führen werde. Die Weigerung der Istanbuler Front, Abdel-Haq anzuerkennen, sei dafür ein deutliches Zeichen.

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