Wenn Besessenheit von Juden nicht als Antisemitismus gilt

„Als Abbas am Montag seine Rede hielt, erregte sie unter den Zuhörern wenig Aufsehen. Dass es in der palästinensischen Gesellschaft ein Antisemitismusproblem gibt, wird weitgehend geleugnet. In einer 2006 veröffentlichten Studie, ‚Judeophobia in Context: Antisemitism among Modern Palestinians‘ hieß es beispielsweise, Palästinenser würden ‚mit Blick auf ihren Konflikt [mit Israel] mitunter eindeutig zwischen dem Zionismus (oder Israel) und Juden unterscheiden, doch gab es auch Fälle, in denen diese Unterscheidung nicht gemacht wurde, was die Verbreitung einer Feindschaft gegenüber Juden im Allgemeinen ermöglicht‘. Dabei muss man den größeren Zusammenhang berücksichtigen. In einer globalisierten und durch das Internet vernetzten Welt bleibt der Antisemitismus nicht auf einzelne Gesellschaften wie die palästinensische beschränkt, sondern er ist Teil eines viel breiter angelegten kulturellen Milieus. Durch die sozialen Medien ist der Antisemitismus in Teilen der muslimischen und arabischen Welt zum Mainstream geworden.

Doch hat dies auch eine absurde Kehrseite. Neben klassischen antisemitischen Motiven gehören dazu die Holocaustleugnung und die Behauptung, Israel behandle die Palästinenser so wie einst die Nazis die Juden. Wie sich diese beiden Motive, die Holocaustleugnung und die Anschuldigung, Israel habe die Rolle der Nazis inne, vereinbaren lassen sollen, sei dahingestellt. Ebenso widersprüchlich scheinen die Hakenkreuzgraffiti in den palästinensischen Gebieten und die Tatsache, dass ‚Mein Kampf‘ mitunter bei Straßenhändlern in Ramallah erworben werden kann. Behauptet man aber, dies deute auf verbreitete antijüdische Ressentiments hin, wird mit Erstaunen reagiert. (…) Die ‚Nakba‘ wird immer mit dem Holocaust in Verbindung gebracht, als gebe es einen Leidenswettbewerb oder eine Art Äquivalent: ‚Die Israelis leugnen die Nakba, also leugnen wir den Holocaust.‘ Nur wenn beiden Parteien akzeptieren, dass die Shoah und die Nakba das gleiche sind, heißt es, könne es ein Gespräch geben.

Meiner Erfahrung nach hat es die Neigung, zwischen ‚Juden‘, ‚Zionisten‘ und ‚Israelis‘ zu differenzieren, als handele es sich um drei getrennte Kategorien, nur bei den Eliten gegeben. Doch selbst in der Elite und unter Intellektuellen war das Verständnis für die Unterschiede gering. Juden sind Zionisten und Israelis. (…) Die Bemerkungen Abbas’ werden bereits als ein weiteres Mittel dargestellt, mit dem Israel den Westen manipuliert hat, um ihn zur Verurteilung des palästinensischen Anführers zu veranlassen. Dass die Besessenheit mit ‚Juden‘ Teil eines antisemitischen Musters ist, wird in der palästinensischen Öffentlichkeit und Führung kaum verstanden.“ (Seth J. Frantzman: „Palestinian antisemitism: Skin deep, widespread and not well understood“)

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