Tunesische Frauen rütteln am Tabu der Kinderlosigkeit

„‚Kinderkriegen ist in Tunesien so etwas wie ein Erkennungszeichen. Wenn Sie nur mit Ihrem Mann die Straße entlanglaufen und kein Kind dabei haben, das das »Gesamtbild« komplettiert, fragen die Leute: »Wann bekommen Sie Kinder? Warum haben Sie keine Kinder? Sind Sie gesund? Geht es Ihnen gut?« Das Bild ist unvollständig’, so Nacyb Allouchi gegenüber Al-Monitor. Die 34jährige Allouchi stammt ursprünglich aus Ain Draham, einer Gebirgsstadt im Gouvernement Jendouba im Nordwesten Tunesiens. Seit ihrer Eheschließung lebt sie in Jendouba, der Stadt ihres Mannes. Die unweit der algerischen Grenze gelegene Stadt, in der etwa 50.000 Menschen leben, gilt als eine konservative ländliche Stadt. Allouchi gehörte 2013 zu den Mitbegründerinnen von Rayhana, einem Frauenverein in Jendouba. ‚Ich mag die Präsidentin eines vielseitig aktiven Vereins sein, doch in unserer Gesellschaft ist eine Frau zuallererst eine Tochter und dann eine Frau und Mutter’, so Allouchi. ‚Als aktive, vollwertige Person gelte ich nur mit Blick auf diese Rollen.’ Bevor sie ihr erstes Kind hatten, waren Allouchi und ihr Mann Adnan fünf Jahre lang kinderlos verheiratet. ‚Es handelte sich anfangs nicht um eine bewusste Entscheidung, aber ich fand es wichtig so viel Zeit wie möglich mit meinem Mann zu verbringen’, berichtet sie. ‚Andererseits wurde mir im Laufe dieser fünf Jahre klar, dass meine Nachbarn mich alle bemitleideten und annahmen, ich sei traurig. Daher besuchten sich mich nicht oft.’

Mit den übrigen Angehörigen von Rayhana organisierte Allouchi Mitte September eine Vorführung des Films ‚Lunadigas’, einer italienischen Dokumentation, die sich des heiklen Themas Frauen, die beschließen, keine Kinder zu haben, auf ironische, originelle und mitunter witzige Weise annimmt. Eine Woche vor dem Termin gewann der Film beim Chouftouhonna Feminist Art Festival in Tunis den ersten Preis für Dokumentarfilme. Danach kamen die italienischen Regisseurinnen zur Vorführung und anschließenden Diskussion, bei denen Al-Monitor zugegen war, nach Jendouba. Im sardischen Dialekt bezeichnet ‚lunadigas’ rebellische Schafe, die keine Lämmer gebären. ‚Das Thema der Kinderlosigkeit ist in der tunesischen Gesellschaft ein Tabu’, so Marwa Whibi, die ebenfalls Rayhana angehört, während der anschließenden Diskussion. ‚Also, als allererstes gratuliere ich den Regisseurinnen, dass sie das Thema überhaupt ansprechen. Es sollte sich um eine persönliche Wahl und nicht um eine gesellschaftliche Pflicht handeln.’ (…) Aber nicht alle Teilnehmerinnen an der Debatte stimmten zu. (…) Manche der anwesenden Frauen meinten, unverheiratete und kinderlose Frauen seien unglücklich und sollten einen Psychologen aufsuchen. (…) Seit der Geburt ihres Sohnes hat Allouchis Welt sich verändert. ‚Das Baby ist wie ein Pass, wie ein Visum. Die Gesellschaft kommuniziert durch das Kleinkind mit der Frau. Nun kommen die Nachbarn alle und besuchen mich und das Baby.’ Vereine wie Rayhana arbeiten hart daran, die Wahrnehmung der Frauen in der tunesischen Gesellschaft zu verändern. Doch ‚der Prozess ist langwierig’, so Allouchi.“ (Marta Bellingreri: „Tunisian women break taboo saying no to children“)

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