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Wird Israel Erdgas nach Europa liefern?

Israelische Erdgas-Bohranlage
Israelische Erdgas-Bohranlage (Quelle: רן ארדה - אורי כפיר / CC BY-SA 3.0)

Angesichts der dringlichen Suche europäischer Länder nach Alternativen zu Energielieferungen aus Russland will Israel die Erkundung neuer Erdgasfelder im Mittelmeer wieder aufnehmen, da es jetzt reelle Chancen für Israel gibt, Erdgas nach Europa zu exportieren.

Israel nimmt seine Offshore-Erdgasexploration im Mittelmeer wieder auf und hofft, bald eine Einigung über den Gasexport nach Europa zu erzielen, sagte Israels Energieministerin Karine Elharrar am Montag und gab damit zwei Neuigkeiten bekannt.

Denn erst vor sechs Monaten hatte Elharrar ein Moratorium für die Erkundung potenzieller neuer Erdgasvorkommen in israelischen Gewässern verkündet und dies damit begründet, dass mehr Anstrengungen auf die Entwicklung alternativer Energien gelegt werden müssten. David Rosenberg, Wirtschaftskolumnist der israelischen Tageszeitung Haaretz, spricht von einer 180-Grad-Wende der Ministerin.

Elharrar begründet ihre Entscheidung mit der neuen Situation nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, was ja nicht aus der Luft gegriffen ist: Um von russischem Erdgas unabhängig zu werden, braucht die EU nicht nur einen neuen Lieferanten, sondern viele.

Während es nach Norwegen oder Algerien Pipelines gibt, durch die das Gas fließt, kann Erdgas von den meisten anderen potenziellen Lieferanten nur mit dem Schiff nach Europa transportiert werden, und zwar in Form von verflüssigtem Erdgas (Liquified Natural Gas, LNG), das dann in speziellen Terminals regasifiziert und durch das europäische Pipelinenetz zu den Verbrauchern gebracht wird.

Weil auch große LNG-Exporteure wie die USA und Katar nicht in der Lage sein werden, Russlands Lieferungen zur Gänze zu ersetzen, sucht die EU neue Lieferanten. Über ein bestehendes ägyptisches LNG-Terminal Erdgas aus Ägypten und Israel zu importieren, erscheint als logische Option, da beide Länder in den nächsten Jahren viel mehr Erdgas produzieren werden als in der Region – inklusive Jordanien ­– verbraucht wird.

Die Idee der EastMed-Pipeline, die Israel über Zypern mit Griechenland verbindet, hat nicht mehr die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Eine solche Pipeline hätte israelisches und ägyptisches Erdgas wegen der viel niedrigeren laufenden Kosten für europäische Verbraucher billiger gemacht, ihr Bau aber rund sechs Milliarden Euro gekostet und zu politischen Konflikten mit der Türkei geführt, die sich umgangen gefühlt hätte und Teile des Gebiets, durch das die Pipeline führen würde, für sich beansprucht.

Produktionsverdopplung geplant

Israel wird laut Nachrichtenagentur Reuters in den kommenden Jahren seine Erdgasförderung von 20 auf 40 Mrd. Kubikmeter pro Jahr verdoppeln – genug für den Export nach Europa.

»Die Hoffnung ist, einen relativ schnellen Arbeitsprozess zu schaffen und bereits im Sommer eine Rahmenvereinbarung zu erreichen«, sagte Lior Schillat, Generaldirektor des israelischen Energieministeriums, bei einem Besuch des Bohrschiffs in Karish, einem Gasfeld etwa 90 Kilometer vor der Küste Israels, das noch in diesem Jahr in Betrieb gehen soll. Dessen Eigentümer, das in London ansässige Unternehmen Energean, hatte das Feld kürzlich durch die Entdeckung angrenzender Lagerstätten deutlich vergrößert.

Für den Export israelischen Erdgases gibt es verschiedene Möglichkeiten. Statt über Zypern könnte es auch über das Pipelinenetz der Türkei transportiert werden. Diese Lösung favorisiert der türkische Präsident Erdogan. Eine Pipeline, die Israel mit der Türkei verbindet, würde etwa 1,5 Mrd. Euro kosten und damit günstiger sein als das EastMed-Projekt, doch aus politischen Gründen – Israel und die Türkei waren in der Vergangenheit nicht immer beste Freunde – ist eine solche Lösung noch weniger wahrscheinlich.

Was dann noch bleibt, ist die Möglichkeit, in Israel schwimmende Terminals zu errichten oder eben die bestehenden Anlagen in Ägypten zu nutzen, worauf es letztlich hinauslaufen wird.

Die israelische Stadt Ashkelon ist mit dem ägyptischen Al-Arisch im Nordosten der Sinai-Halbinsel durch eine Unterwasserpipeline verbunden. Von dort wird das Erdgas zu Ägyptens beiden Erdgasverflüssigungsanlagen Idku und Damietta weitergeleitet. In Europa gibt es mehrere LNG-Terminals, die als Anlaufstelle infrage kommen, beispielsweise jenes auf der kroatischen Insel Krk oder das italienische Rovigo bei Venedig.

Europa scheut langfristige Verträge

Wird Israel also in Zukunft die EU mit Erdgas beliefern? Mena-Watch befragte dazu Anna Mikulska, Dozentin für Russland- und Osteuropastudien an der University of Pennsylvania, Dozentin für Energiepolitik am Center for Energy Studiesan der Rice University in Houston, Texas, und Expertin für europäische Energie-Geopolitik.

