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Tunesierin wird erste Afrikanerin im All

Frauen in Tunis feiern Tunesiens Tag der Frau am 13. August
Frauen in Tunis feiern Tunesiens nationalen Tag der Frau am 13. August (© Imago Images / ZUMA Wire)

Auch wenn Tunesien als arabisches Vorbild für Frauenrechte gilt, steht echter gesellschaftlichen Fortschritt hin zur völligen Gleichberechtigung der Frauen immer noch aus.

Im Hauptquartier des tunesischen Technologiekonzerns Telnet wurden am 13. August acht Tunesierinnen als Kandidatinnen für das erste tunesische Raumfahrtprojekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Alle sind Absolventinnen der Fliegerschule von Borj Al-Amri und dienen als Kampfpilotinnen in der tunesischen Luftwaffe.

Die Gewinnerin des Auswahlwettbewerbs wird zugleich die erste Afrikanerin im Weltraum sein. Die Mission, die im Rahmen einer 2021 unterzeichneten bilateralen Vereinbarung mit Russland stattfindet, soll im März 2024 beginnen und zehn Tage lang dauern. Derzeit nehmen die Kandidatinnen an Eignungsprüfungen teil. Sechs von ihnen werden für weitere Tests ausgewählt. Die beiden Besten reisen anschließend zum Kosmonautenausbildungszentrum Juri Gagarin im »Sternenstädtchen« (Swjosdny Gorodok) bei Moskau. Eine der Frauen wird zur Internationalen Raumstation ISS reisen, die andere sich als Ersatz bereithalten.

Das Datum war mit Bedacht gewählt: Der 13. August ist Tunesiens Tag der Frau. Am 13. August 1956, weniger als fünf Monate nach der staatlichen Unabhängigkeit, erließ der damalige Ministerpräsident und spätere Präsident Habib Bourguiba ein Dekret, das als Code des persönlichen Status (CPS) Tunesiens Frauen Rechte einräumte, die mit der damaligen Tradition in vielerlei Hinsicht brachen.

So wurde ein Mindestalter für die Eheschließung festgesetzt, 18 Jahre für Männer, 15 Jahre für Frauen. Eine Scheidung war nicht mehr das alleinige Privileg des Mannes, der seine Frau nach Belieben verstoßen konnte, sondern wurde einem weltlichen Scheidungsgericht unterstellt. Dieses muss von beiden Ehepartnern gemeinsam angerufen werden, außer in Fällen, in denen einem der Partner durch den anderen Leid zugefügt worden ist. Polygamie, damals schon selten, wurde verboten.

Reform geplant …

Tunesien gilt seither als »arabisches Vorbild für Frauenrechte«. Aber das Bild ist nicht ungetrübt. So fortschrittlich der Code des persönlichen Status für damalige Verhältnisse war und im Vergleich zu anderen Ländern der Region heute noch ist, enthält er auch Bestimmungen, die Frauen benachteiligen. Der Mann wird in dem Dekret zum »Oberhaupt der Familie« erklärt, was ihm Vorteile verschafft. Zudem übernahm der Code die islamische Tradition, dass ein Sohn doppelt so viel erbt wie eine Tochter.

Am Frauentag 2018 setzte Tunesiens damaliger Präsident Beji Caid Essebsi dieses Thema wieder auf die Tagesordnung und reagierte damit auf Empfehlungen der Kommission für individuelle Freiheiten und Gleichheit (Colibe), die er im August 2017 eingerichtet hatte.

Während er von anderen Empfehlungen dieser Kommission, etwa der Entkriminalisierung von Homosexualität oder der Abschaffung der Todesstrafe, nichts hören wollte, versprach er, »einen Gesetzesentwurf zur Gleichstellung der Geschlechter im Erbrecht« vorzuschlagen. Zur Begründung dieser Entscheidung verwies Essebsi auf die Verfassung von 2014, die bekräftigt, dass männliche und weibliche Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben.

… aber nicht umgesetzt

Das Kabinett stimmte einer entsprechenden Gesetzesvorlage zu, doch im Parlament wurde nie darüber abgestimmt. Im Juni 2019 erkrankte Essebsi schwer und verstarb im folgenden Monat. Der derzeitige Regierungschef Kais Saied lehnt eine Reform des Erbrechts ab. Bei einer Rede zum Nationalen Tag der Frau 2020 sagte er, jegliches Reden über Gleichheit bei der Erbschaft sei »nicht unschuldig«, sondern darauf aus, eine »falsche Debatte« anzuzetteln. »Der koranische Text ist klar und erlaubt keine Interpretation«, so Saied.

Der Präsident hat eine Regierung einberufen, die sich zu mehr als einem Drittel aus Frauen zusammensetzt. An der Spitze steht mit der Geologin Naja Boden ebenfalls eine Frau. Präsident Saied hat sicherlich auch nichts dagegen, dass eine Frau in den Weltraum fliegt. Nur echten gesellschaftlichen Fortschritt hin zur Gleichberechtigung der Frauen in Tunesien gibt es mit ihm gewiss nicht.

Und selbst die jetzigen Rechte von Frauen könnten jederzeit zurückgenommen werden. Die neue Verfassung gibt dem Präsidenten fast unbeschränkte Macht und nennt in Artikel 5 als Staatsziel die »Verwirklichung der Ziele des reinen Islam bei der Bewahrung von Leben, Ehre, Geld, Religion und Freiheit«.

Seifenoper – leider in Realität

Das kulturelle Klima ist nicht günstig. Wenige Tage vor dem 13. August berichteten Tunesiens Medien über einen Vorfall wie aus einer Seifenoper. Eine Fernsehschauspielerin wurde angeblich des Ehebruchs überführt. Sie soll ihren Ehemann, einen Regisseur, mit einem jüngeren Mann betrogen haben. Der Ehemann hatte sie mit Überwachungskameras beobachtet. Die Polizei verhaftete die Frau und den jungen Mann und fand angeblich auch Drogen.

»Nur Feministinnen prangern den Ehepartner und seine Praktiken an«, sagte die Tunesierin Anissa Dridi gegenüber einer Reporterin des französischen Magazins Jeune Afrique. »Wenn es um einen Mann geht, hat er Schneid, seine Frau zu betrügen, wenn es um eine Frau geht, wird sie zu weniger als nichts.« Dridi befürchtet, dass die Errungenschaften von Tunesiens Frauen rückgängig gemacht werden könnten – im Namen der »Moral«.

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