Beendet ein türkisch-russischer Tauschhandel die Waffenruhe in Idlib?

„Seit zwei Wochen bombardieren syrische und russische Kampfjets wieder die Provinz Idlib im Norden Syriens, wo seit September 2018 ein Waffenstillstand herrschte. Mehr als 200.000 Menschen sind derzeit auf der Flucht ins syrisch-türkische Grenzgebiet. Am Freitag befasst[e] sich der UN-Sicherheitsrat auf Antrag von Deutschland, Belgien und Kuwait mit der zugespitzten Lage in der letzten Rebellenbastion, während die syrische Staatspropaganda für eine Bodenoffensive trommelt. (…) Im letzten Rückzugsgebiet der Assad-Gegner leben gut drei Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder. Die Hälfte der Bevölkerung sind inzwischen Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens. Hunderttausende leiden unter erbärmlichen Umständen, leben in Zeltlagern oder hausen in völlig überfüllten Wohnungen. Nach Idlib wurden in den vergangenen Jahren alle Regimegegner, aber auch Tausende radikale Dschihadisten vertrieben, die sich in anderen zurückeroberten Gebieten nicht der Herrschaft des Diktators Baschar al-Assad unterwerfen wollten. (…)

Bereits im Sommer 2018 waren Assads Truppen an den Rändern der Enklave Idlib aufmarschiert. Eine syrisch-russische Offensive jedoch wurde in letzter Minute abgewendet durch eine Vereinbarung zwischen Russland und der Türkei. Beide Staaten einigten sich am 17. September 2018 in Sotschi auf einen umfassenden Waffenstillstand. Um das umkämpfte Gebiet, das teilweise in die Provinzen Aleppo und Latakia hineinreicht, wurde eine entmilitarisierte Pufferzone gelegt, aus dem sich alle Rebellen zurückziehen mussten. (…)

Syrische Oppositionspolitiker vermuten, dass sich zu Idlib ein Tauschhandel zwischen Russland und der Türkei anbahnt. Der russische Präsident Wladimir Putin könnte der Türkei die Kontrolle über die kurdische Grenzregion um Tall Rifaat zugestehen, wo es in den vergangenen Tagen bereits zu Gefechten zwischen türkischen Truppen und der kurdischen YPG-Miliz kam, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan als türkeifeindliche Filiale der verbotenen PKK ansieht. Im Gegenzug würde die Türkei der russisch-syrischen Allianz erlauben, südliche Teile der Provinz Idlib zu besetzen, wo die beiden strategisch wichtigen Autobahnen M4 und M5 verlaufen, die Aleppo mit Hama und Aleppo mit Latakia an der Küste verbinden.“ (Martin Gehlen: „Was Idlib jetzt bevorsteht“)

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