Mena-Exklusiv

Al Jazeera: Propagandakanal für Islamisten

Von Thomas von der Osten-Sacken

Der in Katar ansässige Satellitensender Al Jazeera feierte im vergangenen November sein zwanzigjähriges Bestehen. Der Deutschlandfunk schrieb damals über das Jubiläum:

„Zwischen 1996 und 2003 war Al Jazeera der einzige arabische Nachrichtensender – das in Zeiten, wo bestimmte Themen eine große Rolle gespielt haben. Das ist die palästinensische Intifada, das ist der Irak-Krieg 2003, das sind die Anschläge vom 11. September.“

In der Tat waren dies, zumindest bis zum Ausbruch des sog. Arabischen Frühlings 2011 die Themen, die, gelinde gesagt, bei den Übertragungen Al Jazeera „eine große Rolle“ spielten. Tag für Tag, 24 Stunden lang berichtete Al Jazeera damals gefühlt zu 90% über den „irakischen Widerstand“ und die Intifada.  Vermummte, steinewerfende Jugendliche und brennende amerikanische Humvees, die Bilder von Al Jazeera waren auch eine Art Selbstinszenierung der arabischen Welt und ihres vermeintlichen Widerstandes gegen Besatzung, Imperialismus und Zionismus.

Ich erinnere mich noch gut, wie verhasst der Sender nach 2003 etwa in Irakisch-Kurdistan war, wo man nicht unbedingt große Sympathien mit den Bombenlegern von Al Qaida & Co. hatte, die  zwischen 2005 und 2008, im Irak täglich ihre blutigen Anschläge verübten. Damals gab es in Suleymaniah einen running gag: Solange kein Team von Al Jazeera im Palace Hotel – damals der ersten Adresse vor Ort– einchecke, müsse man sich um seine Sicherheit keine Sorgen machen. Al Jazeera war nämlich immer erstaunlich schnell präsent, wenn ein Anschlag stattfand, und viele Irakis waren sich sicher, dass es irgend eine Kooperation zwischen dem Netzwerk und dem „Widerstand“ gäbe. Auch berichtete Al Jazeera als einziger Sender live aus Fallujah und Ramadi, als diese Städte von US-Soldaten belagert und erobert wurden. Während nämlich Al Jazeera als genuine Stimme der arabischen Welt in Europa gefeiert und zitiert wurde, galt es, zumindest im Irak, schon damals als ein Sender, der eine klare politische Linie verfolgte und sich zum Sprachrohr der „Iraqi Resistance“ mache.

Erstmalig ließ die irakische Regierung den Sender deshalb schon 2004 schließen. Derweil war in Deutschland noch  Berlin-Korrespondent  Aktham Suliman gerne gesehener Gast in unzähligen Talkshows – etwa beim Partnersender Al Jazeeras, dem ZDF – , bevor er 2012 das Handtuch warf und schwere Vorwürfe gegen den Sender erhob. „Die Talfahrt zwischen 2004 und 2011 war schleichend, unterschwellig und sehr langsam, doch mit einem katastrophalen Ende“, schrieb er 2012 in der FAZ nachdem er den Sender verlassen hatte und schilderte, wie Al Jazeera zu einer Außenstelle der Muslimbrüder geworden sei:

„Der Kairoer Al-Dschazira-Korrespondent Samir Omer wechselte Anfang des Jahres nicht wegen Syrien zu SkyNews, sondern, wie er Kollegen erzählte: ‚Weil ich es nicht mehr aushalten kann. Das ist hier kein Al-Dschazira-Büro mehr. Das ist ein Büro der Muslimbrüderschaft‘, also jener Gruppe, die von Qatar in allen arabischen Ländern unterstützt wird und als Gewinnerin des ‚Arabischen Frühlings‘ gilt.“

Das Jahr 2011 stellte ganz sicher einen Wendepunkt für Al Jazeera dar. War es vorher Osama bin Laden, der seine Botschaften bevorzugt über den katarischen Sender verbreitete, so wechselte die ganze Ikonographie faktisch von einem Tag zum anderen. Nicht mehr vermummte Militante, sondern die Bilder von tunesischen Mädchen und ägyptische Tahrir-Demonstranten bestimmten jetzt das Programm. Al Jazeera machte sich zum Sprachrohr der arabischen Massendemonstrationen. Scheinbar. Denn auch 2011 verfolgte der Sender seine eigene Agenda. Das katarische Herrscherhaus nämlich unterstützte als einzige Golfmonarchie damals die „Arabellion“: Während Saudi Arabien, Kuwait und die Emirate (zu Recht) fürchteten, die Demonstrationen könnten auch auf ihre Länder übergreifen, setzte Katar (und mit ihm Al Jazeera) auf einen Sieg  der Muslimbrüder.

Al-Jazeera-Journalisten vor Gericht in Kairo

Was damals noch als Verdacht geäußert wurde, selbst wenn Journalisten wie Suliman es früh bestätigten, scheint nun immer mehr zur Gewissheit zu werden. Lange  bevor Saudi Arabien schwere Anklagen gegen den Sender erhob und von Katar seine Schließung forderte, nämlich 2015, klagte der damals in Ägypten inhaftierte Reporter des Senders, Mohamed Fahmy, Al Jazeera an, es tue nicht genügend für seine eigenen Mitarbeiter, hätte sie sogar in Gefahr gebracht  und außerdem missbrauche der katarische Staat den Sender, um „einen Medienkrieg gegen Ägypten zu führen“.

