Afrin: Einmal mehr sind die Kurden die Verlierer

„Dass die türkische Armee und ihre syrischen Hilfstruppen Afrin letztlich erobern würden, war vom ersten Tag der Offensive an klar. Leicht bewaffnete Infanterie kann eine hochgerüstete Armee wie die türkische im offenen Kampf nicht besiegen. Olivenhaine und kleine, lichte Wälder von Aleppo-Kiefern sind nicht der Dschungel Vietnams. Zudem ist der Kanton Afrin nur etwa halb so groß wie das Land Luxemburg und nahezu komplett von türkisch kontrolliertem Gebiet umschlossen. Anders als im Kampf um Kobanê gegen den »Islamischen Staat« wurden die YPG in Afrin zudem nicht von US-amerikanischen Kampfflugzeugen unterstützt. (…)

Unter dem Strich hat Erdoğan viel gewonnen. Ohne Putins Einverständnis hätte er nicht einmarschieren können, doch nun ist eine starke Präsenz der Türkei in Syrien ein Faktum, das sich nicht mehr so leicht rückgängig machen lässt und die Verluste der türkischen Armee sind überschaubar. Den Haushalt wird der teure Feldzug zwar belasten, aber wenn nicht zu viele weitere Abenteuer folgen, kann die Türkei das verkraften.

Kurdische Organisationen stehen einmal mehr als Verlierer da. Dass sich die YPG mit ihrem Öcalan-Kult unübersehbar als PKK-nah geoutet haben, war sicher nicht besonders klug. Aber im Zweifelsfall finden die Staaten der Region noch immer einen Vorwand, um kurdische Autonomiebestrebungen mit Gewalt zu unterdrücken. Der Bürgermeister der ostanatolischen Stadt Bitlis, Ömer Halisdemir, sitzt seit anderthalb Jahren in Untersuchungshaft, weil er einen getöteten PPK-Angehörigen mit dem städtischen Leichenwagen zum Friedhof bringen ließ. Entgegen aller Logik behauptet der türkische Generalstab, in Afrin auch den »Islamischen Staat« zu bekämpfen. Am Ende haben die YPG wenigstens eines richtig gemacht. Sie haben die Bevölkerung fliehen lassen und auch selbst auf einen aussichtslosen Häuserkampf in Afrin verzichtet. (…)

Nach Angaben aus verschiedenen Quellen haben kurz vor der Einnahme Afrins mindestens 150 000 Menschen die Stadt verlassen. Was aus ihnen wird, ist unklar. Nach Angaben des Vorsitzenden des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC), Peter Maurer, verwehrt die Türkei der Hilfsorganisation den Zugang zu Afrin. Ein Verhalten, das nicht gerade dazu angetan ist, den Verdacht ethnischer Säuberungen zu entkräften.“ (Jan Keetman: „Halbmond über Afrin“)

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