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Der Irak könnte sich allmählich zu einer Bedrohung für Israel entwickeln

US-Soldaten in der irakischen Stadt Mosul gehen hinter ihrem Fahrzeug in Deckung
US-Soldaten in der irakischen Stadt Mosul gehen hinter ihrem Fahrzeug in Deckung (Quelle: JNS)

Nachdem sich der Irak in einer Übergangsphase befindet, müssen die dortigen Entwicklungen genau beobachtet werden, da er mit iranischer Unterstützung zu einer Bedrohung für Israel werden kann.

Yaakov Lappin

Im vergangenen Monat, fast zwei Jahre nach der Ankündigung der USA, ihre Kampfeinsätze im Irak zu beenden, verlängerte das Weiße Haus einen Dringlichkeitserlass für das Land, da es nach seiner Ansicht dort weiterhin Hindernisse für den geordneten Wiederaufbau, den Frieden und die Sicherheit gibt. Wie die amerikanische Regierung von Präsident Joe Biden erklärte, stelle »die Entwicklung der politischen, administrativen und wirtschaftlichen Institutionen im Irak weiterhin eine ungewöhnliche und außergewöhnliche Bedrohung für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik der Vereinigten Staaten dar«.

Es gibt jedoch auch zunehmend Anzeichen dafür, dass sich der Irak allmählich auch zu einer ungewöhnlichen und geografisch unmittelbareren Bedrohung für Israel entwickelt. 

So sind die vom Iran unterstützten irakischen Milizen der Volksmobilisierungskräfte (PMF), die erst kürzlich wieder die 2.500 im Land stationierten US-Soldaten bedrohten, ein Mitglied der vom Iran unterstützten radikalen »Achse des Widerstands« und arbeiten mit der Hisbollah sowie mit schiitischen Milizen in Syrien zusammen. Eine der PMF-Gruppen, die Golan-Befreiungsbrigade, wurde, wie ihr Name schon sagt, zum Kampf gegen Israel gegründet. Andere irakische Milizen sind ebenfalls in Syrien aktiv, so die Harakat Hisbollah al-Nujaba, die von der iranischen Quds-Brigade, der Auslandseinheit der iranischen Revolutionsgarden aufgestellt wurde.

Im Jahr 2019 sollen internationalen Medienberichten zufolge israelische Flugzeuge oder Drohnen Stützpunkte der PMF im Irak angegriffen haben – ein Bericht, der, sollte er zutreffen, darauf hindeuten würde, dass der Iran Waffen in den Irak geliefert hat, um sie künftig gegen Israel einzusetzen.

Drohnen als größte Bedrohung

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institute for National Security Studies in Tel Aviv und fünfundzwanzig Jahre lang in verschiedenen Führungspositionen im militärischen Nachrichtendienst der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) tätige Danny Citrinowicz schätzt, die größte vom Irak ausgehende Bedrohung für Israel seien bewaffnete unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs). 

So weist Citrinowicz darauf hin, dass bereits während der gegen die Hamas im Gazastreifen gerichteten Operation »Protective Edge« im Jahr 2014 versucht wurde, »eine Drohne vom Irak aus auf Israel abzuschießen«; und fügt hinzu, dass die schiitischen Milizen im Irak nach eigenen Angaben ihre Drohnenkapazitäten aufbauen und regelmäßig amerikanische Ziele in Syrien damit angreifen.

Der Vizerektor der Universität Tel Aviv und Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte des Nahen Ostens Eyal Zisser erklärt ebenfalls, dass der Irak »langsam zu einer Quelle der Bedrohung wird«. Da die Hisbollah eine ruhige Grenze zu Israel aufrechterhalten wolle, während das syrische Assad-Regime aus Sorge vor israelischen Repressalien dem Iran keine freie Hand lassen wolle, werde der Irak »zu einem bequemen Schauplatz, von dem aus Raketen auf Israel abgefeuert werden können, ohne dass es zu Verwicklungen kommt und man mit dem Finger auf den Iran als direkten Schuldigen weisen könne«.

Zisser zufolge sei die vom Irak ausgehende Bedrohung durch Raketen gering und könne nicht mit dem enormen Arsenal der Hisbollah verglichen werden. Allerdings würde jeder Raketenbeschuss aus dem Irak »eine Menge Lärm verursachen, allein durch die Medienberichterstattung in Israel«, verweist er auf den Vorteil eines Angriffs von dort aus iranischer Sicht.

Citrinowicz wies auf die – auch schon während der jüngsten Eskalation zwischen Israel und dem palästinensischen Islamischen Dschihad im Mai gegebenen – Erklärungen irakischer Milizführer hin, nicht zu zögern, Israel anzugreifen, wobei klar sei, dass sie Teil der vom Iran unterstützten Achse und des Plans seien, mehrere Schauplätze zu vereinen.

Iranische Quds-Brigade als Kriegstreiber

Angesichts ihrer wachsenden Nähe zur Hisbollah in den letzten Jahren – insbesondere nach dem Tod des Quds-Brigade-Kommandeurs Qassem Soleimani bei einem US-Drohnenangriff in Bagdad im Januar 2020 – sei es richtig anzunehmen, dass die Bedrohung aus dem Irak durch die Aktionen und Erklärungen der Milizchefs praktische Gestalt annimmt, so Citrinowicz.

Zisser wies darauf hin, dass die Quds-Brigade der iranischen Revolutionsgarden im Irak der Organisator und Geldgeber der schiitischen Milizen ist, was der für Auslandseinsätze zuständigen iranischen Elitetruppe eine zentrale Rolle verleiht. Gleichzeitig fügte er hinzu, dass der Irak noch nicht vollständig in die Tasche des Irans geraten sei und es verschiedene Strömungen auch innerhalb der Schiitentums gebe, von denen einige dem Iran feindlich gesinnt seien.

Die PMF-Milizen seien verärgert über das, was sie als Zusammenarbeit des irakischen Ministerpräsidenten Mohammed Shia’ al-Sudani mit den Vereinigten Staaten ansehen. »Daher konzentrieren sich die iranischen Bemühungen in erster Linie auf die irakische Innenpolitik«, erklärte Zisser. »In dem Moment, in dem sie den Irak in der Tasche haben – und es ist nicht sicher, ob und wann dies der Fall sein wird –, wäre es für die Iraner einfacher, ihre Bemühungen auf Syrien zu konzentrieren. Aber das ist nicht die aktuelle Situation.«

Laut Danny Citrinowicz habe der irakische Schauplatz großen Einfluss auf Ostsyrien, wo schiitische Milizen die wichtigste militärische Kraft an der syrisch-irakischen Grenze geworden sind. Die Vereinigten Staaten sähen sich im Irak mit einer Falle konfrontiert, da sie »ihren Einfluss bewahren und mit Premierminister Sudani zusammenarbeiten müssen, der von den Milizen negativ gesehen wird, und gleichzeitig auf jede Aktion der Milizen reagieren müssen, vor allem in Syrien. Dies ist ein sehr heikles Gleichgewicht, das in Zukunft noch heikler werden dürfte.« 

Der Einfluss der USA im Irak schränke die Iraner ein und zwinge sie dazu, sich auf die dortige amerikanische Präsenz zu konzentrieren. »Der Irak befindet sich in einer Übergangsphase, und es ist notwendig, die Entwicklungen dort zu beobachten, denn er kann wieder zu einem bedrohlichen Schauplatz für Israel werden«, warnt der Experte.

Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.

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