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Muslimbruderschaft verlagert Führung von Ägypten nach Europa

Die Verhaftung des amtierenden Führers der Bruderschaft, Mahmoud Ezzat, am 28. August war nicht bloß ein kleiner Zwischenfall für die Muslimbrüder, sondern ein schwerer Schlag für die Gruppe in Ägypten, weswegen sich die Gruppe zum ersten Mal gezwungen sah, ihre Führung nach Europa zu verlegen. Dies stellt eine erhebliche Bedrohung für den Kontinent dar.

Hossam Sadek

Auf der einen Seite bezeichneten die ägyptischen Medien die Verhaftung weithin als einen „wertvollen Fang“ und beschrieben sie als den Anfang vom Ende der Organisation. Auf der anderen Seite reorganisierte sich die Muslimbruderschaft rasch und ernannte Ibrahim Mounir zum ihrem neuen Amtierenden Obersten Führer. Mounir selbst sagte gegenüber Al-Hiwar TV, dass die neue Führung unmittelbar nach der Verhaftung von Ezzat bekannt gegeben worden sei, um die Mitglieder in Ägypten wissen zu lassen, dass die Bruderschaft immer noch existiert – und „um das [ägyptische] Regime wissen zu lassen, dass die Bewegung nicht gestorben ist“.

Dennoch hat der Führungswechsel Einfluss auf den Status der Gruppe in Ägypten und wird sie nach Ansicht von Experten dazu veranlassen, ihre Operationen in Europa zu intensivieren.

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Lange Konfrontation

Die Geschichte begann am 20. Juni 2013, als Demonstranten in Ägypten auf die Straße gingen, um den Sturz von Präsident Mohammed Morsi zu fordern und vorgezogene Präsidentschaftswahlen zu fordern. Am 3. Juli übernahm die ägyptische Armee die Macht über das Land. Nach dem Sturz der Herrschaft Bruderschaft gingen die ägyptischen Behörden hart gegen die Gruppe vor, um ihre Rolle in Ägypten einzudämmen. Nachdem der damalige Führer Mohamed Badie am 20. August 2013 verhaftet worden war, übernahm Ezzat seine Position.

Am 23. September 2013 entschied ein ägyptisches Gericht, die Aktivitäten der Muslimbruderschaft zu verbieten, ihr Hauptquartier zu beschlagnahmen und ihre Gelder einzufrieren. Schließlich erklärte die ägyptische Regierung die Gruppe am 25. Dezember 2013 zu einer terroristischen Organisation. Seitdem befinden sich viele Führer – wie zum Beispiel Mohamed Badie und sein Stellvertreter Khairat al-Shater – und Mitglieder der Organisation im Gefängnis,.

Die neue Ära

Die Ernennung Mounirs zum amtierenden Führer der Muslimbruderschaft läute eine neue Ära für die Organisation ein, die 1928 in Ägypten gegründet wurde, erklärte Mohammed Habib, der frühere stellvertretende Generalführer der Bruderschaft gegenüber der Website Al-Monitor am 6. September 2020 und führte weiter aus: „Die Rechtsprechung der Bruderschaft verlangt, dass jeder, der die Position des Führers oder stellvertretenden Führers übernimmt, in Ägypten sein muss.“

Jedoch hielt sich die Organisation mit der Ernennung Mounirs zum ersten Mal in ihrer Geschichte selbst nicht an dieses Regel, da Mounir seit den 1980er Jahren in London lebte. Und auch in einem weiteren Punkt verstieß die Bruderschaft gegen ihre eigen Rechtsprechung: Sie ernannte Mounir, ohne dass dieser on ihrem Schura-Rat gewählt worden wäre.

In Ägypten tot?

Bedeutet diese Verlagerung der Führung der Muslimbruderschaft nach Europa, dass die Organisation in Ägypten tot ist?

