Kofi Annan: Persönlich integer, grandios gescheitert

Kofi Annan. Quelle: Wikimedia Commons.

„Dass der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sich am vergangenen Wochenende den allgemeinen Lobeshymnen auf Annan anschloss und ihn als jemanden beschrieb, ‚der den Antisemitismus und die Holocaustleugnung bekämpfte‘, liegt daran, dass dieser generell nicht mit der in der UNO üblichen Dämonisierung Israels in Verbindung gebracht wurde.

An diesem Punkt könnte man die Sache auf sich beruhen und Annan dem gnädigen Urteil der Historiker überlassen. Doch bedarf der erste Satz des ausführlichen und generell positiven Nachrufs in der New York Times einer Erwiderung. ‚Trotz der blutige Debakel, die seine Bilanz als Friedenshüter befleckten‘, sei es ihm gelungen, ‚sich und seine Organisation als das Gewissen der Welt und moralischer Schiedsrichter zu präsentieren‘, heißt es dort. Zugegeben, Annan war bei weitem nicht der schlimmste all jener, die diese moralischen Jauchegrube bevölkern. Gleichwohl bietet sein Tod eine passende Gelegenheit, an die furchtbaren Fehlleistungen seiner Amtszeit zu erinnern. (…)

Erst in Ruanda, dann in Bosnien trugen sich Massenmorde zu, bei denen UNO-Personal, das Annan unterstellt war, zugegen war, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

Auch der ‚Öl gegen Nahrungsmittel‘-Skandal ereignete sich in der Amtszeit Annans. Bei diesem schockierenden, von seinem Sohn Kojo eingefädelten Schwindel, berief dieser sich auf das Prestige seines Vaters, um von unlauteren Geschäften im Zusammenhang mit humanitären Anstrengungen zu profitieren, die darauf zielten, das Leiden der Iraker zu lindern, als das Land wegen der Verbrechen des Regimes von Saddam Hussein internationalen Sanktionen unterworfen war. Die New York Sun erinnert zurecht daran, dass Annan der Presse bittere Vorhaltungen machte, weil sie die UNO hierfür zur Rechenschaft zog. (…)

In dem gleichen Artikel wir zudem darauf verwiesen, dass Annan meinte, er habe die Vereinten Nationen reformiert, indem er die korrupte und offenkundig antisemitische Menschenrechtskommission durch einen neuen Menschenrechtsrat ersetzte. Dass der Rat sich als keinen Deut besser und eher noch schlimmer erwiesen hat als die Kommission, mag nicht Annans Schuld sein. Es zeugt aber gleichwohl von den Illusionen, die das außenpolitische Establishment sich mit Blick auf derartige internationale Institutionen weiterhin macht.

Das ist das schlimmste an den Lobreden über Annan: Die UNO-Bürokratie und die meisten derer, die behaupten, außenpolitischen Experten zu sein, neigen dazu, ihre beständig zum Ausdruck gebrachten guten Absichtserklärungen, die Welt besser machen zu wollen, mit dem tatsächlichen Setzen von Maßnahmen zur Erlangung ihrer Ziele zu verwechseln.

Annan ging davon aus, es sei von Belang, dass die UNO das Prinzip der Schutzverpflichtung [Responsibility to Protect] verabschiedete. Das hatte er gemein mit Menschen wie Barack Obama und der amerikanischen UNO-Botschafterin Samantha Power, die ein Buch über die nicht erfolgte Verhinderung von Genoziden in den 1990er Jahren geschrieben und dafür einen Pulitzer-Preis erhalten hatte. Als dann in Syrien der nächste Massenmord anhob, taten sie jedoch nichts und ließen es zu, dass Hunderttausende getötet und Millionen vertrieben wurden. (…)

Während Annan die Welt mit seinem Charme für sich einnahm und mit prominenten Philanthropen anbandelte, die ihn und andere mächtige Personen wie Bill und Hillary Clinton mit Lob überhäuften, war die UNO-Bürokratie weiterhin unfähig, dem Massenmord etwas entgegenzusetzen. Kaum weniger schwer wiegt, dass sie den Tyrannen und Psychopathen, die in so vielen Ländern herrschen, Legitimität bot, zugleich aber den einzigen jüdischen Staat der Erde immer wieder einseitig und unverhältnismäßig stark kritisiert hat. Bei all seiner Eleganz und seinem überbordenden guten Willen muss man sagen: Wenn Annan und die UNO das ‚Gewissen der Welt‘ sind, dann hat die Welt kein Gewissen – und niemand sollte so tun als ob.“ (Jonathan S. Tobin: „A belated obituary for the world’s conscience“)

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