Im Sommer 2013 hatte das ägyptische Militär, gestützt auf Massendemonstrationen in Kairo und Alexandria den Muslimbruder und Präsidenten Mohammed Mursi gestürzt. Während Saudi Arabien das ägyptische Militär unterstützte, stieß der Schritt vor allem in Katar und der Türkei auf empörten Widerstand.  Ägyptische Sicherheitsdienste griffen hart durch: Gegen verschiedene Al Jazeera Korrespondenten wurden in Kairo Verfahren eröffnet, einige zu mehreren Jahren Haftstrafe verurteilt.

Aber auch nach seiner Freilassung halten Fahmy und seine mitveruteilten Kollegen an ihren Vorwürfen fest und haben inzwischen sogar Klage gegen den Sender eingereicht. Mit ihrer Kampagne  „Al Jazeera on Trial“ erheben sie schwere Vorwürfe und erklärten am 22. Juni auf einer Pressekonferenz in Washington, dass – auch wenn das Verfahren in Ägypten unfair gewesen sei – die Anklage in zentralen Punkten Recht gehabt hätte und Al Jazeera „wirklich ein Propagandakanal für Islamisten“ und ein „Instrument der katarischen Außenpolitk“ bzw. ein „Sprachrohr katarischer Geheimdienste“ sei:

„Fahmy hatte von seinem ehemaligen Arbeitgeber früher eine andere Meinung. Sein Standpunkt veränderte sich in der Haft. Seine Wandlung begann im ‚Scorpion Trakt’ des berüchtigten ägyptischen Tora-Gefängnisses. Dort lernte er einige der berüchtigtsten Islamisten Ägyptens kennen. ‚Als ich begann, Angehörige der Muslimbruderschaft und deren Sympathisanten kennenzulernen und zu befragen, erzählten diese mir ausdrücklich, dass sie Protestaktionen gefilmt und die Filme an al-Jazeera verkauft hätten und dass sie eng mit dem Sender und mit Produktionsfirmen, die mit dem Sender verbunden sind, zusammenarbeiteten’, erklärte er. Diese Zusammenarbeit erfolgte beispielsweise im Zusammenhang mit Sitzblockaden, die die Muslimsbruderschaft im Sommer 2013 nach dem Militärputsch durchführte, bei dem der mit der Muslimbruderschaft verbundene Präsident Mohammed Morsi abgesetzt wurde. Fahmy beruft sich bei seiner Kritik an al-Jazeera unter anderem auf die von ihm aufgenommenen Aussagen einer ehemaligen Sicherheitskraft des Senders und des Kuratoriumsvorsitzenden des ägyptischen Staatsfernsehens. Beide bezeugten, dass Angehörige der Muslimbruderschaft einen Übertragungswagen von al-Jazeera kaperten, um die Sitzblockaden jenes Sommers zu übertragen. Mit anderen Worten: al-Jazeera gestattete der Muslimbruderschaft, ihre eigenen Proteste zu übertragen. Dieser Vorfall ereignete sich in den Wochen vor Fahmys Anstellung als Leiter des Kairostudios. Ihm seien die Verbindungen zur Muslimbruderschaft erst zur Kenntnis gelangt, als er begann, seine eigenen Nachforschungen anzustellen und aus einem Gefängnis zu berichten. Als Fahmy von den Verbindungen erfuhr, sei er verärgert gewesen. Sie schwächten sein Beharren, mit dem er sich vor den ägyptischen Gerichten zu verteidigen suchte, dass er er mit keiner Partei oder Terrorgruppe in Verbindung stehe. ‚Ich halte das für ein großes Problem, das ist wirklich inakzeptable’, bemerkt er. ‚Ich wurde dadurch gefährdet, denn ich musste den Richter überzeugen, dass ich wirklich nur als Journalist tätig war.’

In Saudi Arabien und den Emiraten jedenfalls freut man sich über prominente Unterstützung, schließlich wirft man Katar vor, auch mittels Al Jazeera, „verschiedene terroristische und sektiererische Gruppen zu unterstützen, die die Stabilität in der Region bedrohen, darunter die Muslimbrüder, den Islamischen Staat (ISIS) und Al Qaida.“

Inzwischen wurden die Al Jazeera Büros in Saudi Arabien, den Emiraten, Ägypten und, wenn auch aus anderen Gründen, in Bagdad geschlossen. Viele Details und Hintergründe werden, gefördert auch von Saudi Arabien, wohl in nächster Zeit noch öffentlich werden, die das so oft geschönte Bild im Westen verändern wird. Al Jazeera war und ist nämlich keineswegs das arabische CNN und die Stimme der Freiheit, wie so oft behauptet wurde. Das wiederum aber ist kein Grund, sich über Maßnahmen nun übermäßig zu freuen, nicht zuletzt, weil sie mit einer Welle von Repressionen gegen andere Medien in der arabischen Welt einhergehen. Derweil kann sich Al Jazeera als armes Opfer ungerechter Verfolgung und Zensur inszenieren.

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