Tarek Saad, ein Wissenschaftler, der zu islamischen Bewegungen forscht, sagte gegenüber dem Autor: „Die Verhaftung von Ezzat wird die Muslimbruderschaft beeinflussen und die Mitglieder verwirren, aber sie wird nicht zum Untergang der Bruderschaft führen“. Er fügte hinzu: „Es ist ein schwerer Schlag, aber die Organisation hat im Laufe der Jahrzehnte viele Schläge erlitten, aber überlebt.“

Ähnlicher Ansicht ist auch der Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien Ednan Aslan, der gegenüber dem Autor erklärte: „Die Muslimbruderschaft ist derzeit in Ägypten ziemlich geschwächt, aber noch nicht tot. Sie Organisation kann sich von diesem Schlag erholen und neu organisieren, und die offiziellen Behörden in Ägypten wissen das.“

Der Dissident der Bruderschaft Tariq al-Bashbishi zeichnet hingegen ein negativeres Bild dessen, was innerhalb der Gruppe geschieht: „Es ist schwierig, mit Sicherheit zu sagen, dass die Organisation der Bruderschaft in Ägypten vollständig am Ende ist, aber es besteht kein Zweifel, dass sie unter Schwäche und Zerfall leidet und sich auf dem Rückzug befindet. Was zur Zeit geschieht, lähmt die Wirksamkeit dieser Organisation in Ägypten“.

Und auch nach Ansicht von Wolfram Reiss, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Wien, ist die Muslimbruderschaft in Ägypten schwer getroffen, was aber für sie spreche sei, dass „die Gruppe über eine sehr lange Erfahrung auch in der Arbeit im Untergrund verfügt.“

Zunehmende Bedrohung in Europa

Trotz des Rückgangs der Handlungsfähigkeit der Muslimbruderschaft in Ägypten stellt die Verlagerung der Organisationsführung nach Europa eine zunehmende Bedrohung für den Kontinent dar. In diesem Zusammenhang sagte Aslan: „Die Muslimbruderschaft war in Europa immer stark“, die Wahl Munirs werde dazu führen, dass „die Organisation ihre Aktivitäten in Europa intensivieren wird.“

Saad stimmt dem zu, wobei er hinzufügt, dass „Europa an der Bekämpfung der Ideologie der Muslimbruderschaft arbeiten muss und ihr kein freundliches Umfeld bieten darf. Die Muslimbruderschaft vertritt eine gefährliche Ideologie, die Terrorismus und Radikalisierung fördert, und darauf abzielt, die gegenwärtigen Regierungen durch autoritäre Regime zu ersetzen.

Ahmed Ban, ein weiterer Dissident der Muslimbruderschaft bekärftigte diese Aussagen gegenüber dem Autor und sagte: „Als Beobachter der Aktivitäten der Bruderschaft kann ich bestätigen, dass die Organisation bisher keiner solchen Spaltung auf der Ebene der Strukturen, Ideen oder gar Ziele unterworfen“ gewesen sei. Jedoch so fügte er hinzu, werde es ihr gelingen, damit umzugehen: „Die Muslimbruderschaft hat sogar in Europa einen geheimen Flügel, und dieser Flügel wird bald eine große Bedrohung für den Kontinent darstellen.“

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Muslimbruderschaft in Europa wenig Aufmerksamkeit erregt, aber ihr zweifelhafter Ruf in Ägypten hat auch hier zu Spekulationen über ihren Charakter geführt.

Auf jeden Fall hat die Muslimbruderschaft durch eine Reihe von (Vorfeld-)Organisationen, Vereinigungen, Moscheen und viele einflussreiche Führer eine starke Präsenz in Europa. Die Muslimbruderschaft beschreibt sich selbst als eine ägyptische Oppositionsgruppe, die eine gemäßigte Version des politischen Islam vertrete, sowie Ägypten in Richtung Demokratie drängen möchte, und sie weist alle Vorwürfe der Radikalisierung und des Terrorismus zurück.

Während Sympathisanten das ähnliche sehen und die Bruderschaft als eine gemäßigte Bewegung betrachten, die die Integration fördere, bezeichnen Kritiker die ihr angeschlossenen europäischen Organisationen jedoch als Teil einer geheimen und zentral geführten weltweiten Organisation, die die Entfremdung der Muslime in Europa verstärken möchte.

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