»Angesichts der Probleme, die Europa mit russischem Gas hat, scheint es so gut wie sicher, dass Europa so schnell wie möglich von der russischen Versorgung wegdiversifizieren wird. Der politische Wille dazu ist vorhanden und Unternehmen möchten auch nicht mit Russland in Verbindung gebracht werden, da dies für ihr soziales Image usw. im Hinblick auf den russischen Einmarsch in die Ukraine problematisch ist.«

Die Beispiele von Ländern wie Polen, Bulgarien und Finnland oder Unternehmen wie Shell, Gasterra und Osted zeigten, dass Unternehmen bzw. Staaten, die in der Lage seien, sich von russischem Gas abzuwenden, dies auch tun, so Mikulska.

»Die russische Regierung, die die Zahlung in Rubel verlangt, hat es ihnen leicht gemacht, ihre Importe vorzeitig zu beenden. Andere müssen sich wohl noch etwas gedulden, hier kommt mittel- bis langfristig eine alternative Versorgung ins Spiel.«

Es werde darum »definitiv eine Bewegung in Bezug auf LNG aus Israel bzw. Ägypten geben«, glaubt die Wissenschaftlerin, da es relativ schnell aktiviert werden könne. Zudem sei das Krk-Terminal bereits in Betrieb, ein griechisches LNG-Terminal werde 2023 in Betrieb gehen und einige schwimmende LNG-Terminals könnten hinzukommen.

»Der Vorteil von schwimmenden LNG-Terminals besteht darin, dass sie relativ rasch installiert und an jedem beliebigen Punkt bewegt werden können, was einen schnellen Zugang ermöglicht, ohne die Region jahrzehntelang an Erdgas zu binden. Dies wird für Europas politische Entscheidungsträger wichtig sein, die sich für eine schnellere Energiewende einsetzen, weswegen es ihnen widerstrebt, langfristige Lieferverträge abzuschließen.«

Was das East-Med-Pipeline-Projekt betrifft, sei nicht allein die Haltung der US-Regierung entscheidend, so Mikulska, die EU-Politik sei vielleicht das noch größere Problem: »Der Bau der Pipeline würde lange dauern, und wenn sie rentabel sein soll, muss sie jahrzehntelang betrieben werden.«

Da die EU aber bald aus fossilen Brennstoffen aussteigen wolle, habe sie möglicherweise wenig Anreiz, eine solche Pipeline zu bauen. »Es kann darüber gesprochen werden, die Pipeline für den Transfer von Wasserstoff oder Wasserstoffmischungen geeignet zu machen, um sie im Rahmen der Energiewendepläne rentabel zu halten, aber dies würde die Investition noch teurer machen.« Zudem, so gibt sie zu bedenken, sei die Wasserstoffwirtschaft keine Realität, sondern lediglich eine erwünschte mit noch ungewisser Zukunft.

Eine andere Option sei die Entwicklung von Mechanismen zur Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung in den Märkten, in welche die Pipeline münden würde, um die CO2-Neutralität zu gewährleisten. »All dies macht die Pipeline natürlich ebenfalls teurer und es werden Zusicherungen benötigt, dass sie über Jahrzehnte funktionieren würde, um die Investition zu amortisieren.«

Israelisches und ägyptisches Erdgas in Form von LNG in die EU zu bringen und dafür vielleicht einige zusätzliche schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheiten zu errichten, könne darum die bessere Option sein, so Mikulska, »selbst wenn die Nominalkosten von LNG höher sind als die Kosten für Pipeline-Gas«.

Signifikante Lieferungen ab 2024

Lior Schillat, Generaldirektor des israelischen Energieministeriums, sagte gegenüber Reuters, Israel werde zu Beginn kleine Mengen an Erdgas nach Europa exportieren, »die langsam, mit steigenden Produktions- und Lieferkapazitäten, steigen werden«. Solche Lieferabkommen, so Schillat weiter, würden in der Regel zuerst zwischen Regierungen geschlossen und dann im Privatsektor.

»Realistisch gesehen« würde dies Europa frühestens im Jahr 2024 helfen, nicht aber im nächsten Winter und auch nicht im übernächsten. Die Zeit danach ist aber nicht weniger wichtig, denn wenn Europa erklärtermaßen bis spätestens 2030 völlig auf russisches Erdgas verzichten will, wird es Jahr für Jahr größere Mengen LNG einkaufen müssen.

Europa konkurriert auf dem LNG-Weltmarkt mit Ländern wie Pakistan, Südkorea, Taiwan, Japan oder Sri Lanka. Und treibt so die Preise hoch. Der Energiehunger der EU führt schon jetzt dazu, dass viele ärmere Länder sich Erdgas nicht mehr leisten können. Diesen Sommer sind nach Schätzungen weltweit eine Milliarde Menschen von Stromausfällen bedroht. Dazu trägt, neben einer Reihe anderer Faktoren, auch die Erdgasknappheit bei. Weil Investitionen in die Erdgasförderung jahrelang vernachlässigt wurden, wird sich die Situation noch lange nicht entspannen.

Da LNG-Tanker knapp und teuer sind, könnten zukünftig auch die mit dem Schiff zurückzulegenden Entfernungen eine große Rolle spielen. Ein LNG-Tanker, der mit einer Geschwindigkeit von zehn Knoten unterwegs ist, benötigt von Ägypten oder Israel nur sechs Tage, um die europäischen LNG-Terminals Krk oder Rovigo zu erreichen. Von Katar bräuchte er 20 Tage, vom amerikanischen LNG-Terminal Sabine Pass in Louisiana nach Antwerpen sind es 25 Tage.

Ägypten und Israel haben also nicht nur Erdgas, das Europa dringend benötigt, und die Fähigkeit, es innerhalb von zwei Jahren an den Start zu bringen, sondern es liegt auch direkt vor Europas Haustür.

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